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Die Wahrheit · 1921-05-26 · Heft 11 (26.5.1921) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 11 (26.5.1921)
Date
1921-05-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Sir. 11 Die Wah-rheit Wien geplant, es gibt durch die Gesellschaft zur Fürsorge für Schwerhörige und Gehörlose, an deren Spitze der Universttätsprosessor Dr. Gustav Alexander steht, Kurse für Schwerhörige, aber diese Schulen und Kurse sind nur Unterrichtshilfen, sie geben nicht die Erziehung und Wege, welche solche abnorme Menschenkinder vor allem bedürfen. Und der jüdischen Schüler in den Hilfsschulen muß man sich auch so annehmen. Gerade die Kinder W Kriegszeit und der wirtschaftlichen Not, der Aufregungen und Aus-, schweifungen sind mit Entartung bedroht. Im Tempel des jüdischen Daubstummeninstituts entwickelte sich der Gedanke des „Fürsorgevereins ftir die jüdische, nicht vollsinnige Jugend" und so standen an seiner Möge Gottvertvauen, Ergebenheit und Liebe und Gottes Segen wird ihn begleiten. Am 1. Mai fand die konstituierende Generalversammlung statt und folgende Herren bilden den Vorstand: Rechtsanwalt Dr. Mi,s es, Obmann; Kaufmann Mathias Pell er, Obmannstellvertreter; Kaufmann Guido Rendel st e i n, Schriftführer; Buchhändler Bernhard Schlesinger, Schriftführerstellvertreter; Kauftnann Lazar Perez, Kassier; Privatier Benedikt Steiner, Kassier- Stellvertreter, Susk-ind Kurfürst, Stegmund Blaustein, Joses. Pretzel, Otto Wagenberg, S. Sch w a r z, Vorstandsmitglieder; Simon Speiser und Joachim Mandler, Revisoren. Anfragen und Bsitrittserklärurrgen sind nach 3. Bezirk, Juchgaffe 22, zu richten.' Um weiiteste Unterstützung wird gebeten. Joses Reümch. Ein reich bewegtes und inssereffantes Leben endete vor kurzem mit dem Hinscheiden des französischen Politikers unb Publizisten Joses Reinach, dessen Familie aus Frankfurt a. M. nach Paris eingewanhert war und sich in dem neuen Vaterlande des größten Ansehens erfreute. Josef Reinach war zur Regiernngszeit Leon Gambettas dessen Kabinettschef und gehörte auch der Patriotenliga an, von der er sich später angewidert MÜe, als Paul Deronlede in diese Vereinigung seine monarchistische und antisemitische Note brachte. Ebenso opponierte er dem schädlichen demagogischen Treiben Boulangers. Das Vertrauen der Wählerschaft berief Josef Reinach wiAerholt in die Deputiertenkammer, wo it der Gruppe der konservativen Republikaner angehörte. Gegen den Strom der Zeit kämpfend, trat er für die Unschuld Dvevfus, dessen Schwager er war, in einer Reche von Schriften ein, die historischen Wert besitzen. Reinach war seinem Denken und Wirken nach im Judentum füstwurzelnd, aber den zionistischen Bestrebungen abhold. Während der letzten Jahre hatte er sich vom politischen und öffentlichen Leben zurückgezogen. Bom bayrischen Antisemitismus. Monarchismus und Antisemitismüs stehen in einem nnWsbapen Junktim. Dafür zeugen di» Hakenkreuzhelden im deutschen Norden, die Karlisten in den österreichischen Bundesländern und die Wittelsbacher Klopffechter im „Gemütlichen Bayern". Die urwüchsige und hemmungslose bajnvarrsche Art kommt auch darin zur Geltung, wie sie sich mit der Judenfrage, richtiger mir dem Judenhasse, auseinandersetzt. Hierüber wird aus München berichtet: Hier besteht eine Gemeinschaft Gnosis, die sich die Versöhnung der Konfession zur Aufgabe gesetzt hat und deshalb rein wissenschaftliche Vorträge von Vertretern der einzelnen Konfessionen über ihre Glaubenslehren veranstaltet. Am 26. v. M. sprach der Rabbiner Dr. Bärwald über Judentum und Weltanschauung. Der Vortrag würde in einer ganz standalösen Weise gestört. Der Vorsitzende Schnabel hatte in einleitenden Worten nochmals eigens darauf hingewiesen, daß es sich um einen rein wissenschaftlichen Vortragszyklus handle, in dem dis verschiedenen Weltanschauungen zu Wort kommen sollen. Rabbiner Dr. Bärwald hätte aber kaum eine Viertelstunde, und zwar in durchaus sächlicher Weise gesprochen, als von einem rückwärtigen-Zugang und auch vom Haupteingang her (die Kasse war geschlossen) je etwa ein Dutzend meist jüngerer Männer in den Saal eindräugen und zunächst störende Zurufe machten. Als die Zurufe sich verstärkten, protestierte Pater Holzapfel in energischen Worten gegen die Ruhestörung. Auch ein protestantischer Geistlicher mahnte energisch-zu anständigem Benehmen, sie wurden aber ausgelacht. Auch die Mahnung des Vorsitzenden zur Ruhe war ohne Erfolg. Die Ruhestörer drangen unter Tumult nach vorne, warfen Tische und Stühle um, schlugen mit Stöcken, Gummiknüppeln und Stuhlbeinen aus die Besucher ein, von denen mehrere verletzt wurden. Ein Herr, der im Felde gestanden hatte, erhielt drei klaffende Kopfwunden; der Vorsitzende wurde zu Boden geschlagen und zum Saal hinausgeworfen. Ein bejahrter, fast erblindeter älterer Herr, der Schriftsteller Ach, der schon zu Boden geworfen war, konnte noch^ rechtzeitig in die Gaderobe gebracht und dort versteckt.werden. Die erschienene Polizei nahm die Verhaftung eiudr Anzahl von Ruhestörern vor. Man mußte, schreiben die „Münchener ' Neuesten Nachrichten", schon seit längerer Zeit beobachten, wie politische Gegensätze von einer Gruppe unreifer Men-. scheu in einer ganz unerhörten Weise zu Akten des Terrors mißbraucht werden. Das Schamgefühl diefer Menschen ist derart verwirrt, daß sie sogar Gotteshäuser besudeln; so wurden letzthin in einer Nacht die beiden Münchener . Synagogen mit Hakenkreuzen verschmiert. Man kann natürlich nicht geistig mit Leuten kämpfen, die Gummiknüppel als Argumente in Weltanschauungserörterungen verwenden. Hier kann allein eine energische Hand der Polizei- und exemplarische Bestrafung Wandel schaffen. — Sehr gut. Wie aber, wenn die „energische Hand" in der Regel auf Seite der Radaubrüder arbeitet, denn die Staatspolizei geht überall nach dem Sinne und den Weisungen der regierenden Männer. Die Kahr und Escherich aber haben wahrlich für ihre jüdischen Mitbürger wenig übrig. ' ■ Die Delegiertenversammlung der vereinigten Mener Tempelvereine vom 17. April. Wie bei den früheren Delegiertensitzungen seit Gründung der Organisation der vereinigten Wiener Tempelvereine vom 2. Mai 1918 fand auch diese im kleinen Saale des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft statt. Es war ein vornehmer Rahmen für -den Ernst der Beratungen, bei denen zwölf Tempelvereine mit je drei Delegierten vertreten waren. Der Senior der Wiener Tempelvereinsvorstände Herr Adolf Hofmann begrüßte die Erschienenen und übernahm wie bisher immer den Vorsitz. Ihm standen die Herren Obmänner Doktor Schnepp (9. Bez.) und Eltbogen (20. Bez.) zur Seite. Der bisherige Obmann des 'Aktionskomitees der vereinigten Wiener Tempelvereine Direktor Dr. Krenberger hatte die Ausgabe, über die bisherige Tätigkeit des Aktionskomitees t zu berichten. Der Bericht wird von uns .veröffentlicht. Der ' frühere Kassier des Aktionskomitees Herr Jgn. Glück erstattete den Kassenbericht. Die darauf folgende Wechselrede war eine allseitige Anerkennung der vielen und erfolgreichen Arbeit des bisherigen Obmannes und es erging an ihn die einstimmige Aufforderung, wieder an der Spitze des Aktionskomitees zu bleiben. Direktor Dr. Kren-

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