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Die Wahrheit · 1921-04-15 · Heft 8 (15.4.1921) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 8 (15.4.1921)
Date
1921-04-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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«eite 8 Hie Wahrheit Ar. ft Jüdische Motive in der Weltliteratur. Ein Beitrag zur vergleichenden Literaturkunde. Von einem Rabbiner. Alle Rechte Vorbehalten. Einleitung. Die vorliegende Arbeit bildet den ersten Teil einer Reihe vergleichender Studien zwischen profaner und -jüdischer Literatur. Manche Ueberemstimmung beider Gebiete beruht auf dem lebendigen Eindruck, dm Lektüre, Vortrag und dergleichen auf das Gedächtnis des betreffenden Autors hinterließ. Lange Zeit unter der Schwelle des . Bewußtseins ruhend, schwangen sie im gegebenen Augenblick gleichsam an den Saiten seines geistigen Schaffens leise mit und führten so, weiteirtfernt von unlauterer Entlehnung, vielmehr dem Genius des betreffenden' Schriftstellers selbst unbewußt, sich in dessen Feder drängend, zur fraglichen Übereinstimmung. So finden sich bekanntlich in Schillers „Räuber" mehr als 70 wörtlich getreue 'Sentenzen. Ebenso verhält es sich mH dem bekannten Ausspruch Goethes: „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Ocoident; Nord und südliches 'Gelände ruht im Frieden seiner Hände." (Siche vorliegende Schrift, Kapitel Literarhistorisches [B].) Andere Parallelen beruhen häufig nur auf einem Gleichklang von Sätzen oder Worten, die sich aus einer Ähnlichkeit der.Siüration ergibt. Gleiche Ursachen erzeugen gleiche Wirkungen; hiezu gchört die int Kapitel „Kulturhistorisches" angeführte Parallele zwischen König Nikias und dem. gleichen Fall König Davids; Parallelen, die immerhin kulturhistorisches Interesse beanspruchen dürfen. Vieles ferner, was auf den -ersten Blick als Uebereinftimmung erscheint, mag oft auf bloßem Zufall beruhen. Hicher ist die in demselben Kapitel ausgenommene Erzählung vom Feldherrn Kimon, den die Athener argwöhnisch abweisen, und vom König David bei den Philistern zu rechnen. Gleichwohl wurden auch solche Parallelen als kulturhistorisch frappante Erscheinungen registriert. Ganz anders verhält es sich mit.einer vierten Gruppe von Parallelen, die nicht nur der Situation und dem Sinne, sondern auch dem Wortlaute nach genau übereinstimmen. Solche sind namentlich die drei ersten Abhandlungen der vorliegenden Schrift. Ihnen wurde aus diesem Grunde ausführliche Untersuchung gewidmet. Denn da erscheint es als eine der Wissenschäft würdige Aufgabe, das AbhängvgkeiNverhältnis beider Gebiete kritisch z-u untersuchen und, womöglich, die' Ursprünglichkeit der betreffenden literarischen Quelle nachzuweisen. D e r B e r f a s s e r. I. Li terarh isto risches (^). Ein interessaittes jüdisches M o 4 i v drängte sich mir bei der Lektüre des historischen Romanes Gelimer (3. Auflage, S. 547 ff.) von Felix Dahn aus. Dahn erzählt hier von dem Jerusalemer Tempelschatz, den Leuchtern, Schalen, Schüsseln, Krügen von Gold und Silber mrt Perlen und Edelgeftern geschmückt, die Geuserich aus dom geplünderten Rom nach Karthago gebracht... Belizar, der Bezwinger des Vandalenreiches, will die ganze Beute bei seinem Einzuge in Byzanz zur Schau stellen... Da ließ sich der Aelteste der Inden von Hippo hm Bslizar melden und sprach: „Laß dich warnen, Großmächtiger, KriegsgcwalUger! Schaffe diese Schätze nicht nach Bizanz. Höre eine Fabel an aus dem Muäde deines armen Knechtes" ... Es folgt eine herrliche Fabel von dein 'Adler, der aus dem OpferbvaNde Fleisch, raubt und in seinen Hort trägt. Die glimmenden Kohlen, die an dem Fleische hasten, verbrennen den Horst samt den Jungen des Adlers sowie den Adler selbst, der sie retten wollte. .. . „Das Kapitol' von Rom fiel in Feindeshand, die Hochburg' der Vandalen siel in Feindeshand, weil es diese Schätze barg ... Wahrlich,, ich sage dir, so spricht der Herr: Dieses Gold, dieses Silber wird wandern über die Erde, wird verderben alle Städte, wohin der Raub geschleppt wird, bis Gold und Silber wieder liegen in Jerusalem, der heiligen Stadt" (a. a. O.). Und siehe da: Belizarius erschrack... Er schrieb an den Kaiser Justiniän die Fabel des alten Juden und — wirklich und wahrhaftig... Justinian... befiehlt, diese Schätze nicht nach Byzanz zu bringen, so ädern nach Jerusalem (a. a. O.). Dieser von Felix Dahn so phantasier eich verarbeiteten Fabel liegt offenbar eine gleichlautende Legende über die heiligen Dempelgefähe bei Procopists: Bellum vandalicum II, c. q. p. 446 zugrunde. Dieselbe erzählt von einem byzantinischen Juden, der gegen einen Höfling bemerkte, es fei nicht ratsam, diese Tempelgeräre in den kaiserlichen Palast niederzulegen, denn sie könnten Unglück bringen- (Vgl. Grätz' Gesch. d. Juden, 53, S. 33.) Wenn dieser byzantinische Jude auf historisches Dasein Anspruch erhöben darf, so dürfte -er einer der beiden Juden sein (Pastor und Asklepiädolus), welche an der Spitze einer Mischen Gesandtschaft „für die Oftgothen gegen Belizarius eintraten". (Vgl., „Oesterreichische Wochenschrift" 1914, 47, S. 814.) Kaiser Justinian, geänMgt durch den Ausspruch eines Juden, mochte diese Gefäße nicht - in der Hauptstadt dulden und ließ sie in aller Eile Nach Jerusalem bringen. (S. Samuel Krauß: Studiert zur byzantinisch-jüdischen Geschichte- Jahresbericht der israelit. theolog. Lehranstalt-, Wien 1914, S. 103.) Krauß weist hier aus die Bemerkung des Herausgebers von Grätz' Geschichte der Juden, 54, S. 37, hin, daß nach anderen Berichten »die Tempelgefäße auf der Fahrt über das Meer verschwunden seien; ferner aus Jellineks „Beth hamidrasch II, 60: schehem (k'le kodesch) g'nusim b'beth Justinus Kesser, daß die Tempelgeräte im Palaste des Kaisers Juftinianus verwahrt sind (a. a. O.). Aus alldem'erhellt-deutlich, daß die jüdische Apokalypse dieses Sagenstoffes über die heiligen Tempelgefäße liebevoll sich bemächtigte und dem Wandel dieser heiligen Gegenstände von Reich zu Reich und von Ort zu Ort in wchmutsvollen Variationen Ausdruck verlieh. Wir sehen aber auch, daß es das Motiv desselben Sagensioffes über die heiligen Tempelgefäße ist, mit welchem Vertreter der Weltliteratur vom Range eines Procopius und Felix Dahn so eingehend sich beschäftigten. Dieses Motiv des Fatums, welcher die Tempelgeräte über ihre Räuber heraufbeschwören, bildet ferner, genau besehen, den Gegenstand der bekannten Romanze Heinrich Heines: Belsazar, der Titelheld dieser Romanze, treibt bei einem Trinkgelage mit den heiligen Tempelgefäßen Hohn und Spott. Eine geheimnisvolle Hand erscheint nun und schreibt an die Wand seines Palastes' die unheilverkündenden Worte: „Mene, mene, t'kel nfar'ssin". Gezählt, gezählt, gewogen und zerteilt. ... . . Und schrieb und schrieb an weißer Wand Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.

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