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Die Wahrheit · 1921-04-22 · Heft 9 (22.4.1921) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 9 (22.4.1921)
Date
1921-04-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MMmVtzeZckMft für MMME “ REDAKTION u-ADMINlSTR^TlQN Wm S.» Aeirustraßr IS XXXVII. Jahrgang mtn, 22. April 1921 Nummer 9 Zum Pessachfeste. Der alte freundliche Tröster ist wieder da. Das hohe Lied des Frühlingsfsstes erklingt aus fernem Munde. Siehe, unser Freund kommt, schon 'blickt er wie junge Sonnenstrahlen durch die Wolkengitter. Macht Platz, schmücket eure Häuser. Horchet auf seinen Gruß, lauschet aus seine freundliche Rede. Was wollt ihr chm erzählen, was wollt ihr chm klagen? Eure Not? Eure Bedrängnis? Euer Leid? Er lächelt Euch die Sorge von der Stirne weg! Der Zaubedblick scheucht die Schatten euch aus dem Antlitz fort! Lemet lesen, spricht er zu uns, lernet lesen und verstehen aus dem Buch der Zeiten. „Knechte sind wir einst gewesen" — lernet lesen und verstehen den Wandel des Schicksals. Einst sah ich Knechte hoch zu Roß und Fürsten zu Fuß einhergehen. Neben dem „Brot des Elends" perlt der Wein im Becher, neben dem Bitterkraut duftet die Würze. Wer hat wohl öfter so Zeiten und Schicksale wechseln gesehen als du'Israel, Erstgeborener im Vaterhaus des Heiligtums) und du könntest verzweifeln am Kommen deines Frühlings? Wohl lang und bang ist unser Winter, noch ist unser Eis nicht gebrochen, unser Schnee nicht geschmolzen. Wird demr aber unser Winter immer dauern? Werden die ganzen Wolken immer über unserem Haupte hängen? Einst hatten wir eine bange, schauerliche Eiszeit ht Aegypten zu bestehen — es zog eine warme Frühlingssonne an unserem Horizonte herauf, es führte uns der Ewige von dort heraus mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arme. Was eiitft gewesen ist an Milde -und Erbarmen, an Liebe und Rührung, an mächtigem Auftprießen des unterdrückten, Rechts, an Erlösung aus Jammer und Tränen, es kann, es wird, es muß immer wieder werden. Die Geschichte der Völker ist wie ein Mensch: sie hat Teil an seinen Schwächen, an seinen Gebrechen und Krankheiten, nicht minder über auch an seiner Kraft und Gesundheit, an seinem Schaffen und Streben. Sie sinkt in den Schlaf wie dieser, träumt oft wie dieser, manchmal gar mit offenen Augen,' und hält Traumgebilde für wirkliche Wesen, Wahnvorstellungen für greifbare Existenzen. Vom Stuerm und Donner der Not geweckt, schlägt sie aber auch wie dieser einmal die Augen auf, schüttelt Traum und Wahn von sich ab, schaut klarund fest um sich her, es wird licht und hell ringsum. Es erzittert die Erde unter dem schrecklichen Erwachen, unter dem | Brechen der Ketten, unter dem Schrei über angetane Gewallt, über das betrogene Recht, über die verlorene Jugend und die getäuschte Lebenslust in den Fesseln der Tyrannei. Der Auszug Israels aus Ägypten war in der Geschichte der Völker der „erste Sklavenaufftand", das erste furcht- .bare Strafgericht über die Tyrannei der Herrenmoral, und dieser, ward fortan der Trost und die Hoffnung all derer, die in den Banden, der Gewalt verkümmerten nach in der Sehnsucht nach Freiheit sich verzehrten. Die ihr das Morgenrot der Freiheit geweckt, es wird auch euch' uoch scheinen, wenn die Sonne der Erkenntnis, im ZenÄh steht und ihre Strahlen bis an die äußersten Enden der Erde entsendet. Der Pessach ist das große Weltsymbol, das hehre Gleichnis der Geschichte der Menschheit, das aus den Trümmern der alten Kulturen emporragende Denkmal des ersten Erwachens des Geistes zur Selbstwürdigung und Selbstbestimmung. Gleich einem Jannsbi'kd zeigt es ein Doppelarrtlitz, rückwärts und vorwärts, in die Vergangenheit und in die .Zukunft, gerichtet. Das - Strafgericht Aegyptens, die Befreiung Israels in der Vergangenheit ist Zeichen und Unterpfand seiner Befreiung aus den Drangsalen aller späteren Zeiten, zugleich eine Mahnung für Me Machthaber mid Staatsmänner der Erde, das Wohl und Gedeihen ihrer Völker und Staaten in einer gerechten und humanen Politik zu. suchen; eine Warnung gegen jeden Hintergedanken und jeden stillen Vorbehalt in der Handhabung des Rechts und der Gerechtigkeit, in der praktischen Verwirklichung der Gleichheit und Freiheit >für alle diejenigen, die einen gegründeten Anspruch an diese haben. Denn fast wäre man versucht, bei Betrachtung der durch rohe Umtriebe getrübten, an das Mittelalter erinnernde Lage der Juden in verschiedenen Staaten der Gegenwart jenem bekannten pessimistischen Philosophen zuzustimmen, der die Vorgänge in der Geschichte der Menschheit als einen immer in demselben Kreislauf sich wiederholenden „Rummel" bezeichnet. Dem Juden aber, der offenen Sinnes und gläubigen Herzens das Pessach begeht, ist es ein Fest der Hoffmung, der Zuversicht auf den Wandel der Zeiten zum Besseren. Der Frühling regt sich mit tausend geheimnisvollen neubelebenden Kräften. „Nun muß sich alles wieder wenden!" mahnt das tröstende Wort des Dichters. Wer möchte da | an einer besseren Zukunft zweifeln. Und nun tritt der

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