Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 9 (22.4.1921)
- Date
- 1921-04-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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\ - Kr. § _ * . Bis W a zigarre, welche einen sehr Men Geruch -verbreitet. Wenn man aber bas vergnügte Schmunzeln ans dem breiten Gesicht -des Amtsdieners beurteilt, so darf man annehmen, daß Jochanans Erscheinung seinen vollsten Beifall gechn den hat. „Nehmen Sie den Hut herunter," sagt der Amtsdiener zu Jochanan, „und gehen Sie da gerade aus, dann die dritte Dir rechts!" Rab Jochanan nimmt den Hut ab, schreitet mit behutsamen Schritten, berührt kaum das Parkett, so daß mauglauben müßte, daß hier ein Schwerkranker liege oder aber, daß im Konskriptionsamt ein papierener Boden wäre. Als er nun vor die Türe des dritten Zimmers anlangt, hustet er sich gut aus itnb richtet sich die Frisur, versteckt nämlich die Peos,hinter den Ohren, daß der Beamte drinnen, ja Gottbehüte nicht glaube, daß Jochanan ein Jude sei. „Was wünschen Sie?" -fragt, Jochanan wahrnehmend, der Beamte, noch ein ganz junger Mann, bei einem Schreibtisch sitzend mrd mit einer Nagelfeile sehr beschäftigt. Sehr leise, kaum daß man es hört, erwidert Rab Jochanan: „Ich will Wiener werden." „Was — wollen Sie?" fragt nochmals der Beamte und arbeitet mit der Feile, daß Funken sprühen. „Ich will," erwidert Jochanan, „bleiben hier in Wien und möchte Sie gütigst bitten, mir .ein „Kwitel" ausznstellen, daß ich bleiben darf hier, in Wi ..... „Wo wohnen Sie?" unterbricht ihn der Beamte — und gönnt der Feile keine Sekunde Ruhe. „Auf den heiligen Ort, daß heißt auf den heiligen Platz, wollte ich sagen," antwortet Rab Jochanan. „Wo?" fragt der Beamte und steckt schnell den blutenden Zeigefinger in den Mund. . „Am Allerheiligenplatz" gibt Rab Jochanan nochmals zur Antwort. „Dort.wo alle Potok Zoloter wohnen und alle. Monestryschczer, Podhaieer, Rohatiner und überhaupt alle armen Flüchtlinge." „Am Allerheiligenplatz," gibt Rab Jochanan nochnach Hause?" -fragt neulich der Beamte >und engagiert den nächsten-Finger zum FeÄenkampf. „Zu Hause," sagt Rab Jochanan, „wo haben wir ein zu Hause; alles verwüstet und vernichtet, chorew wenechrew." „Was?" fragt der Beamte und expediert den zweiten blutenden Finger in den Mund. „Das heißt," sagt Jochanan, , „daß man zu ' Hause nicht einmal wo den Kopf niederzulegen hat. Alles zerstört, ganz Potok Zoloty weggefegt von der Erde. Und wem kann den das schaden, wenn ich mich mit. meinem Weibe am Allerheiligenplatz in einem finstern Kabinett aufhalte? Hätten wir ein Heim, wären wir schon längst zurückgefahren. Das haben jedoch die Rüsten zerstört und überhaupt der ganze Ort ist eine Wüste. Können wir jetzt dorthin fahren?" . So versucht Rab Jochanan das Herz des Beamten zu erweichen und spricht in einer Tonart, als wenn er am Jaum Kipur das „Al-Chet" hersagen möchte. Der junge Beamte erhobt endlich die Augen, sicht sich mit besonderer Genauigkeit die Erscheinung Jochanans an und lächelt sehr vergnügt. Ein Zeichen, daß auch bei Hm die Persönlichkeit. Jochanans Sympathie gefunden hat. „Wie heißen Sitz?" fragt endlich der Beamte Rab Jochanan. .„Jochanan Schiebe r," erwidert der Gefragte. h r he i t Gerte 9 „Wa—a— a—a—s?" Rab Jochanan trocknet sich mit dem Aerrnel dte Schweißtropfen an der Stirne, weil er die übermäßig große Hitze in den Wiener Amtszimmern nicht gewöhnt ist, räuspert sich und sagt nochmals ein wenig lauter: „I o nch a n a n Sch i—r—i e b e r." „Wie hat Ihr Vater geheißen?" fragt wieder der Beamte, streckt sich gerade ans und steckt beide Hände in die Hosentaschen. „Zalman Dawid Schieber," erwidert Rab Jochanan u.nd wischt sich abermals die Schweißtropfen aus der Stirne. „Merkwürdig," meint der Beamte, „Ihr Bater hieß auch Schieber?" „Ja," sagt Rab Jochanan, „auch mein Großvater. Das heißt, in die Matrikeu find mit wahrscheinlich anders verschrieben, denn meinen Sohn, welcher vor zwei Jahren in Sibirien gestorben ist, als man ihm zum Militär genommen hat, hat man Weingarten -gerufen. Wahrscheinlich so verschrieben gewesen. Uns aber heißt man alle Schieber, da es mit unserer Beschäftigung zufammenhängt." „Was Beschäftigung?" fragt der Beamte mir Neugierde, da ihn die Angelegenheit sehr zu interessieren begann. „Nun ja," sagt Jochanan, „indem mein Großvater ein Schieber war, hieß man ihn Berl Schieber. Dieser Beruf ging dann als Erbe auf meinen Vater Wer und mein Vater seligen Angedenkens war im Schieben ein Künstler, weil er ein starker, kräftiger Mann war, nicht wie ich, laug und mager, und mein Vater olow hascholaum hat ehrlich verdient den Namen Zalman Dawid Schieber." „Ausgezeichnet!" ruft der Beamte aus. „Das Schieber tum. scheint schon vor Generationen das Spezialfach der galizischen Juden gewesen zu fein." Rab Jochanan, aus der Bemer kung des Beamten entnehmend, er glaube, daß sämtliche galizischen Juden Schieber seien, sucht ihn folgendermaßen aufzuktären: „Sie sind im Irrtum, Herrleben! Sehr wenige Juden sind Schieber, befassen sich — heißt es — mit dem Schiebertum. weil es erstens nur einige Wochen im Jahre dauert und man plagt sich sehr dabei, zweitens ist noch kein einziger Jude vom «Schieben ein Auscher geworden." „Was ist das Auscher?" „Das heißt," sagt Jochanan, ,^daß kein einziger Schieber noch ein Rothschild geworden ist. Me sind sie große Dalsonim, arme Leut' heißt es, schinden sich ab ihr Leben lang und haben sich niemals satt zu essen." „Impertinente Frechheit!" erhitzt sich lder Beamte. „Alle sind sie arme Leut', die Schieber. Schauen Sie sich Ihre Stammesgxnossen, die Schieber cm. Wer fährt stets per Auto? Wer überfüllt die Luxuslokale? Wer praßt am Semmering? Sehen Sie sich die Bars an, die Kabaretts, Nachtkaffeöhäuser. Wer tragt Lackschuh, Seidenstrümpfe, Pelzmäntel, Gold und Brillanten? Wer frißt uns das beste Schweinefleisch -weg? Die Juden! Die Schieber! Die-" . „Aber Herr Kommissär!" unterbricht ihn Rab Jochan-an, „was reden Sie da vor a Stusim." „Was?!" wettert weiter der Beamte. „Nicht wahr vielleicht? Schauen Sie sich Ihre Landsleute au, wie Heuschrecken umschwärmen sie täglich das rote Haus am Schottenrmg, kennen nichts anderes als die Börse; nur