Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 11 (26.5.1921)
- Date
- 1921-05-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063903-3063914--11309-3078705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
berger willigte ein, weil er die Notwendigkeit des Ausbaues der Organisation erkannte. Sonst gaben die Ausführungen der Herren Dr. Engel (6. Bez.), Dr. Landau (2. Bez.), Dr. Friedjung (5. Bez.), Medak (8. Bez.), Hirschfeld (2. Bez.) wichtige Anregungen zur Organisation, insbesondere zur Frage der einheitlichen Taxen und Gehalte. Herr Dr. Bruno Werner (19. Bez.) referierte dann über die neuen Aufgaben der Organisation der Wiener Tempelvereine wie folgt: „Der 29. Juni 1920 — der Wahltag des Vorstandes der KG. *) — bedeutet einen Wendepunkt in der Geschichte der Organisation der Tempelvereine. Zum erstenmal sind Vorsteher der TV. **) in größerer Anzahl in den Beratungssaal in der Seitenstettengaste eingezogen; das ist eine öffentliche Anerkennung der Bedeutung der TV. im Wiener KG.-LÄen. Und das mit Recht! In keiner Gemeinde Europas ist es wie hier in Wien der Fall, daß Privatsynagogen — das sind ja die Vereinssynagogen — eine so hervorragende Leistung für das religiöse Leben zu vollbringen hgben; anderwärts, zum Beispiel in Berlin, besorgt es die Gemeinde im eigenen Wirkungskreise, indem dort viel mehr Synagogen sowohl das ganze Jahr hindurch als auch temporär zu den ubyi vPlbtt? und D'lEP eingerichtet werden, in welchen der Gottesdienst veranstaltet wird. Hier in Wien halben die Tempelvereine diese heilte Ausgabe auf sich genommen und vollführen dieselbe in geradezu vorbildlicher Weife. Aber in keinem Verhältnis zu ^dieser Veremstätigfett steht die Gegenleistung der KG. gegenüber den TV.! Die Wr. KG. hat stets mit scheelen Blicken das Entstehen der TV; in den einzelnen Bezivken Wiens angesehen; oft und oft wurden den TV. mancherlei Schwierigkeiten bereitet, und sofern man deren Entstehen nicht mehr hindern konnte, wurden sie Möglichst kurz gehalten! Das ist heute nach dem Einzug mehrerer Vorsteher von TV. in den Sitzungssaal in der Seitenstettengasse — infolge unseres Wahlsieges vom 29. Juni v. I. — Hohl anders, wohl bester geworden, aber ein idealer Zustand ist es noch lange nicht! ... Wir müssen von den Herren, welche auf unser Programm in die Kultusstube kandidierten und mit unseren Stimmen dorthin gelangten, verlangen, daß sie dvrt die Interessen der TV. voll und ganz vertreten! Sowie die KG. für die materielle Besserstellung chrer Beamten zu sorgen hat, so ist es auch nnabweisliche Pflicht der TV. für die Besserstellung ihrer VerGnsstmktionäve Sorge zu tragen; nicht allein aus menschlichen Motiven, sondern .auch um die Dienstesfreudigkeit der Funktionäre und itnplicite den Gottesdienst auf der traditionellen Höhe zu erhalten! Die Tempelvereine sind aber nicht in der Lage, aus Eigenem für diese erhöhten Lasten aufzukommen, trotz der anebkennenswerfcen Munisizentz der Mitglieder, zumal diese Gebefreudigkeit VT nsriÖS ETX durch die unverhältnismäßig starke Belastung der Steuerträger durch die KG. leiden wird! — Die Tempolvereine müssen verlangen, daß ihre Funktionäre automatisch bei allen im Bezirke vorkommender Leichenbegängnissen zu den vorgeschriebenen Funktionen herangezogen werden. Das erheischt sowohl die Reputation des Tempelvereines im Bezirke, als auch der Umstand, daß dadurch die Bezüge der Veremssunktionäre eine wesentliche Erhöhung erfahren würden! -Die restlose, ehobaldigste Erfüllung der berechtigten Wünsche der TV. ist «auch aus diesem Grunde opportun, weil die KG. auch dem Geidanken Raum geben muß, es sei denn doch nicht von der Hand zu weifen, daß der von einer starken Partei *) KG. — KultusgEemde. **) TB. — Tempelverein. des Parlanrents tendierter Programmpunkt in nicht allzuferner Zukunft verwirklicht werden könnte!... Wird dies nicht ganz unerwartet zum Ereignis, dann liegt es ja auf der Hand, daß die TV. — unbefriedigt in ihren vitalsten Wünschen — den gegebenen Moment benutzen werden, um sich selbständig zu machen, "ibun fl* Hsnrr O2tt HTR sagten unsere Weifen, drum: Laveant Lcmsules!... Möge die Muttergemeinde an den berechtigten Wünschen der heute chrer Führung sich willig unterordneten Tempelvereine nicht achtlos Vorbeigehen: mögen aber auch die Herren Kultusräte, welche auch gleichzeitig im Vorstände eines Tempelvereines Sitz und Stimme haben, warme Verfechter der Wünsche der Tempelvereinsmitglieder —> ihrer Wähler — sein, damit vnr Tempelvereine auch in Hinkunft den gewaltigen Aufgaben gewachsen und in der Lage feien, stets und jederzeit zur Ehre Gottes und zum Heil des Judentums zu wirken!" Nachdem auch hierüber eine informierende und wesentlich zustimmende Aussprache erfolgt war, erfolgte die Wahl in das Aktionskomitee und dieses besetzte die Aemter so: Obmann: Direktor Doktor S. K r e n b e r g e r, Obmannstellvertreter: Dr. Bruno We r n e r, Schriftführer: Redakteur Ludwig Hirschfel D, Schriftführerftellvertreter: LeopoD Koh « (5. Bez.), Kassier: Jakob S. Straßberg (10.. Bez.), KaMerftellvertreter: Ludwig M e d a k. Die Herren bilden das kleine Aktionskomite, das mit den Vertreter der anderen Tempelvereine: A l t h o l z (Prater), P o m e r a n z (2. Bez., Leopoldsgasse), Winter (RembrarDtgasse), U n g e r (Erdberg), Bäck (6. Bez.), Friedrich Krauß (9. Bez.), Berger (11. Bez.), Dr. Weißen st ein (20. Bez.) das große Aktionskomitee bildet. Sehr befriedigt verließen die Delegierten die Tagung, hoffend, daß wieder Jahre der Arbeit und des Erfolges den Tempelveremen bevorstehen. Wolf Pappercheims Eindrucke in Palästina. Bekanntlich hat das greife Haupt der Agupa inr Februar dieses Jahres eine Fahrt nach 'dem heiligen Lande unternommen. Mit gerade zu jugendlicher Begeisterung schildert er die dort empfangenen Eindrücke,' was ihn aber nicht hindert, die dort wahrgenommenen Uebelstände politischer und sozialer Art zu enthüllen. Seinem vor kurzem im Pretzburger Komitalsfaale gehaltenen Bortvage entnehmen wir folgende diesbezügliche 2leusternngen: Die Bevölkerung Jernschokajims hat währet des Krieges bedeutend abgenommen, von 500.000 auf ungefähr 300.000 Seelen. HKnger, Unterernährung, Epidemien, freiwillige und erzwungene Auswanderung, haben dieses traurige Resultat verursacht. Besonders siild es die Armen, Alten und Schwachen, die nicht widerstandsfähig waren. Unter der restlichen Bevölkerung ist der Prozentsatz der Notleidenden geringer geworden, jedoch die Not derselben drückender, weil die Teuerung deren Los zu einem furchtbaren macht. Die große Teuerung wird zum Teile verursacht durch die Fülle von B e a m t e u, d i e hohe Gehal t e beziehen und dadurch die ganze Lebenshaltung ans ein luxuriöses Niveau gebracht haben. Die obige Schilderung deckt sich mit einem anderen Bericht aus Palästina, der die schroffen Gegensätze in Stadt und Land beklagt, auf das Mißverhältnis der Intellektuellen zu den produktiven Arbeitern hinweift, aus deren Schweiß ein übermäßig großes Heer von Verwaltungsbeamten erhalten Wird. Es ist wenig tröstlich, daß nach dem verläßlichen Zeugnis der Prozentsatz der Notleidenden sich verringert, daß Elend aber die schwachen Schultern der anderen um so drückender belastet, ahn-