Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 14 (7.7.1921)
- Date
- 1921-07-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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MMäMM ZelWrfft für C 4Ä-Ä-16 eInteEn- REDAKTIONirAOMlMlSTOATlON Mir» S.» Hrinrstraßr IS Wie», 7. Juli 1SL1 Nummer 14 XXXVII. Jahrgang Das Ende palästinensischer Illusionspolitik. Von Dr. Paul N»atH an. Die Zeitschrift des Zentralvereined deutscher Staatsbürger jüdisc^n Glaubens „Im deutschen Reich" bringt in ihrem Mai-Junitzeft aus der Feder Dr. Paul Nathans den hochinteressanten Aufsatz „Das Ende palästinischer Jllufionspolitik", der geistvoll-logisch und überzeugend die bisherigen Fehler und Jrrtümer nachweist, die von verschiedener Seite bei den Lösungsversuchen des Palästina- Problems begangen wurden. Die Ausführungen des Verfassers erscheinen wie ein Brennpunkt . unserer bisherigen, den Zionismus betreffenden Publikationen und werden namentlich durch die von Dr. Paul Nathan gegebenen neuen Ausdeutungen weitgehendes Jweresse finden. In Palästina spielen 'sich zurzM Vorgänge ab, die eine Allgemeine, eine prinzipielle Bedeutung Haben, und die zugleich für die Juden insbesondere bedeutungsvoll genug sind. Es ist der Kampf zwischen Ansprüchen, die sich aus der historischen Vergangenheit herleiten lassen, und Ansprüchen, die sich aus den realen Verhältnissen der Gegenwart ergeben. s Sucht man nach einem Parallelismus, so kann man auf die Verhältnisse in Oberschlesien Hinweisen. So anders geartet die Voraussetzungen auch hier 'sind — es gibt doch auch in Oberschlesien vor allem einen Kampf, den die Nationalitätenfrage entzündet hat. Es handelt sich in Palästina wie in Oberschlesien — und man könnte noch andere Beispiele heranziehen, so Irland, die russische RandftaatenpoMik, Aegypten, Indien — immer darum, Nationalitätenfragen zu einem Ausgleich zu bringen, und das Problem wird noch dadurch »kompliziert, daß auch die Frage zu lösen bleibt, wie die Repräsentanten höherer Kulturentw'icklung gegen die Repräsentanten niederer Kulturentwicklung zu werten sind. Endlich spielen in diese komplizierten Probleme die Fragen brutaler politischer Machtpolitik auf >das stärkste und aus das verw'irrendste hinein. Diese Andeutungen müssen genügen, um zu zeigen, daß das palästinensische Problem, das uns Juden so stark beschäftigt, nicht als eine isolierte Erscheinung zu betrachten ist. Es ist das Ergebnis -von Entwicklungen unserer Zeit, die in Palästina zu Konflikten geführt haben und führen mußten. Palästina ist 'ganz gewiß nicht das einzige Land, in dem diese Strömungen und Gegenströmungen cmseinanderwirken; wohl aber zum Glück für das Jrchentum ein Gebiet, wo zwar auch die Gegensätze zugespitzt genug sind, wo aber zugleich die Hoffnung besteht, daß «kr AusAeich sich unter geringeren Zückungen wird vollzichen lassen^ wie-oeispielMeisie in Oberschlesien oder in Irland oder in Elsaß-Lothringen oder in Indien oder sonstwo. Wenn mmr in diesem weiteren Rahmen jetziger politischer Entwicklung die palästinensische Frage betrachtet, so muß das die Parteileidenschaften wenigstens im-gsvisten Umfange entgiften. Wir stehen eben auch in Palästina vor einem jener großen MenschheWprobleme, die sich mit Naturnotwendigkeit aus der Entwicklung der Gesamtzivilisätion, aus der Entwicklung des Lebens der Völker und der Staaten ergeben müssen. Nicht Böswilligkeit und nicht Kurzsichtigkeit schasst diese Probleme; sie sind n«turnotwendig, und ihre bösesten Folgen können nur durch kluge Besonnenheit äbgcweNdet werden. In Palästina wird sich eine verhältnismäßig ruhigere Entwicklung am chesten erreichen lasten. Vor nuumchr einem Jahre haben sich in Jerusalem recht böse Zusammenstöße Mischen Mohammedanern und Juden abgespielt. Solche Zusammenstöße haben am 2. Mai d. I. wiederum ftattgsefu-niden; diesmal nicht in Jerusalem, sondern in Jaffa. Die Zusammenstöße zwischen Juden und Arabern müffen hier sehr heftige und sehr wilde gewesen sein. Nach dem ersten Telegramm von Sir Herbert Samuel wird berichtet, daß rund 40 Personen, darunter 30 Juden und 10 Araber, getötet worden sind, und daß 142 Juden und 37 Araber in den Hospitälern verwundet liegen; weitere 28 Juden und 8 Araber waren, leichter verwundet. Sie wuvden im den Hospitälern zunächst behandelt; sie kolmten -aber dann sogleich wieder entlasten werden. Endlich sei noch bemerkt, daß eine Anzahl von Läden geplündert wurde. Die Folge dieser Vorgänge war, daß 60 Verhaftungen vorgenommen worden sind und das Kriegsrecht in der Stadt Jaffa proklamiert wurde. Also ein Nationalitätenkampf mit allen seinen charakteristischen Merkmalen. Und das ist »das Bezeichnende für den Orient. Auch dort treten die religiösen Fragen, der Gegensatz Mischen Mohammedanismus und Juden, wiewohl er gewiß nicht verwischt ist, zurück, und in den Vordergrund tritt die Nationalitätenfrage; die Frage: das nationale Arabertum gegen das nationale Judentum. Der NationaMätengegensatz drangt hier gleichfalls den religiösen Gegensatz zurück, ohne natürlich die religiösen Antipathien vollständig auszuwischen. Nur das eine ist festzustellen, daß der moderne Mensch seine primitiven Empfindungen: seine Leidenschaftlichkeit, Brutalität, seinen Haß, seine Plünderungsfuchk und Movdgrer unter einem neuen Etikett mit höheren Weihen zu beschönigen und zu adeln sucht. Früher kämpfte man zur höheren Ehre jenes Gottes, den man für dien einzigen wahren hielt; und heute kämpft man zur höheren Ehre jener Nationalität, die man für die höher geartete, für jene hält, der einzig die Gerechtigkeit, die historische Notwendigkeit, die höchsten