Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 10 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite lö Die Wa h rh e i t Nr. 10 Ei« MerkvorL. Jru Wiener christlichsozialen Heerbann kann, wie in der großen Armee Napoleons, jeder „Genreine" den Vkarschallstab ans seinem Tournister hervorlangen. Sonderbarerweise drängen sich niemals die Richtigen zu dieser Stelle. Männer von Intelligenz, Wissen urw Bildung verzichteten zugunsten Kunschaks aus die antisemitische Marschallswürde. Sehr begreiflich. Die Kampsweise unter den Führern und den bedeutenden unter den Geführten ist eben sehr verschieden. Als Kunschak sich an die Spitze der vereinigten Christen stellte, war sein Programm in Wählerversammlungen und im Parlament: „Ausnahmsgesetze gegen die Juden, die eine Ausnahmsstellung als nationale Minderheit verdienen". Bei der Habsburgerdebatte am 15. April las man's aber anders. Da sagte Abgeordneter Jodocus Fink: „Wir sind gegen jedes Ausnahmsgesetz. Ein solches kann der Republik nur schaden." Sehr richtig bemerkt, aber was für Habsburg recht ist, muß auch für Juda billig sein. Man wird sich das Wort des überragenden Christlichsozialen Fink, der zur Koalitionszeit eine bedeutende Stelle innegehabt hat, wohl merken müssen, falls Herr Kunschak aber, ein ihm Ebenbürtiger, doch nach Ausnahmsgesetze für österreichische Juden rufen sollte. Deutschösterreichs Kurorte, Sommerfrischen und Juden. Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, dulden die österreichischen Christlichsozialen ihre eingeborenen Juden in Stadt und Land. Aber nur mit gewissen Einschränkungen. Es ist eine Art Mieterschutz, dessen sich die, Kinder Israels erfreuen. Wer im Besitze einer Heimstätte ist, der ist im Rechte, sich ihrer zur erfreuen. Aber für den Zuziehenden gibt es dies nicht. Es gibt stramme arische Hausherren, die sich an den stolzen Sprnch des Engländers halten: Mein Haus, meine Burg! Sogar sine Hochburg ides Antisemitismus .uitb deshalb verkünden sie: I' nimm kaue jüdischen Parteien. Aehnlich wie bter Oesterreichische Touristenklub, der auch keine stammesfveimden MitglÄ)er 'anfniminrt. Aus Gründen der Moral. Die blonden deutschen Jungfrauen dürfen der semitischen Lüsternheit aus Bergeswandernngen nicht preisgegeben weMm. Bei Tuiskon, die blonde deutsche Jungfrau dem blonden deutschen Touristen. Der blonde deutsche Bauer aber geht mehr vom UtilitätsstandpnNkte vor. Ein rechter deutscher Waldviertler oder Alpenländler mag keinen Juden^ leiden, aber seine Tausender nimrmt er gern. In der liebenswürdigen Operette „Der Mikado" kommt ein schuftiger Minister vor, der sich blind bestechen läßt, und wenn die Summe gegen seine Erwartungen ausfällt, ruft: Schon wieder eine Beleidigung und noch dazu eine kleine. Unsere christlichsozialen FremdeNindustriellen wissen es schon einzurichten, daß die Beleidigung mit jüdischem Gelde nicht zu klein wird. — Das freundliche Baden bei Wien, das zu neun Zehntel jüdische Sommer-Parteien und demgemäß judenserndliche Bewohner hat, erfreut sich des chrMichsozialen Stadtoberhauptes KollMarm, unter dessen Führung Heuer eine Wochentaxe bis 120 Kronen für die Hauptperson (anderwärts würde man Familienoberhaupt sagen), 100 Kronen für die Begleitung emgesührt wurde; Kinder und Dienstboten zahlen wöchentlich 40 Kronen. Im Mittelalter hatte man für solche Abgaben die Bezeichnung Kopffteuer. Auch die Gemeinden der Alpenländer Haben sich in ähnlicher Weise für den Schmerz, Inden bei sich zu sehen, schadlos zu halten verstanden. Sie kennen ihre Pappenheimer und wißen, daß bei einer Sorte des auserwählten Volkes Geld keine Rolle spielt, so wenig wie Schinrps und Schande. Teuer muß sich der ortsfremde » Jude Heuer das Asylrecht in den österreichischen Kurorten und Sommerfrischen erkaufen. Am teuersten durch Preisgebung seiner Ehre und Würde. Man milch ihm direkt das Tor vor der Nase zuschlagen, ddmit er von den biederen Landsknechten nicht geschmäht und beschimpft werde.. Es gibt noch gesinnungsfeste Hilter des Sommerparadieses wie „Der Bote für Stadt und Land" der „St. Pöltner Zeitung", der sein Flammenwort hinausgchen ließ: In den letzteil Jahren vermehrt sich das jüdische Element in der Sommerfrische Kirchberg immer mehr. Nein, sie fahren nicht alle nach Mariazell (Mariazell ist nämlich ein bevorzugtes Ziel gewisser jüdischer Hochzevtsreisender. Die Red.) sie steigen auf der Strecke auch schon aus und bevölkern das Pielachtal. Kommt nun diese Zeit im Jahre, dann sind wir Einheimische Gäste zweiter Güte. Der Jude, die Jüdin läßt Geld da, da läßt sich verdienen, darum muß ihm die ganze Anftnerksamkeit zugewendet werden- Aber Arier, Deutsche, Christen! Was nützt denn euer Schimpfen über den Juden, über die Ketten, die dir das ' Judentum auferlogt hat, wozu denn Antisemitenkundgebungen, wenn man ja doch im letzten Dorf d e n Jnd e n m ä st e t, Tür und Tor dem „Herrn Somwergaft" mit der Krnmmnase össiret. Mehr Antisemitismus, mehr Liebe zu den eigenen deutschen Volksgenossen täte auch, in Kirchberg liot. Wir müssen gestehen, daß uns der offene Bekenner des Judenhasses syntpathischer ist, als die heuchlerische Brllt des praktischen Ghristentuurs", die nur hinterrücks ans den „Mauschel" schimpft, aber offen die Gelegenheit nutzt, ihm einen Teil der fetten Beute abzujagen, wie es im oberösterrei chischen, salzbnrgischen und Tiroler Bundesgebiete an der Tagesordnung ist. Und diese besserer Inden? Wie länge werden sie die ihllen zugefügte Schmach gleichgiltig ergeben hiNnchmen? Es gärt in Palästina. Gar böse und aufregende Meldungen ans dem Heiligen Lande durchlaufen die Welt. In verschiedenen Teilen Palästinas sind Klassen- und Rassenkämpse entbrannt, die Opfer an Toten und Verwundeten forderten. Der alte Gegensatz zwischen Juden und Arabern, dessen Unausgleichbarkei t wir in diesem Blatte so oft betont haben, ist wieder einmal in blutige Erscheinung getreten. Die Araber sind die Mch-rheitsbevölkevung. Sie können deshalb bei jedem Aufruhr „siegen", solange die bewaffnete Schutznracht ihnen nicht den Daumen aufs Auge setzt. Das erklärt den Umstand, daß beiden letzten Revolten in Jaffa viermal so viel Juden als Araber auf dem Kampfplatz, verblieben. Aber nicht restlos aufgeklärt ist die Ursache des speziellen Falles, der sich in Jaffa zugetragen, morgen und iu den nächsten Tagen an anderen Orten sich ereignen kann. Gewisse Anzeichen lassen vermuten, daß nicht ausschließlich religiöser Fanatismus die Triebfeder der beklagenswerten Ereignisse gewesen. Dafür spricht der Umstand, daß der Bürgerkrieg zunächst zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern ausgebrochen. Letztere arbeiten nun für geringeren Lohn als die eingewanderten Chaluzim. Also würde sich die Sache zu. einer Magensrage zNspitzen und eine solche ist die schwierigste, denn mit dom Magen gibt es keine Kompvonrissernnd Verständigungen. Tatsache ist auch, daß die Lebensverhältnisse in ganz Palästina ebenso schwierig sind wie in den übrigen Ländern uud nach einem jüdischer! Sprichwort ist der Dalles 'der lauteste Zänker, lieber die wirtschaftlichen Verhältnisse Erez Jisroels aber wird geflissentlich die Wahrheit verschleiert und dann soll es niicht Wunder nehmen, wenn es, wie aus gleichen Ursachen anderwärts, auch dort gärt. ft r Hi.jfiSffwrwrr.rr^tSffKgi