Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S Dis Wahrheit_Seite 11 Bon Nah und Kern -- Der große Trauertaq der Wiener Inden. In Erinnerung an diesen in Nummer 5 unseres Blattes ge- «brachten Artikel möchten wir die Mahnung erneuern, daß der Gedenktag, 17. April, des grauenvollen Geschchens, der Heuer zum 500. Male wisderkchrt, im Zeichen einer würdigen Tranerandacht begangen werde, wofür die gesamte Wiener 'Judenschaft Verständnis und Empfänglichkeit besitzen dürste. Es liegt sonach nur an der ausschlaggebenden leitenden Stelle, die Direktive für. diese Trauerfeier in allen Tempeln und Bethäusern zu geben. Die Aguda und Herbert Samuel. Aus Jerusalem wird uns-berichtet: Herr Kultusvorsteher Pappenh e i m, Präsident der Wiener Agüda-Zentrale, wurde in einer Spezial-Audienz vom High-Commissioner, Sir Herbert Samuel, empfangen und referierte über die Tätigkeit der Agnda, die-in erster Reihe den unglücklichen Brüdern gegolten hat, die durch den Krieg gelitten haben, wodurch die Aguda bisher einen geringeren Anteil hatte an dem Aufbauwerke in Palästina, das sa einen der wichtigsten Programmpunkte der Aguda bilde. Der High-Commiffioner zeigte großes Interesse für die Ausführungen Herrn 'P a p p e n h e i m s, drückte seine Freude aus über die Ankunft orthodoxer Gruppen nach dem Lande der Väter, um sich auf Basis der Thora und der Tradition an dem Aufbau Palästinas zu beteiligen. Sir S a m u e l versicherte Herrn P a p p e n h e i m seiner, sowie der Unterstützung der Negierung bei der Tätigkeit der Aguda in jeder Hinsicht und der Unterstützung des vom Präsidenten Pappenheim in Jerusalem organisierten Lokalkomitees. ' Wiener Kultuszustünde. Ueber das Schicksal und Zukunft der Wiener Kultusgemeinde werden bei üns, je nach Parteistandpunkte, so widersprechende, mitunter frei erfundene Gerüchte verbreitet, daß sie alle zu registrieren einen ganzen Band in Anspruch nehmen würde. Es ist kein Wunder, wenn derartige-Gerüchte den Weg auch in die jüdische. Auslandspresse finden. So begegnen wir denn in der jüngsterschienenen Nummer der weitverbreiteten „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Berlin, unter dem Decknamen „Hazofer" einem Wiener Brief, dessen Urheber dadurch leicht festzustellen ist, daß er eine auffallend starke Vertrautheit mit den Borträgen über „More Nebuchim" undden Vorgängen in unserem „Bet hamidrasch" an den Tag legt. Die Korrespondenz befaßt sich eingangs mit dem Aufschwung des Wiener Bet hamidrasch. — Ein „Sisum" über Maimonides' - More Nebuchim. -- Erinnerung an -das Matyrium von .1421 —^ in folgender Weise: „Ein Zusammentreffen verschiedener äußeren Umstände hat dahin geführt,' daß sowohl die Sabbatpredlgt wie der Jugendgottesdienst für Schüler in Wien seit längerer Zeit beinahe aufgchört haben, zu den synäaogalen Einrichtungen zu gehören. In der Leopoldstadt ist der große Tempel vor mehreren Jahren durch einen großen Brand zerstört Monden. Anfangs wurden große Pläne für den Wiederaufbau entworfen. Nach dem Zusammenbruch, dem Zerfall des Staates, der katastrophalen Gelduüwertung und der gänzlichen Verarmung der Jüdischen Gemeinde (die jetzt nicht einmal nach monatelangem Streik der Religionslehrer ein volles Eingehen auf deren Forderungen zuläßt) wurde selbst eine .bescheidene Wiederherstellung unerschwinglich. Inzwischen gewöhnten sich die Sitzinhaber, an den Feiertagen sich mit einM Gottesdienst in gemieteten Konzertsälen zu begnügen und an Sabbaten auf denselben ganz zu verzichten." In einer Fußnote berichtigt sich nun der Briefschreiber selbst dahin, daß der Lehrerstrerk durch ein günstiaes Uöbereinkommen boigelegt wurde und >daß cm der. Adavtierung des Leovoldstädter Tempels für den Herbst dieses Jcchres aearbeitet wird. Bon der letzten Tatsache hätte sich der Korresvondent, den fein Weg gewiß oft an dem Temvel vorbeiführt, schon früher überzeugen können, ebenso wie ihm bekannt sein dürste, daß das rührige Temv"lbaukomstee alles aufbietet, um diele Arbeiten zu. beschleunmen. Lluf Herrn Oberrabbiner Dr. Eh ajes ist „Hazofer" sehr ungnädig zu svrechen und meint: In der Seitenstätten gaffe, der klassischen Stätte jüdischer Homiletik seit Mannheimer, hat Oberrabbiner Dr. Chajes von der Stunde seines Amtsantrittes an politische oder sozialpolitische Ansprachen 'statt Predigten emgeführt. Diese mochten spannend und seffelnd sein; da man aber derartige Reden auch außerhalb der Synagoge zu hören Gelegenheit hat, so fohlen sie beim Gottesdienste nicht. So kommt es, daß Dr. Chajes bereits den dritten Monat verreist ist (er weilt in Amerika) und «dadurch zwar eine empfindliche Lücke in der Leitung verschiedener humanitärer und kultureller Anstalten besteht, denen er sich mit Feuereifer widmete, aber die „Kanzel" nicht als „verwaist" 'betrachtet werden kann. Der neue Inhaber derselben hat sich übrigens selbst einmal in einer Rede dagegen verwahrt, daß er „Gottes Wort" zu verkünden habe; das Haus sei auch kein „Gotteshaus, sondern ein Bolkshans". — Es ist gewiß lehr zu bedauern, «wenn derartige Behauptungen vom Oberrabbiner Wiens in der ausländischen Judenheit verbreitet werden; denn wir sind der Ueberzeugung, daß Herr Oberrabbiner Chaies diese letzte Aeußerung zumindest nicht mit diesen Worten gebraucht h-at. Was nun den J'Naendaotwsdiienst anbelangt, so ist es, wie wir wiederholt selbst bemerkt «hüben, sehr beklagenswert, daß eine Unterbrechung stattaesunden Hut, dieselbe datiert aber nicht, wie der Herr Brienchreiber ebenfalls unrichtig bch^uptet, seit dem Zummmenbruch. sondern erst seit dem Herbst des Vorjahres. Er äußerte sich zu diesem und über den Kultus-Vorstand: „Der Juaendgotkesdienst ist nach der Revolution anfangs wegen der unruhigen Zeit und wegen Mangels an Heizmaterial eingestellt worden. Nachdem aber die Gomuasta-Uchüler durch den ganzen Winter sich den Besuch eines Gottesdiwstes -abaswöhnt hatten, waren sie nicht mehr Kr eine Wiederaufnahme desselben zu bewegen. Im neuen Borstand, der zu einem Drittel aus Zionisten besteht (die anderen sind unter der nicht sehr geschmackvollen, eine gewisse Ideenarmut und religiöse Uninteressiertheit 'verratenden Flagge als „Nichi- Jikdiichnationale" gewählt worden), hak sich-noch kein Führer gefunden. der das religöie Leben zu erwecken als sei-ne Aufgabe betrachtet hakte. Für die Not und Arrmck der Gemeinde ist übrigens kennzeichnend, daß der Oberkantor des Tempels in der Seitenffäktengaffe seit einem Jahre in Amerika und der Oberkantor des Tempels der Leopoldstadt seit mehreren Monaten in England werkt." Ein Werüerus. Die christliche Preffe ms christliche Haus! -Mit diesem Appell an ihre Parteifreunde und Genoffen suchen die Wiener Antisemiten ihre papierene öffentliche Meinung möglichst stark zu verbreiten. Und sie haben hier unbestritten Erfolg. Für die christliche Preffe wird nicht nur durch diese selbst, sondern auch m Berf-ammlunaen, von Hans zu Haus rmd von Manu zu Mann Propaganda gemacht, und zwar sowohl Kr d.e führenden Tagesblätter als auch für die kaum beachteten Provinz- und Bezirks blättchen. In diesem Punkteließe sich