Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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«eite 6 Die Da-rys-kk Nr 8 Für die Bewirtung der rituell speisenden jüdischen Teilnehmer war vom oberschlesiichen Landesverband in Wien. 1. Best.-. Iohannesaasie 3, Sorge getragen worden. Sowie diele Stelle rechtzeitig Vorkehrungen aetrofsen hatte, daß keiner der Mitreißenden am Sabbat zu fahren brauchte, hatte sie auch auf die rituelle Verpflegung Bedacht genommen. Etwa 85 Reflektanten hatten sich anaemeldet. Leider wurde diele Gruppe durch die überhastete EinwaaaonierUng auseinanderaerillen, sodaß eine gemeinsame Ansst-eiilu-nla an den VerpflegsststioNen ' nur unter Schwierigkeiten durchzuführen war. Für Li uz hatte Herr K u l t u s v o r kt e h e r Emil Bruder diese Auiaabe übernommen. Im Verein mit seiner Gattin und einer and eien Linzer Dame hatte er eine bkumenaelchmückte. trefflich belebte Taiel bereitaestellt. Jur Ebrung der Gäste waren auch als Vertreter der Linzer Kultusoemeinde deren Vorsitzender .Herr Schwager sowie Herr Rabbiner Dr. S cki u l s i n a e r erschienen. Eirr solcher Anfang der Führt war jedenfalls verheißungsvoll. Welche Ueberratck»nna aber. als mitten in der Nacht n"tf diu? Swtisinen Wels und PcMan >^er Trnhel von Linz sich wiederhost?! ..Toabell war die Nacht gelichtet." Und nun am nächten Moraen datz aallliche Nin^t,^s-n! Hier waren onm Nert^^wr der freien orthodoren Vereinigung H-r^n N"-bb'^er Dr. Klein die Herren E ck st e i n. und Sc-ndiaffls Maver, mit dem Empfang der rituell Stellenden betraut wurden. Die Zerren entledigten sich ihner Ausaaib-' ,nit rübrender H>inaebnna. Wie in Linz war 'dir alles arlls Breite gelorat. Den<n, die ans Gehmdheits rücksichten den . Zu« nicht verlassen durften, wurde das Essen i.m Waaaon serviert. Der Schutzbund. der hier die Kokten trua, hatte ausdrücklich die Ermächtiuuua erteilt, das Belte lo reichlich als möglich zu bieten. Wir betonen ae'-ade dielen Nunkt des Vroarammes, nicht als ob iü dielen knlinari'chen Genüssen sich unsere Festsrenibe erl-bünff hätte. Es soll nur mit dankbarer Genngtuuna verzeichnet werden, wie selbst nach dieser Seite hin nichts verübsäumt wurde. -- i Wenn es noch möglich war, diese Aufmerksamkeit zu überbieten, so hatten wir einen solchen Ueberschwanq in Bamberg zu verzeichnen.. Hier hatte Herr Distriktsr >a b b i n e r Dr. E ck st e i n, der in Begleitung eines Vertreters des Synaaogengemeindevorstandes zur Stelle war, ein Tilchlein-'deck-dich vorbereitet, vor dem jeder Versuch eines Dankesstammelns einfach die Segel streichen mußte. Suppen, Würste, an denen unter anderem ein Mitglied' des deutschen Hochadels im Abstimmnngszug sich weidlich delektierte, Obst, Tabak, Ziaaretten. kurzum ein wahres Ganeden tauchte da-vor unseren Augen aus, um Ebenso rasch in den Coup6fenstern, die von dankbaren Abnehmern garniert waren, zu verschwinden. Nachdem wir nunmehr zum zweiten Male zu Mittag zu speisen Gelegenbeit gesunden hatten, reisten wir gespannt der eigentlichen Mittagsstation entgegen, als welche von der Zentralleitung Saalseld bestimmt worden war. Wir hatten uns, da es dort keine indische Gemeinde gibt, mit Herrn Landrabbiner F r ä n ck e l in Meiningen in Verbindung gesetzt, und waren wir schon durch das, was vorheraegangen,"nicht wenig verwöhnt worden, so wurden wir aevadezu sprachlos, als am Saalfelder Bahnhof, Herr und Frau Becke-r uns empfingen, um uns mit. einer Aufwartung zu überraschen, die in jeder Hinsicht über alles Lob erhaben war. Diese üppige Verpflegung ist umso höber einruschätzen, als sie ein privates Patriotisches Ovser der Familie Becker darstellt. Hätte nicht unter uns Abstimmlern eine so unzerstörbare Harmonie geherrscht, die Verwöhnung, die uns zuteil wurde, hätte unter unseren Reisegefährten lauten Neid Hervorrufen müssen. ' , Mitternacht war längst vorbei, als unser Zug in Dresden einrollte. Schon von weitem grüßte uns eine Tafel mit. dem Mögen David, das Vanier. um das wir uns soiort freudig scharten. Herr Rabbiner Prof. Dr. Winter, Dresden, der alles vorbereitet hatte, war anfangs selbst zu einem Abstimmunaszuge erschienen, mit dem man uns. erwartet hatte. Von seiner Begleitung hatten unverdrossen Stundenlang bis zu unserem Ein-, treffen ausgeharrt dir Herren Religionslehrer Anschel, jetzt wird uns jeder auslachen "und verachten, jetzt wird man anfangen, noch weniger zu geben." „Aaron Maier hat Recht," sagte der Führer, „ich soll so leben und gesund sein, er hat Recht. Was ist aber jetzt zu tun? Sollen wir da bleiben und den anderen das ganze Geld und das ganze Essen laßen?" Da kamen die Führer der Schnorrergemeinde überein, den Streik bis nach der Hochzeit a u s z u s ch a l t e n, dann aber wieder von neuem anzufangen. Die Zurückgebliebenen haiten noch gerade Zeit genug, sich für das Mitleid der anderen entsprechend herzurichten, aber sie mußten schon die Straßenbahn in Anspruch nehmen, um noch zur Ausfahrt der Gaste zurecht zu kommtzn. Gerade fuhren die ersten Automobile vor, so daß die „Leitung" von der ganzen Gilde nicht „entsprechend" begrüßt werden konnte. „Herrleben, ein blinder Kranker, mit lahmen Beinen!" „Herrleben, ein Taubstummer steht da mit abgeschnittener Hand!" „Herrleben, ein Kind ohne Zunge, beim Haliczer Pogrom hat man ihm die Zunge ausgeschnitten!" So riefen alle durcheinander. Und die-Papiernoten flogen in die aufgehaltenen Hüte, Hände, Tücher. Einige Kranzelherren wollten ihren Damen Respekt einflößen und warfen Zwanzigkronen- Noten unter die Leute, so daß diese sich' unter lauten Schimpfereien zu balgen begannen. Fetzt erblickte ein '„Blinder"' auf so einem Zwanziger einen brennroten ungarischen Stempel. „Gauner," ries er, „sie wollen uns schon wieder mit falschen Noten drankriegen." „Still, still, der Chossen kommt." Und schon waren alle einsg im Schreien, Weinen und Jammern. Als auch schon der letzte Gast verschwunden war, begann man das Geld abgesondert zu zählen. Es ergab für jeden einzelnen den Wochenverdienst eines „fix" Angestellten, aber-unter den Noten fanden sich auch fünf Zwanziger mit falschen ungarischen Stempel. Schon wollte sich der Zug zum Hotel Jerusalem begÄerr, wo das Hochzeitsmahl zu tausend Gedecken, das Gedeck zu tausend Kronen serviert wurde, als der Oberschames mit einem Teller herauskam, der voll mit Noten gefüllt war. Er mußte sehr viel gesammelt haben, denn er warf sogar einiges Papier unter die Schnorrer. .. Wieder begann ein Balgen und Schlagen und Schimpfen, aber. einige hatten doch die Geistesgegenwart dem Schames nachznrnfen: