Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 14 (7.7.1921)
- Date
- 1921-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sittlichen und moralischen Kräfte der Menschheit -und andere schöne Dinge zur Verfügung sichen. Arme, verblendete Menschheit, die ihre vulgären Leidenschaften als Betätigung von hohem Idealismus auszugeben pflegt! Die Frage von Schuld und Unschuld bei den Vorgängen in Jaffa hat der Strafrichter zu entscheiden. Für den Politiker hat diese Frage eine fchr untergeordnete Bedeutung. Nicht darauf kommt es dem Politiker an, wer im gegebenen Falle hier unrecht getan hat. Nicht die Frage ist entscheidend, welche einzelnen Personen in den konkreten Vorgang verwickelt sind, sondern maßgebend ist dabei, aus welchen allgemeinen Ursachen der Haß und die Blutsaat empovgewachsen sind. Diese -Ursachen-, die vor einem Jahre in Jerusalem verwandte Ereignisse zeitigten, sie haben auch Hier wieder fortgewirkt, undsie werden weiter fortwivken, wenn nicht das Hebel mit der Wurzel ausgerottet wird. * * * « Ich möchte an Vorgänge erinnern, bei denen ich selbst beteiligt gewesen bin und die in Mer Klarheit zeigen, wie die neueste EnÄvicklung in Palästina au!f eine Verschärfung der Gegensätze hindrangen mußte, und wie purch das Außer achtlassen der primitivsten politischen Klugheit sich schließlich ein Hatz zwischen Mahammedanern und Juden entzündete, der dann zu Explosionen geführt hat, wie sie sich in verderblicher Weise in Jerusalem und jetzt in Jaffa urtd in kleinerem Umfang an einer ganzen Reihe von Orten in Palästina abgespielt haben. Was habe ich selbst erlebt? Es war mir gelungen, die Gelder für 'den Bau des TechnAums in Haifa durch -die OpferwiAWeit einer Reihe von Glaubensgenossen in Rußland, in Deutschland, in den Bereinigten Staaten auszubringen. Die Voraussetzungen, waren damit gegeben. Ich hätte das nötige.Terrain an einem wundervollen Platze oberhalb der Stadt Haifa einem Plateau der Vorberge des Karmel mit einzig- . schönem Blick über Ms Meer erwerben können. Ich war i in Haifa, um die Verträge mit den «Bauarbeitern abzuschtießen. Es war meine Absicht, dieses Werk, «das zur intellektuellen Entwicklung des Judentums in Palästina «errichtet werden sollte, gleichzeitig zu benutzen, . um die Gegensätze zwischen Christen, Mohammedanern und Inden -nach Möglichkeit auszugleichen; um allen drei Richtungen zum klaren Bewußtsein zu bringen, daß der gesunde Fortschritt für die einen «auch der gesunde Fortschritt für die andern und ein Vorteil in jedem Sinne für Me sein würde. Nach meiner Absicht sollten neben den Inden auch Christen und Mohammedaner diese Lehrstätte besuchen können. Diese Lehrstatte, «aus jüdischem Geld errvchtet, sollte zwar in . erster Reihe der jüdischen Jugend gewidmet sein; aber soweit Geld und Platz es zuließen, sollten keineswegs Christen und Mohammedaner ausgeschlossen werden. Ich hätte eine solche Ausschließung «für einen schweren, unverzeihlichen Fchler gehalten, ustd ich «betone das jetzt, damit nicht dieser Fchler vielleicht in Zukunft, nachdem der Einfluß meiner Freunde und mein Einfluß auf das Technikum vollkommen verschwinden mußten, gleichwohl begangen wird. In jenen vergangenen Jahren vor dem Kriege handelte es sich in erster Reihe um die Frage, woher sollen die Arbeiter und die Untern-chmer für den Bau des Technikums genommen werden? Jüdische Chauvinisten standen auf dem Standpunkt, daß an IdUseim jüdischen Technikum, das von jüdischem Geld errichtet wurde, .nur jüdische Handwerker -und Arbeiter unld WerKeiter zu beteiligen seien. Unter sehr schweren Widerständen gelang es mir, das völlig entgegengesetzte Prinzip zur Gettung zu bringen. Es war mir klar, daß die Zukunft des Technikums nur gesichert sein konnte, wenn das Institut nicht Mein von jüdischen, «sondern auch von christlichen und mohammedanischen Sympathien schützend umhegt war. Und so setzten es meine Freunde und j ich durch, daß bei den Arbeiten Inden wie Christen und i Mohammeaner beteiligt wurden, damit sie alle so er- Feuilleton « Lebenserinnerungen d«s Oberkantors M. T. Weis, (Schabse Weib). Ausgezeichnet von Max W e t ß. In erregter Stimmung, in schlaflosen Nächten Pflegt mein nun 66jähriger Vater mir seine Erinnerungen zu erzählen. Der Inhalt dieser seiner ErMnisse hat in mir den Entschluß reifend gemacht, sie festzuhMen und ich glaube, der Oeffenllichkeit mit ihnen nicht lästig zu werden. Wohl scheint mein Beginnen fürs erste dem Publikum nicht gerechtfertigt. Wozu werden uns in bitter schweren, von politischen Umstürzen, sozialen Umwälzungen, von Rassen- und nationalem Haß, gedrückten Zeit, da ohnedies jeder, auch der unfähigste Genevalstabso ffizier es für unerläßlich erachtet, dem vielgeplagten Volke feine Meinung in Gestalt von Memoiren aufzudrängen, die L-ebenserM-werungen eines alten Kantors aufgetischt? Welche materiellen Vorteile eräugen wir in der Kenntnis dieses Lebens? Und so fort bisin die Unendlichkeit könnten Fragen nach Zweck und Ziel dieser Schrift aufgeworfen werden. Auf all diese Fragen will ich nur eine Antwort geben: Wie der Held dieser Erlebnisse nur Ideales anstrebte, ideal lebte, ideale Ziele verfolgte, keinerlei Sinn für materielle Werte hegte, so soll auch diese Schrift zwei «ideale Ergebnisse haben: jüdisches Kulturleben schildern und das Leben eines Idealisten wiedevgeben. In dieser Zeit des extremsten Materialismus einerseits, des überall sich verbreitenden Kommunismus anderseits wird es verwundern, wenn ich behaupte, beide politischen Richtungen sind im menschlichen Geiste innewohnende Phänomene und bezeichnend für die geistige Kapazität des Menschen ist die -Größe, die räumliche Ausdehnung, die jede einzelne beider Erscheinungen in seinem Innern begrenzt. Uebevwiiegt der kommunistische Gedanke, dem ich übrigens die Möglichkeit auf Staatsgebilde ausgedehnt, vclksboglückend zu wirken abspreche, wind der ganze Materialismus kommunistischen Zwecken zugeführt und wir stehen vor einem selbstlosen Edelmenschen, für den es nur Bedürftrisse anderer gibt. Allerdirrgs ist diese Katharsis der Prinzipien äußerst selten und die also Geläuterten gehen oft an ihren Idealen zugrunde. Das schönste Beispiel «dieser Auffassung sind die Jdealgestatten Lessings: Nathan und Saladin. Der Anwendung des Kommunismus zugunsten des Materialismus hat daS bürgerliche Gesetzbuch vorgeb engt.