Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 9 (22.4.1921)
- Date
- 1921-04-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 % Bi« W shr \ e t "f Nr. S -schi-eben, immer schiebennnd wollen keinem anständigeir f Erwerbe nachgeh en." „Oh — Herr Inspektor, Sie wenden schon entschuldigen," wagt neuerlich Nab Jochanan einzuwenden, „das Schieben ist richtig keine leichte Parnosoh, und wie ich Ihnen schon gesagt hübe, ein Auscher ist noch kein Schieber geworben, aber unanständig, Gott bewahre, im Gegenteil, ein sehr anständiger Berufs bas Schieben, heißt es, und man plagt sich genug dabei." Der junge Beamte, Len die Ausführungen des ^>ochanans in die höchste Wut versetzten, wirb feuerrot, springt auf und schlägt mit Mer Wucht ans den Schreibtisch, so Laß Jochanans rechte Schläfenlocke vor Schrecken ans dem Versteck hinter 'dem Ohre in ihre normale Lage zurückfiel. „Jetzt aber gehen Sie schon!" schreit höchst erregt der Beamte, „gehen Sie, wir tauchen hier keine Schieber mehr. Fahren Sie zurück nach Galizien. Schnell, verlassen Sie Las Amtszimmer, ich lasse Sie sonst vom Amtsdiener hinaus führen." Nab Jochanan einsehend, daß, wem: er sich nicht schleunigst aus dem Staübe. mache, man ihn mit Gewalt entfernen wird, befreit die zweite Peos aus ihrem Zwinger, trocknet sich schließlich noch einmal den Schweiß -von der Stirne, unterläßt es sogar, dem vor Zorn schnaubenden Beamten „Auf Wiedersehen" zu sagen und verläßt eiligen Schnittes das Amtsgebäude. Auf der kalten, nassen Straße angelangt, bleibt Rab Jochanan stehen und spricht folgendes zu sich selbst: „So ein Tipusch, ein Narr. Was der da alles gesagt hat. Schieber fahrt mit Auto, fahrt nach Simmering, Schieber trägt Brillanten, Seide, Pelze, Lackschuh, nebich lauter Lackschuh in der Flüchtlingszentrale... Schieber geht zum roten Haus. Ich weiß, was er meint damit. Richtig ist es schon; jedesmal wenn ich zum Joint in die Berggasse gegangen bin (dreimal war ich dort, weil ich für meine großen Füß' nie die richtigen Schuh' kriegen kann), sah ich -auf dem Weg ein rotes Hans, dort draußen drehen sich Juden herum, sogar einige Potok-Zoloter-Herrfchaften. Man spaziert hin und her, wie am Schabos während des Leineus in Schul. Wahrscheinlich ein Wiener Tempel dort. Was das aber mit Schiebernzu tun hat, kann ich noch immer nicht begreifen. Eine Einbildung von einein Kommissär: Jochanan Schicer geht am Ball, ißt — was sagt man nicht zu ihm — Schweinefleisch! Soll er so. Tschulent essen, ob ich seit drei Monate überhcmlpt Fleisch gesehen Hab'. Ueberhaupt versteh' ich nicht, was ihn eigentlich hier nicht gepaßt hat, der Name Jochanan oder Schieber. Wenig Juden heißen Jochanan? Zum Beispiel: Jochanan ben Sakai, zumindcht so eine Persönlichkeit gewesen wie dieser Beamte mit der Nagelfeile da. Wahrscheinlich der Name Schieber. Schieber fährt stets per Auto, ausgerechnet wie mit der Hoschanoh zu KiUos. Und wenn ich hundert Jahre ein Schieber wäre und zehnmal im Jahre Pesach wäre, könnte ich mir nur ein Rad von einem Auto kaufen. Schade, daß der Hitzkopf kein Jud' ist und die Gojim keine Schicer sind. Sonst möcht' ich ihm mein Masel wünschen. Er soll keine bessere Parnosoh haben, , nur sein Leben lang zu sein eü n Schieber bei die Maz o s, wie ich, . Io chanan, S ch i eb er bi n!" flBiftniftttti» Die nächste Nnmmer unseres Blattes WIWIWIHi. erscheint am 12. Mai l. I. *lfl mr J T T ▼ ▼ ▼ ~ y T t jmW Wahrheiten vom Tage Epilog. Das Intermezzo. „Karl will wieder Könitz sein" ist zu Ende. Wieder erfüllte sich an ihm das Schicksal, daß Herrscher das Opfer schlechter gewissenloser Berater werden. Nun, die Sturzbäche der Sensation, die in der Presse rauschten, versiegten. 9?ur etliche Reifeanekdoten plätschern verspätet und die Frage n<üch' den MiWuldigen. Ein Blatt will diese bereits gefunden haben. Es sind die Juden/ Wer denn fönst? Der Antisemitisinus wächst ntit seinen höheren Zwecken. In früheren Jahrhunderten arbeitete er mit Ritualmorden, Hoftienschänönngen und Verbreitung der Pest. Jetzt ist das jüdische Küpita-lverbrechen Königmacherei. Die Müder Israels waren' ja schon vor Jahrtausenden monarchistisch. 'Das- Büth Wamneh - liefert hier den Beweis. Jetzt aber sind es Gründe der persönlichen Sicherheit und Schutz des Geldsackes. Diese Pauschalvevleumdung brachte nicht die hiezu befugte und monopolisierte „Reichspost", sondern das Organ der angeblichen Judenfchutztruppe, die Arbeiter-Zeitung", die, im Glashanse sitzend, mit Steinen um sich wirst. Sie geht dann ins breite und einzelne und zählt beispiblsweis zu den Mitschuldigen den Minister a. D. Bazfonyr, „ein judaomagyarischer Lueger mit den wiederlichen Manieren dos Ghettos". Von Baron Szterenyi wird verraten, daß er ein getaufter Jude und Sohn des. Rabbiners Stern ist. Das mit dem Sohn eines Rabbiners soll vermutlich einen besonderen Schimpf ausdrücken. Wenn wir zur Niedrigkeit der Kampfweife der „A.-Z." hinabsteigen könnten, würiden wir es dem Blatte und seiner Partei zum Vorwurf machen, daß der Vater des bedeutendsten Mannes der Wiener Sozialisten eiu orthodoxer Jude war und mancher Halb- oder Baldgetaufte unter den Schriftleitern in der linken Wienzeile zu finden ist. Die „A.-Z." mag übrigens -den getauften. Baron Szterenyi oderden getauften Gutsbesitzer Schein, der Karl über die Grenze brachte, nach Herzenslust anprangern. Zur Aufregung aber, liegt gar kein Grund vor. Es ist die nattivlichste Sache von der Welt, daß Leuten, die ihren Glauben untreu geworden sind, die Treue zukn Vaterlande nur noch Schimäre sein kann. Dagegen ist es eine alte Wahrheit, die auch diesmal wieder die Bestätigung fand, daß Juden, die treu zu ihrem Glauben stehen, auch für ihr Vaterland eine gleiche Gesinnung hegen und immer gehegt haben. Ern Dokument der Zeit. Dr. Jsak Alkalay, Rabbiner der Belgrader sephardifchen Religionsgemeinde hat als Gvoßrabbiner Serbiens fein 25jähriges Jubiläum ge-, feiert. Aus diesem Anlasse war der Großrabbiner Gegenstand der ehrenvollsten Auszeichnungen und Sympathiebeweisen. Selbst der König von Serbien ließ es an einer solchen Ehrung für den Jubilar nicht fehlen. Am bemerkenswertesten jedoch und bezeichnend für den Geist wahrhafter Toleranz ist ein Schreiben des griechischorientalifchen Metropoliten I r e n e, der auch den Titel eines Oberpriesters von Timok führt. Dieser hervorragende ^Kirchenfürft hat sein Glückwunschschreiben, das einen überaus herzlichen und gefühlswarmen Ton zeigt, in h e b r ä i s ch e n Lettern, an den Jubilar gerichtet und sein Inhalt ist wert, den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Wir geben daher nachstehend die Uebevsetzung: „Geehrter Herr! Ich habe mit großer Freude gehört, -daß Du in den Augen unseres Königs Gunst gefunden hast und daß er Dir seine Gnade zugewendet hat. Ich gedenke der Sprüche Salomons, in denen es h eißt: „Könige finden an dem Wohlgefallen und lieben den, der Rechtschaffenes spricht" und Du, gechrter Herr, sprichst rechtschaffen zu Deiüem Volke,