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Die Wahrheit · 1921-05-13 · Heft 10 (13.5.1921) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 10 (13.5.1921)
Date
1921-05-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 B i e Wahrheit Nr. 10 TuTfflr nr r. vereinigten sich, um sich der Insassen des Altersversoronngshauses und des Siechen-Hauses der Kultusgemeinde in der Seegaste anzunehmen. Je 10 Damen fahren Woche für Woche zu den alten gebrechlichen Insassen und bringen chncn Weißbrot, Milchkaffee und verschiedene andere Le- ^bensmittel. So wurde zu Purim ein ganzer Streiftvagcn, reich beladen mit Liebesgaben, für die Alten ans der Seegs.sie aus dem 21. Bezirk hineingeführt. Es bedarf wohl nicht des Hervorhebens, daß bei der Beteilung Tränen der Freude seitens der Empfangenden wie auch der Spendenden geflosten sind. Jugendfürsorge und Altersfürsorge sind Produkte der edelsten jüdischen Nächstenliebe und verdienen vollste Anerkennung. Juden untereinander. In der letzten Aprilwoche gab es zwei Versammlungen, die vom Chronisten keineswegs mit frohem Sinn verzeichnet werden können, denn sie bestätigen die traurige Tatsache, daß Juden, die zu ernstem Tun oder Beratung unteneiniander sind, fast Immer gegeneinander sind. Es kommt nur auf den Grad der Meinungsverschiedenheit an und wie sich solche äußert. In einer am 25. v. M. abgehaltenen Mariahilfer Versammlung Nichtjüdischnationaler, die auch von Kultusvorstehern besucht war, und wobei Angelegercheiten solcher zur Diskussion kamen, steigerte sich diese zur Siedehitze. Beschuldigungen über vieles, das geschehen -oder unterlaßen wurde, flogen hin und her. Daß es in der Hitze des Gefechtes nicht immer nach parlamentarischen Anstandsgesetzen vor sich ging, wird man bei dem lebhaften Temperament der Beteiligten für natürlich sinden, wenn es auch an sich unter allen Umständen bedauerlich erscheint. Früher einmal gerieten die Wähler aneinander, wenn sie mit den Gewählten unzufrieden waren, die Gewählten aber waren aus ihrer Würde und Ruhe nicht zu bringen. Heute ist das Verhältnis auf den Kopf gestellt, ein Dokument der Neuzeit, die alle Kreise in den Bann der Verwilderung zieht. Immerhin blieben die Mariahilfer Vorkommnisse eine interne Angelegenheit, Viel böser war die Jahresversammlung der Konsumgenostenschwft Paale Zion am 26. April im Bayrischen Hof. Die Mistenden sagten oen kommenden Sturm voraus, wenn sie auch nW ahnen konnten, daß es so wüst hergehen roürb.’. Die Wiener Poale-Zicnisten sind' .nämlich in eine sozialistiische und eine komunistifche Gruppe gespalten, welch letztere nach den leitenden Stellen im Konsumverein angelt. .Die Gegenpartei will um keinen Preis davon etwas wisten. So kam es nun, daß die Gegner ihre Argumente mit Stöcken, Sesteln und Biergläsern derartheftig vorbrachten, daß innerhalb dieses Konsumvereins an feuern Abend ein sehr starker Konsum an Ohrfeigen und ernstlichen Verletzungen gemacht würde. Schließlich konnte nur durch Brachialgewalt der einschreitenden Wache der jüdische Bruderkrieg 'beendet werden. Jedem anständigen Juden ein schweres Aevgernis, dein arischen Pöbel .aber ein lebhaftes Gaudium. Seder für Kinder. Wie alljährlich gab auch heuer die Leitung der Bibelschnle des Leopvldstädter Tempelvereines „Aeschel Awrohvm" für seine Schüler eine Selderfeier, die einige hundert Kinder versammelte. Herr S. Adler begrüßte Se. Ehrwüvden Herrn Rabbiner Dr. S. F rr n k, die anwesenden Vorstandsmitglieder des Tempelvereiues, die teilweise mit ihren Eltern erschienenen Kinder und wies auf die Bedeutung des Festes hin. Herr Rabbiner Dr. S. F u n k hielt hierauf eine dem Verständnis und Empfinden der Kleinen angepaßte Rede, worauf Herr Prot. M. Anscherl in der ihrn eigenen eindringlichen Weise astistiert von den Schülerin diesen den Seder gab. Es war ein herzerhebender Anblick, um die schone religiöse Veranstaltung hat sich Herr Oberlehrer O e st e r r e i ch e r besonderes Verdienst dadurch erworben, daß er die Schüler für diese Feier sorgsam vovberöitet hat. Warnung vor gewissenlosen Auswanderungsagenten. Von den amerikanischen jüdischen Organisationen erhalten wir die Mitteilung, daß gewissenlose Agenten Einwanderer, die nach den Vereinigten Staaten wollen, denen aber Schwierigkeiten seitens der Paßbehörden gemacht werden, verleitet werden, statt arrs die legale Beseitigung der Schwierigkeiten zu warten, nach Mexiko zu fahren. Voll dort aus sollen diese Einwanderer versuchen, über die Landgrenze il.ach ben Vereinigten Staaten zu gelangen. Die unglücklichen Emigranten, die voll diesen Agenten zll solchen Schritten verleitet worden sind, werden dadurch in die fatalste Lage gebracht. Die Landgrenze von Mexiko nach den Vereinigten Staaten wird strengstens überwacht, so daß keine Möglichkeit vorliegt, sich nach den Vereinigten Staaten einzuschleichen. Zahlreiche Personen, die dies versucht habell, sind in dem amerikanischen Staate Texas interniert worden, haben mm schwere Bestrafung und Rücksendung zil erwarten. Andere sind nach Mexiko zurückgesandt worden ulld befinden sich dort in der schlimmsten Lage. Durch ihre Unbesonnenheit habeil sie sich außerd-em die Möglichkeit, nach -Amerika zu kommen, für immer verscherzt. Es ist selbstverständlich., daß keine jüdische Organisation eine ungesetzliche Einwanderung dieser, oderanderer Art unterstützt. Die Emigranten müssen aber eindringlichst gewarnt werden, den Lockungen gewissenloser Agenten zu folgen, die es nur darauf abgesehen haben," aus der Unwissenheit, der begreiflichen Ungeduld und dem Elend der unglücklichen Emigranten Kapital zu schlagen und sich nicht darum kümmern, was schließlich aus denen wird, die sich in leichtsinniger Weise ihnen anvertraut haben. Es muß immer wieder daraus hingewiesen werden, daß jeder Versuch, in illegaler Weise mit nicht ordnungsmäßigen Pästell und Papieren die Vereinigten Stajaten zu erreichen, die Emigranten nur in dauerndes Elend führen muß. Bergingenieur Rosenthal. Eine Nachricht, die in weiten Kreisen lebhafter Teilnahme begegnen wird, kommt ans Basel. Dort, wo er seit Jahren seinen Wohnsitz hatte, starb vor kurzem im Alter von 75 Jahren, Bergitigenreur Louis Rosenthal, dessen Namen unseren Lesern -wohl bekannt war. Der Verstorbene hat ein .arbeitsreiches und bewegtes Leben hinter sich. Er stammte aus Obermeiser bei Hofgeismar und wohnte nach Vollendung seiner bergbaulichen Studien in Eastel. Hier widmete er sich vor allem der Erforschung der Bevgwälder nach Braunkohlen und Master. Die heimische Braunkohlenindustrie verdankt seiner Arbeit wesentliche Förderung und Anregung. Rosenthal hat sich auch in der Fremde iimmer als treuer Freund seiner Heimat -erwiesen. Schriftstellerisch war Ingenieur Rosenthal äußerst fruchtbar. Er hielt sich längere Zeit zwecks Erschließung von Silberminen kt Südamerika ans mrd faßte seine dortigen Erlebniste in den Büchern: „Diesseits mrd jenseits der Kordilleren",- sowie in den Bergwerlsgeschichten „Alls ewiger Nacht" zusammen. Auf belletristischem Gebiet verdanken wir dem Verstorbenen rnehrere Hnmoreskensammlnngen sowie eine MÄhe gemütvoller Erzählungen, die iit zahlreichen jüdischen Blättern erschienen sind. Rosenhal bewährte sich in Schrift und Tat als treuer eifervoller Sohn seines Volkes. Sein Judentum war kein Dulsam passives; er lehrte und übte vielmehr Kampf -und Abwehr als bestes Mittel gegen Angriffe auf das Judentum. Nun hat auch dieser mannhafte Streiter ausgerungen. Sein Name bleibt in den Reihen unserer Glaubensgenossen unvergessen.

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