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Die Wahrheit · 1921-04-22 · Heft 9 (22.4.1921) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 9 (22.4.1921)
Date
1921-04-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 .Nr. 9 Die M aj x he i t Pessach tröftenib und auftlärend an uns heran; -er spricht von Aufklärung und Läuterung, wir vergleichen das Jetzt mit dem Einst, hüllen uns in Geduld, dis daß jenes unausweichliche Grundgesetz der Weltgeschichte mit seiner alles 'bessernden, veredelnden Kraft in Wirksamkeit tritt! * * * Ein ergreifendes Bild ist es, das uns der siebente Tag des Pessachfestes entrollt. Das eben erst befreite Israel sah von neuinn seine ihm kaum noch geworbene Freiheit gefährdet. Finstere, drückende Nacht über ihm, vernichtungdrohen!de Wogen vor ihm, racheschnaubende Verfolger hinter chm, so glaubt es sich unrettbar den Händen seiner Feinde ausgyliefert. Damals, in chrer verzweifelten Lage, wird uns erzählt, waren die Israeliten nicht einig, was sie zu beginnen hätten, und vier Parteien bildeten sich. Die einen schlugen vor, den Tod im Wasser zu suchen, die andern ins ägyptische Sklavenjoch zurückzukehren, eine dritte Partei ermahnte, ruhig den Kampf mit idem Feinde zu versuchen, und wieder andere glaubten genug zu tun, dcch sie klagten und «verzweifelt ausschrisen. Da eMickte diese zuletzt -gedachte Partei! plötzlich Moses und sie wandte sich an rhn mit der stürmischen Frage: „O, unser Lehrer und Meister, was sollen wir tun?" Der Angeredete erügegnete mit mächtiger Stimme, so 'daß es durch die -Rechen drang: „Seid standhaft! Dann braucht chr euch nicht in die Fluten zu stürzen und auch nicht nach Aegypten zurückkchren. Gott wird für euch streiten und ihr schweiget!" . : . Das Bild, wie es aus Israels Jugendgeschichte uns hier vor die «Seele tritt, -ist nach dem Weltkriege und seinen allgemeinen Nachwirkungen im großen und ganzen dasselbe geblieben. Sogar die Vier zahl der-widerstrebenden und mitu^r sich leidenschaftlich 'bekämpfenden Parteien erscheint wieder «aus der Bildfläche. Es fehlt weder an den Gleichgültigen, an Indifferenten und Verzagten, noch fehlt es an den zu leidenschaftlichen Kämpfen Entschlossenen wt> Gerüsteten. Der Uebel größtes aber ist, daß es bei alledem wieder an dem einigenden Bande f e h l t, das unsere Juden widerstandsfähig un!d zur Verteidigung ihrer Rechte «geeignet machen könnte. Mit denen, die zag und furchtsam gar schnell ihre Ueberzeugung wechseln, sich kleiner Vorteile willen mit-' unter sogar „ins Wasser" hineinbegeben und>sich dadurch selbst dem moralischen Tod «überliefern, «gilt es freilich nicht zu rechten. Uns «andere will aber das'Fest zum mutigen Aush«arren aneifern, indem es uns die «siegreiche Gewißheit bringt: „Der Herr wird für euch kämpfen!" Diese Verheißung soll jedoch kein Ruf zur Tatlosigkeit sein, noch weniger darf man die Hände resigniert m den Schoß legen. Die Aufforderung, „Gott kämpfen zu lasse n", widerspricht keinesfalls dem Recht der «Selbsthilfe, es werden uns vielmehr die Waffen gezeigt, deren wir uns bedienen sollen. „«Gott soll für euch kämpfen", doch unserer Verteidigung, mit der «wir allen Feinden be- -gegnen 'wollen, muß zunächst die -eigene religiös-sittliche Läuterung vorangchen. Die beste Widerlegung aller gegen uns erhobenen Anklagen geschieht dadurch, d«aß wir j Judentum gleichbedeutend verstehen mit Wahrhaftigkeit! uud Gerechtigkeit. mit Nächstenliebe und Sittlichkeit. Das; dürfen wir keinen Augenblick außeracht lassen, nimmer Ein Brief an den lieben Kerrgvtt. Eine jüdisch-litauische Pessachgeschichte. Erzählt von Arnim W i l k o w i t s ch, Eger. I. In der Stadt, wo Gassen und Straßen ausschließlich von Juden bewohnt sind und oft kein einziger Fremdgläubiger die Harmonie des Kahals stört, ist das Rüsten vor' dem Pessachfeste mit dem Herannahen des ersten Nissan eine allgemeine Erscheinung. Es beginnt gewöhnlich mit dem Bloßlegen der während des Winters eingemauerten Fenster und der Frischtünchung ganzer Häuserreihen. Nun steigert sich das Tempo: Bettzeug und Kleider werden geklopft, Sack um Sack „behüteten und unbehüteten Mehles" werden zum Mazzotbäcker getragen. Vor den Geschäfts- und Fleischerläden wogt und flutet es vor Menschenmassen. Man ruft, man schreit, man gestikuliert mit den Händen. Schuster, Schneider und deren Assistenz eilen mit Neuschöpftmgen und Reparaturen, kurz: alle Winde wehen, alle Räder sich drehen zum Empfange des fröhlichen Festes der Befreiung! ' Mein auch am Lande, wo Juden in verschwindender Zahl nur wohnen, schlägt der herannahende Pessach noch vernehmlich seine Schwingen und selbst Nichtjuden sind von feinem Erscheinen in Mitleidenschaft gezogen! Für.neun Tage muß man sich mit Gesäuertem und Gegorenem, was man aus der Stadt bezieht, vorsehen — eine Tatsache, mit der der Fremdgläubige rechnen muß; und gar oft kommen die Bauern zu den Dorfjuden nrrd fragen: „Wann, Alttestamentarier, verbrennt Ihr «den Ehomez? — Daß man's weiß!" ,11. Der Gutsbesitzer Ritter von Tomaszewsky strebt durch die Dorfstraße dem Revierforste zu. Und als er an der Holzhütte des jüdischen Hausierers Herschel vorübereilt, fällt ein Gegenstand an den Rand seines blauen Jäger- Hütchens. Der Jagdhund knurrt und schlägt «an, erfaßt mit dem Maule das Gefallene und hält es seinem Herru hin. Es war ein mit drei Siegeln versehener Brief, für den Gutsbesitzer, wie man zu sagen pflegt, „mit sieben Siegeln", denn die Adresse, die noch halbseuchte Schrift trug, war jüdisch geschrieben. Also steckt er den Brief in die Tasche seineO Jagdwamses und schreitet seinem Ziele zu. Im Forschaus angelangt, läßt sich just der reiche Holzhändler Gabriel Rosenzweig anmelden. — „Gut, daß Ihr gekommen seid!" sprach der Gutsbesitzer nach flüchtiger Erwiderung des Grußes freundlich, „sagt mir, wer ist der Adressat dieses schwer versiegelten Briefes?". Herr. Rosenzweig lieft: An den lieben Gott im

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