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Die Wahrheit · 1921-06-23 · Heft 13 (23.6.1921) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 13 (23.6.1921)
Date
1921-06-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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G Seite 10 DL« Wahrheit M. 1s er Wune nicht 'begreifen, wie Leute von" Einsicht und Ver> nunft sich zu jenen hatten, die der Ansicht sind, das Christentum müsse sich gegen Uebergrifse der „jüdischen Raste" schützen. Bon einer solchen sei überhaupt zu sprechen nicht statthaft. Mit gelungenem Spott sagte der Redner, als Angehöriger der israelitischen Religionsgemein-schaft sei er nach der Schweiz gereist und als Angehörigeder jüdischen Rasse wäre er nach der Theorie Audrassys zurückgekehrt. In weiterer Ausführung beleuchtete der Redner, daß alle Fehler, deren man die Juden zeche, Uöberble.bsel des Jahrhunderte bangen Ghettole-bens sind. Ihre Abgeschlosienheit von der übrigen Welt und den bürgerlichen mus vor, aber auch diese Eigenschaft hat das Ghetto ge> züchtet. Die unausgesetzten Empfindungen des Druckes, der Knechtung und Rechtlosigkeit mußten bei ihnen das Verlangen nach Vergeltung wecken. Will man jetzt, wo die Juden im Lichte der Freiheit leben, wieder ein neues Ghetto ohne sichtbare Mauern errichten? Das Unrecht der alten Zeiten abermals walten basten? Das wäre em Anachvonisnms, der sich bitter rächen würde. Die überwiegMde Mehrheit der vaterländischen Juden sind, das geben auch maßgebende christliche Gewährsmänner zu, tüchtige wertvolle Helfer am Wiederaufbau des Landes. Diesen dürfr man kein politisches, geschäftliches, gesellschaftliches, künstlerisches und soziales Ghetto durch einen Numerus Clausus bereiten. Die notwendige Folge müßte sonst sein, daß sie, von allen übrigen Berufen verdrängt, sich wie im Mittelalter nur noch intensiver dem Wucher in die Arme werfen würden. Man komme uns nicht mit der abgebrauchten Phrase, baß der moderne ungarische Jude durch seine Angehörigkeit zum Bolschewismus oder Kapitalismus das Vaterland ins Verderben stürze. Wir haben für diese verschwindend kleine Anzahl keine Sym> pachte. Haben die jüdischen Kapitalisten mit ihren armen Glaubensbrüdern geteilt, haben die Bolschewisten nicht auch gegen ihre Gbaubensbrüder gewütet? Haben sie die Gottseidank nur kurze Zeit innegehabte Macht mit ihren Glaubensbrüdern geteilt? Ebensowenig hat es mit dern „Mischen Freigeist" etwas auf sich. Dieser beginne erst wach der Saufe in Erscheinung zu treten und was seinen Acheismus betrifft, so hält er chn nicht ab, von rückwärts in den Tempel zu schleichen, weil man nicht wistetr kann, ob es am Ende nicht doch einen Gott gibt, mit" dem man sich verhalten soll. Von solchen exotischen vereinzelten Auswüchsen abgesehen, bildet das ungarische Judentum einen Block der aufgeklärten Demokratre, dessen das Land für seinen Wiederaufbau nicht entbehren kann. Im Haufe -er taubstummes jüdischen Kinder. Der ehrsame Nikolsburger Kaufmann Hirsch K o l i s ch und der katholische Religionsprosestor Dr. Hermann C z e ch fattden sich in ihrem gemeinsamen Sommeraufenthalt Balten bet Wien in der segensreichen Idee einer Taubstummenanstalt, die 1844 KU Nikvlsburg entstand und bald nachher in das große eigene Anstaltsgebäude auf der Landstraße übersiedelte. Derzeit steht die Anstalt, unter der segensreiche» umsichtigen'Leitung ihres als Pädagogen und Schriftsteller rühmlich bekannten Direktors Dr. Kren berge r. Im „N. W. Journal" schildert Kurt Sonnenfeld die wealen Zustande in diesem edelster Mnschenliebe gewidmeten Hause: Wir gehen in die Schlassäle hinaus, und einige Buben, die noch munter sind, zeigen mir ihre Sprechkünste. Der Herr Direktor fragt: „Was hast du heute gemacht?"^Er spricht ganz leise, fast tonlos. ES wäre ja auch überflüssig, laut zu sprechen, denn der Bub, der gespannt aus die Ltppen be8 Sprechenden schaut, hört ja nichts. Und schon antwortet er, mühsam und mit Anstrengung, .aber deutlich und verständlich: „Ich habe .heute im Garten Ball gespielt." Er spricht säst ganz ohne Betonung, so daß seine Stimme einen seltsam toten Klang hat— alter es ist doch bewundernswert, wie diese Taubstummen es erlernen, den Sprechenden hie Worte von den Lippen abzulesen und durch die Nachahmung der ihnen gezeigten Mundstellungen Laute hervorznbringen. Diese Lehrmethode setzt eine nicht geringe Intelligenz und Konzentrationsfähigkeit bei Lehrer und Schüler.voraus. Biele galizische Flüchtlingskinder sind in diesem Schlafsaal. Ungefragt und zutraulich erzählen sie mit der tonlosen und blechernen Stimme der Taubstummen, durch welches traurige Schicksal sie nach Wien verschlagen wurden. Der Direktor deutet auf zwei kleine Buben, die schon den sorgenlosen/ friedlichen Kinderschlaf schlafen, itttib erzählt mir, das seien Findlinge, deren Namen man nicht erfahren konnte. Ueberhaupt seien diese beiden Kinder, die körperlich ganz gut gedeihen, ein bißchen schwachsinnig und nicht zum Sprechen zu bringen. Wer weiß, ob diesen armen Kindern, die der Krieg nach Wien geschleudert hat, nicht der Schrecken eines Pogroms , bk S nne verwirrt hat, ob nicht vielleicht ihre Eltern äbgeschlachtet wurden und ihr Häuschen in Flammen aufging. -Sogar die taubstummen Enkelkinder eines leibhaftigen Wunderrabi, des großen „Ras" von Belz, befinden sich Hier, so daß man Sensationen entdeckt, auf dte man gar nicht gefaßt war. Aber auch noch andere Sehenswürdigkeiten gibt es in der Anstalt. Da ist zum Beispiel das große Ehrenbuch, in das die Besucher ihre Namen eintragen. Als Autogrammsammlung müßte dieses Buch einen geradezu unschätzbaren Wert haben, da es von der Kaiserin Elisabeth bis zu zeitgenössischen Künstlern, und Gelehrten eine Unzahl,von berühmten Namen mit herz-, lichen Widmungen enthält. ‘ In der Anstalt befinden sich gegenwärtig 89 Kinder, mehr Buben -als Mädel. Der größte Teil stammt ans Galizien. Für den Unterricht und die Beschäftigung der Kittder ist bestens gesorgt. Neben den Schülgegenständen lernen sie auch ein Handwerk. In der Anstalt befindet sich eine Schuster- und eine Schneiderwerkstätte, wo die Kinder sich nützliche, praktische Kenntnisse aneignen. Sehr hübsch ist dce Lehrmittelsammlung, itttb jm Turnsaal kann man sich überzeugen, daß die Anstalt" deren massive Mauern schon seit mehr als sechzig Jahren stehen und -die von altem, solidem' Hausrat erfüllt ist, in modernstem Sinne geleitet wird. Und der schattige Garten, über dessen grünen Wipfeln jetzt schon der Sternenhimtnel einer Hellen Frühlingsnacht flimmert, wird die Kinder, die 'm Sommer in Wien bleiben müssen, über dte Bruchitze der Großstadt hoffentlich hinwegtänschen. Daß die Anstalt Spetlden von Lebensmitteln, Wäsche und Geld dringendst benötigt, braucht man eigentlich gar nicht erst ausdrücklich zu betonen, weil es ja — in Wten im Jahre des Heils 1921! —: selbstverständlich ist. Mit aufrichtiger Dankbarkeit für die FMe von Eindrücken verabschiedet man sich von Direktor Krenberger. Radium und Thora. In Nummer 10 dieser Zeitschrift haben wir von den löblichen und segensreichen Bestrebungen der Pefter israelitischen Religionsgemeinschaft berichtet, die mit allen Kräften dahinwirkt, den Weg zum wahren Judentum ihren Gläubigen zu zeigen. Dieses ideale Ziel wird nicht durch leere parteipolitische Fragen oder unfruchtbares Gezänke der verschiedenen - Gruppen und Kasten innerhalb des Judentums verfolgt,' sondern durch praktische Tätigkeit und aufilärende Arbeit. Ein außerordentliches Verdienst hat sich in dieser Beziehung -der Obmann der Kultursektion Hoftat Profesior Doktor Salomon Eulenberg dadurch erworben, daß er «ne

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