Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 13 (23.6.1921)
- Date
- 1921-06-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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s. Seite 6 „Heiliger, betet um Regen!" Er aber vermochte nicht das beschlossene Verhängnis abzuwenben. Mer am folgenden Tage hörte er einen Dorfjuden das Schma-Gebet lesen und die Worte: „W'hoar et haschmajim w'lo jchjo motor" aus seiner glühenden Seele sprechen, welche Worte er einigemal nacheinander erschöpft wiederholt. Tief erschrocken fragte der Baalschem: „Bruder, weißt du die Bedeutung der Worte, die du soeben sprachest?" „Gewiß!" erwiderte der Jude schlicht und übersetzte den Vers also: W'ozar — und er wird ausdrücken, et haschomajim — die H'mmeln, w'lo jchjo motor -— und es wird auf dem Himmel mehr kein Regen sein. Der Baalschem wurde ob dieser naiv-unwissenden Auslegung sehr freudig, er verhieß noch für denselben Tag ausgiebigen Regen, der sich auch bald einstell-de und in Strömen floß. Frühling im Wiener Iudenviertel. Von Wo!f Rapaport (Przemysl). Eine Seitengasse vom Hohen Markt trifft man die Theaterkulisse des Kaufmannes von Venedig. Die Genrebilder von Schalom Asch, die Judengemälde Isidor > Kaufmanns, diese Interieurs und Architektur, welche die Phantasie mit den Novellen von Karl Emil Franzos füllt. Jede Großstadt hat dieses Judenviertel, die „modernste" und jene, in der bröckelndes, mittelalterliches Inventar mit Pietät konserviert wurde, ein -Stück alter Geschichte im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen, in Frankfurt, VenLig, Krakau, Wien: die Judengasse, -das Judenviertel. Zwei Schritte vom Hohen Markt/ ein Stück Ueberrest, ein versprengtes Stadtbild, wie ein verirrter ftemder Block inmitten des pulsierenden, eleganten, internationalen Großstadtlebens, wie ein verirrter Block neben jenem Häusergebirge, das man wienerische Architektur nennt. Noch haben die Häuser ihre großstädtische Höhe, aber sie scheinen sich scheu zu ducken,' enge, ganz enge zusanrmenzurücken, nur eil» Himmelsstrich zwischen und ober den Dächern. Aus diesen schmalen blauen Streifen lacht jetzt der Frühling, nein, er lächelt hier etwas -trübselig, schmermütig, die Sonne, die Maistrahlen scheinen 'nicht, sie zittern bloß obenhin an den schwarzen Mauern, berühren vorsichtig die alten Hosen, den Komm, der hier zum Verkauf aushängt. * Die Straß; ist immer vollgefüllt, jetzt im Frühling noch gedrängter. Es ist Frühling und zugleich die Zeit des Garderobewechses, des Ein- und Verkaufes. Der Wintermantel wird gegen den Ueberzicher, der warme Anzug gegen den leichten getauscht, Hausrat verklopft, um ein Schuhpaar aus zweiter oder dritter Hand: Man geht etwas verschämt in dke Seitengasse, der Beamte, der gedehmütigte und gedrückte, verarmte Mittelständler. Man geht auf gelöcherten, zerfransten Sohlen, aus leisen Sohlen, wie der Frühling selbst hin. Der Student, der Beamte, der Selbstkonsument, wie Der Zwischenhändler, der einkaust, um zu verkaufen. Die Juden - gasse wird zu einer Frühjahrsmesse des Antiquars, zu einer Bazorstadt. Die Sonne deckt die Schäden des Ladens brutal auf, beleuchtet Flecken, aufgerissene Nahte, den WL m „alten Glanz" des Anzuges. Der Winter hielt das Lager in eine warmherzige, zweckdienliche Finsternis.Alles neu macht der Mai, aber die Judenseele wird nicht frisch und frei, sie bleibt gedrückt, eingepreßt in dem engen Judenvierrel. Fünf Tage dauert^das Geschäftsleben, dann um die Dämmerung senken sich die Rollbalken und öffnet »ich der Tempel, Sabbathhüte, goldgeschnittene Gebetbücher, in all den engen Häusern Kuchenduft. Die Ersparnisse der Woche werden hingegeben, um den Freitag''Abend seiertägrg zu bestellen. Die Kerzen flimmern und der Flüchtling sieht die Heimat, das Judmgäßchen, das Judenhaus. Denn diese Judengasse Wiens scheint ja doch bloß ein Asyl, keine Heimat, eine Zuflucht, kein fester Boden. Er sieht hier in der Judengasse die andere Judengasse des Ostens wie ein Gefangener. Von Frühling zu Frühling. Iudenreinheit der Sommerfrischen. Die antisemitischen ' Blätter in Stadt und Land können sich nicht genug tun in Verhetzung der Bauernschaft gegen Aufnahme von Juden. Besonders großer Anstrengung bedarf es nicht. Wer gerne tanzt, dem ist leicht gegeigt. Wir haben bereits eine recht stattliche Reihe von Sommerfrischen, deren eingeborene Bevölkerung zum judenreinen Programm schwört. Sie können sich's ja leisten. Das österreichische Repertoirestück ist „Der Bauer als Millionär" und der hat es nicht notwendig, auf ein paar lumpige Kronen aus der Judenhand zu warten. Das war einmal. Heute aber — ja Bauer, das ist was anderes! Und so machen die biederen Landsleute nicht aus der Not, sondern im Gegenteil, aus dem Reichtum eine Tugend der Judenreinheit. Nichtsdestoweniger verspritzen die Wiener Autisemitenblätter das Gift ihrer schändlichen Gesinnung. So ließ sich vor kurzem das „Deutsche Volksblatt vernehmen: „Die vorjährigen Vorgänge, welche zu einer Austreibung der Juden aus Maria-Daferl führten, die gemeinen und niederträchtigen Drohbriefe, welche der Bürgermeister Haider infolge seiner Haltung in der Ausweisungsfrage von den Juden erhielt, haben in der bodenständigen Bevölkerung und in den Kreisen der arischen Sommergäste eine derartige Erregung und Empörung hervorgerufen, daß dm Juden auf diesem Wege dringendst geraten wird, den Wallfahrtsort u n d S o m m e r f r i s ch e n o r t M a r i a - T a f e r l mit ihrem Besuche nicht zu beehren, da eine ungestörte Erholung von keiner Seite gewährleistet werden könnte. Nicht für Juden wurden die Promenadewege aufs beste gepflegt und im zwei Minuten entfernten Walde zahlreiche Sitzgelegenheiten neu geschaffen, sondern den von den Sommerfrischen verdrängten Deutschariern soll bei lingerlichen Preisen die Mög-.ctMt geboten sein, unbeüitiftt in reiner, herrlicher Berc,e<lluft den Sommer zu gegenießen." Das ist wohl deutlich genug, um die Juden abzuhalten, daß sie sich in dem Wallfahrtsort Maria- Taferl nicht einem kleinen Pogrom aussetzen. Ein solches möchten die berüchtigten „Wiener Stimmen" gerne in K i r ch b e r g in die Wege leiten. Die Aufforderung ist verständlich genug: „Schon zweimal hat die Sommerfrische den Beschluß der Gemeindevertretung . in den Zeitungen veröffentlichen lassen, es werde kein Sommerfrischler jüdi- Di« Wahrheit .