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Die Wahrheit · 1921-05-26 · Heft 11 (26.5.1921) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 11 (26.5.1921)
Date
1921-05-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Gelte 4 Die W ah r heit Rr. 11 fördert, die hebräische Sprache fortgobildet und entwickelt und sich zur Vermittlerin zwischen westeuropäischer Bildung und dem Ostjudentume erhöht. Allein, wenn die Haskalah nur Auftlärung- und Bildung gebracht hätte, so wäre Mls ihr nur Ersprießliches hervorgegangen. Sie wollte jedoch auch die Religion reformieren, den ^Fanatismus" im Judentum ausscheiden. Die Tradition wurde verworfen, das Gesetz, der Ritus als Sophisterei verhöhnt; so mußte das Reformwerk, obgleich es durch bedeutende Denker und Dichter geschützt wurde, mißlingen: Der Haskalah blieb die-Tiefe der religiösen Vorschriften verschlossen. Ebenso yerfehlt war es von der Haskalah die Kabbälah und den Massidismus geringzuschätzen; mystische Bewegungen, für die sich auch in früheren Zeiten sogar christliche Forscher, wie ein Frank und Knorr v. Rosenroch, begejisterten. Man verspottete die Kabbalah, den Neochasiidismus und seine Literatur und gab diesem Spotte in Poesie, und Prosa einen literarischen Ausdruck. Erst in neuester Zeit ist das Jn-beresie für die Kabbalah 'und den Balschemismus seitens jüdischer Schriftsteller wachgerufen worden. Ein Horodezky, ein Buüer, ein Ginzing haben endlich ihre Schönheit entdeckt und selbe dem Abendlande gezeigt. ' Wenn Regio, Geiger, Rodkrnson, Holdheim und an- >dere den Ritus des religiösen Gesetzes zerstören wollten, io war dies eine oberflächliche Freigeisterei. Der Ritus hat einen tieferen, höheren Sinn. Jahrtausende herab hat unser Volk nur im Gesetze gelebt und geatmet; Millionen Geister all ihr Fühlen und Denken und' Sprechen darin aufgehen lasten. Millionen Geister daraus nll ihre Gedanken und Gefühle, Lebensanschauungen, Begriffe und Entschlüsse geschöpft. Nun kehren wir zurück zur Mischen Religion im allgemeinen und. zu ihrer Bedeutung und Relation zu anderen Konfessionen: O sprechet nicht, ihr Modernen: Wir Menschen der Jetztzeit, wir brauchen keine Religion, oder wir haben uns. eine eigene Religion gebildet, wir brauchen kein Gotteshaus, keine Formen, wir sind antikonfessionell, oder überkonfessionell, oder wir wählen uns nach unserem Gutdünken eine beliebige Religion. O nein! Sprecht nicht so! Täuscht eüch nicht selbst und lasset euch nicht vom klügelndeu Verstände berücken. Leset einmal die Seelengeschichte derer, welche aus der israelitischen Gemeinschaft herausgetreten sind und sich, wenn auch nur zum Scheine einer fremden Religion cmgeschlosien haben; sie-kämpften anfangs -einen schweren-Kampf, als es galt, sich loszureißen ans den Armen der Synagoge. Denn der Glaube ist es, den die zarte Hand der Mutter in das kindliche Herz eingepflanzt, der Hauch ihrer Liebe erwärmt, der Blick Ihr,es Auges behütet, der Silberton -ihrer Stimme ermahnt. Die Religion, die über das jüdische Familienleben einen eigenen Duft ergießt, wird int Laufe der Jahre zur Heimat der Seele, mit der sie durch tausende Fäden zusammenhängt. - Und nicht die Reform, sondern die Orthodoxie ist das richtige Judentum, denn sie lehrt das Bekenntnis des Judentums;-sie bringt die. Vertiefung und Versenkung in das Wesen der jüdischen Seele. Der blinde Musikant. Von Armin Wilkowitsch, Eger. Motto: Gedenke uns zum Leben! (18.''Gebet zu den Bußetagen.) Ich bin ein blindes JüdlM Und zieh' mit meinem Fiedlein Von Haus zu Haus, von Hof zu Hofe. Manch Kind und manche Zofe Aus Mitleid schenkt den Groschen, Weil mir das Aug' erloschen ... Die Hunde bellen, knurren, Die Katzen fauchen, schnurren, Die rohen Buben lärmen Und sich zu Rotten schwärmen, Ein jeder Rang' mich gafft an, Zerrt frech an meinem Kaftan Und höhnt: „Laß Jud' dein Kratzen, Schon flüchten Mäus' und. Ratzen!" .... Da singe ich zur Fiedel, Dies selbsterdachte Liedel: Den Toten zu verspotten Ein Blinder gleicht dem Toten Ist sündhaft — ungeheuer! —: Ihr kommt ins Fegefeuer! Der Hunde Grimm, Goknurre Hört ans — daß ich nicht murre. — (Schon waren in Aegypten Beim Hund wir die Beliebten,') Jedoch die Rangen, leider, Die quälen mich noch weiter! Da kommt des Wegs Herr Pfarrer Und ruft: .„O Haß, du starrer! — GM Ruhe doch dem Blinden!; Könnt Ihr sein Leid ergründen!" AMn die wilden Rotten '* * 3- Herrn Pfarrer noch verspotten ... Da brech' ich ab mein Lied rasch Und eil' zum Beth Hamidrasch?) Dort lehrt der alte Maggid/) Im Jenseits wird zum Naggid,4) Wer auf der Erd' gelitten .... O Herrgott, hör' mein Bitten: . . Kannst du mir nichts mchr geben, So schenk' mir langes Leben! , ') Beim Auszuge Israels aus Aegypten kläffte kein Hund. *) Lehr- und Verhaus. *) Prediger. 4) Fürst. '

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