Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 9 (22.4.1921)
- Date
- 1921-04-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063903-3063912--11272-3078666- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 Es war das erstemal, daß Chad-Gadjo seinem Freunde sich offenbarte, er wollte Vizekönig werden, und er schickte daher die Verlockung voraus, ihm seine Schwester zum Wöibe zu geben, deun er wußte, daß Dajenu in Liebe zu ihr schmachtete. Da erwiderte Dajenu: „Ich möchte dich am liebsten schon jetzt zu deiner neuen Würde, Vizekönig zu werden, beglückwünschen. Und die Verheißung, deine Schwester zu heiraten ist mir unsagbar wertvoll. Wer bedenke, es ist keine leichte Sache Menasche beizukommeu, er ist — unter Uns kann es doch gesagt sein — wohltätig und rechtschaffen, tüchtig und klug mtd König und Volk lieben ihn.— Und die Juden! Sie werden alles aufbieten, ihr Obechaupt zu stützen, ihr Einfluß im Reiche ist doch gar nicht geringzusch ätzen. Unsere Kraft ist darum zu winzig, ihn von seiner Stelle zu dringen. Ich werde daher eine kräftige Anklage ersinnen, mit der du vor dem König gegen die JirLen und den Vizekönig mit Sicherheit kommen können wirst. Diesmal wird deine Verleumdung nicht vergebens sein, dann ist es leicht beim König und Minister den Befehl zu erwirken, das Vermögen der Juden zu beschlagnahmen und sie aus dem Lande zu jagen, Du aber wirst dann ungehemmt Vizekönig werden." . Dajenu sprach dies eingedenk des Wortes unserer Weisen: „Wer Israel bedrängt, wird zum Oberhaupte,"' vergaß jedoch an den Vers, den König David seinem Volke mit aus den Leidensweg des Golnt gegeben hat:- „Denn es schlummert und schlaft nicht der Wächter Israels." (Es pafsiertzu unferent Schmerze und Beschäurtheit oft, wenn ein Jude seine Treue abtvirft, sein Herz gegen seinem Volke in Feindschaft entbrennt, wie denn schon der Prophet Jesajes verkündete: „Deine Verführer und Zerstörer gehen aus deiner Mitte heraus.") Dieser Rat gefiel Chad-Gadjo gut und er sprach zu Dajenu: „Ein vornehmer Einfall, er könnte wahrlich nur dem Hirn eines Juden entspringen. . Doch bedanke, der König ist den Juden ein wohlwollender und gütiger Schutzherr und wenn, für die Anklage kein Beweis erbracht sein wird?" Dajenu sann eine gute Weile nach und sprach sodann: „Der jetzige Zeitpunkt wird Än Unternchmen ohne Zweifel begünstigen, Morgen nachts feiert das Volk der Juden ihr Passah-Fest, das Fest ihrer Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei und es geht in ihren HäNsetn-besonders Heimlich und vertraut zu. . Im Hausedes Vizekönigs werden am morgigen Wend viele Juden beisammen sein. Gehe darum soglÄch zum König und rede zu ihm: „Die Juden haben sich gegen.dich verschworen, sie wollen dich vom Throne abfetzen und dem Vizekönig, ihren Stammesgenossen zum König ausrnfen. „Morgen abends," so sollst du dem König vorgeben, „werden inj Hanse Menasches die Aeltesten und Weifen der Juden überdeine Krone beratschlagen." Deine Sprache muß kräftig und überzeugend sein. Ein Befehl, zur Außtreibung der Juden und Beschlagnahme ihres Vermögens wird alsdann ohne jeden Zweifel erfolgen. Am folgenden Tage, es war, der Rüsttag zum jüdischen Passah-Feste, beMb sich Chad-Gadjo. in, früher Stunde zum Könitz und ließ sich in sehr dringender Sache melden. Und als er vor dem Könia trat, sprach er. mitbeben^ der Stimme: ..; . .•„ ... „Meier Herr und König, deine Sonne möge in dK Unendlichkeit strahlen. In den Landern deines großen Reiches wo^rt em Volk zerstreut und abgesondert,, es lebt nach seinen eigenen Gesetzen, deine Gesetze, jedoch o Ar, § Könitz achtet es nicht, du aber gütiger Fürst, nähmest dieses Volk unter deine Fitiche und läßt deine Hnld über diesen nichtswürdigen Stamm strahlen; dankensvergessen ist dieses Au.sben.ter- und Parasitenvolk, es trachtet nach deiner Krone, um sie ihren Stammesgenossen, dem Vizekönig Menasche, auszusetzen und hier ein Weltjudenreich auszurichten. Heute nachts werden sie im Hanse deines Vizekömgs über deinen Kopf ratschlagen, in ihrer Sprache, heimlich und unverständlich. Ist es dir o König wert, dieses schädliche Volk im Lande zu belassen? Ich würde daher meinem erlauchten Herrn und König den Rat geben, binnen kürzester Friste sie alle aus dem Laude zu vertreiben, ihre Reichtümer aber in die Schatzkammer des Königs bringen zu lassen." * Die Worte Chad-Gadjos machten aus den König tiefen Eindruck und seine Stirne legte sich in strenge Falten. Er wurde traurig und sprach: „Ich will mich überzeugen; ist dem so, wie du sagtest, dann werden ich sie aus meinem Reiche, wie die Hunde verjagen — weh ihnen, wenn es wahr ist" — — (Schluß folgt.) Jochanan Schieber geht optieren. * Ein Bild aus der Wiener Nachkriegszeit 1921- Von Joses G rw b. Jur Konskriptionsamt des 20. Wiener Gemeinde- , bezirtes, das irgendwo in Zwifchenibrücken liegt und.die Angelegenheiten des Allerheckigenplatzes zu erledigen hat, erscheint an einem fchr kalten Winterdage ein Jude, groß, sehr mager, und auf die Frage des Amtsdieners, „wen er suche", erwidert er mit einer heiseren Stimme: „Ich bin hergekommen, um zu werden ein Wiener!" Der Amtsdiener.war ein kleiner untersetzter Fünfziger, mit einem runden Kvautkopf und einer sehr ansehnlichen Glatze, .mit einem sehr gesegneten Schnurrbart und einem zweiteiligen Bart beschenkt, so daß man schwören könnte, daß sich seine Mutter in den alten Kaiser Franz Josef seligen Angedenkens vevschmtt hatte. Dieser Amtsdiener.logt die „Reichspost" aus der Hand und unterzieht den zukünftigen Wiener, Rab Jochanan Schieber aus Potok Zoloty, einer genauen Musterung. Er sicht sich vor allem Jochanans Schipioe an, die insolge ihres Glanzes eine besonders wirksame Reklame für dre Schmollpgsta-Fabrik abgoben könnte, blickt verstohlen auf den Ba^t Jochanans, der einem verknoteten Bund Flachs ähnlich ficht; , betrachtet mit großer Neugierde den weißen Hut änf Jochanans Haupt, der einst bessere Zeiten gesehen, jetzt aber sehr viele Löcher aUfzuweifen hat und in eiuenr breiten, grünerr Band eiNbandagiert ist, er scheint ein Geschenk der Zlrkusgasse, aus^der Glanzzock Schwarz-Hillers, zu 'sein und als der Amtsdiener die ausgedienten Bergsteiger, herumgeibunden mit echtem Friedenszuckerspagat aus Jochanans Füße entdeckt (wahrscheinlich! . auch eine Msmerksamkeit der Flüchtlingszentrale), vergißt er nicht, 'auch Jochamms Zizis, die sich;,mit einer besonderen Hartnäckigkeit vorn unter den Kaftan hervordrängen und nach ein bißchen reinem Wasser lechzen, eines Blickes zu würdigen, und denkt sich höchsüvahrschomlich: „Da sicht man, wie ein Jud praktisch ist. Kauft sich auf einmal zwei Bund Spagat und erspart alle vierzehn Tag 15 Kronen für ein paar Schuhbandes auszugeben." Der Amtsdiener 'wirft den Birgi.ni>aziigarrenftnmmel weg, spuckt dreimal aus und es ist nicht leicht zu beurteilen, wem das Ausspucken gilt,- Jochanan oder der Virginia- %it Wah rhei 1