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Die Wahrheit · 1921-04-01 · Heft 7 (1.4.1921) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 7 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M» Nr. 7 D ie Wahrh e i t Seite 9 spielten die einen gegen die -anderen aus. Damit wurde Wasser aus die Mühle -der gemeinsamen Widerslacher getrieben. Der scheinheilige Umstand, es gehe nur gegen die Fremden, die endlich durch die Auflösung der Monarchie zu lästigen Ausländern qualifiziert wurden, hat indessen nicht verhindert, daß man aus der Theorie zur Praxis überging und anläßlich des -letzten Wiener Antisemitentag es wurde die Formel aufgestellt „Jnd ist Ju'd" und gegen ihn müsse -die Einheitsfront gerichtet sein. An der jüöischnationalen Eigenbrödelei reiften nicht zuletzt die Horben Früchte, die uns beschreiben. Diese Frage wird vermutlich Lehre und Mahnung sein, wohin -es mit der verhängnisvollen Zersetzung und Zersplitterung des alljüdischen Prinzips treibt. Das Ostjudentum ist weder der Gedanke, noch die Erfindung der vielgeischmähten Assimilanten, sondern ein Ergebnis verderblichen Strebertums und Dünkels, das nur schwer aus der Welt der Leidenschaft zu bannen sein wird. K. Sch. In den letzten Zügen. Abseits vom Gewoge und Getriebe der Riesenstadt, auf dem ödesten Platze derselben befindet sich das jüdische Viertel. Kummervolle Gestalten mit von Sorgen durchfurchten Stirnen, wehmütig drein blickende Mütter mit ihren hungernden Kleinen, und verschiedene traurige Wesen jüdischen Elends bilden das alltägliche Straßenbild. Nur einige besser gekleidete Glaubensgenossen sehen wir in eine armselige Wohnung eiutreten, in der ein Schwerkranker, in den letzten Zügen liegend, mit dem Tode kämpft. Di-e besten unib' krästigendsten Speisen werden der armen Mutter -für den kranken Familienvater übergeben, die sämtlich von der mehrköpfigen hungernden Kinderschar gierig verschlungen werden. Denn der'K.ranke selbst kann ja nichts mehr zu sich nehmen. Ja, wenn die noblen Herren früher ihn unterstützt, wenn sie -dem, verschämten Armen unter die Arme gegriffen hätten, so lange er noch -gesund und bei Kraft war, und durch kräftige Hilfe der Krankheit und äußersten Not vorgebengt hätten, da wäre chm geholfen gewesen. Und so naht der letzte Moment seines kummervollen Daseins und die Herren umstehen -betend das Bett des Sterbenden. Schauderhaft sind die Schmerzensansbrüche der Frau und Kinder, die <mm den verlieren, der ihnen fo teuer war wie dem Reichsten der Reichen das Seine. Und einer der Herren wagte es, die Frau -mit folgenden Worten zu trösten: „Aber Frau, beruhigen Sie sich doch. Schauen Sie her, wir -alle bemühen uns her, damit Ihr Mann unter Juden stirbt." Dieser Mann war einer derjenigen, von dem der Entschlummernde im Vorfahre vergebens ein kleines Darlehen zum Einkauf von Ware verlangte. Und erbittert in ihrer Verzweiflung und ihrem Schmerze, entgegnete chm •tue. Frau: „Warum haben Sie nicht dazu -gesehen, daß mein Mann nrrter Jüden leben konnte! Sein Sterben wollen Sie chm erleichtern, hätten Sie ihm, so lange es noch möglich war, seiw Leben erleichtert, und ich müßte nicht jetzt in diesem verzweifelten Zustande sein." Ja-, wenn der jüdische Mildtätigkeitssinn im Mgemeinen sich nicht nur bei der offenen Thora im Prachttempel vor Hunderten auf die Spende neugieriger Zrchvrer, sondern auch in stillen, ärmlichen Stübchen von ungünstigen Verhältnissen verfolgter und von Kummer und Leid gedrückter Familien sich kundgeben würde, dann wäre es mit diesem Manne nicht so weit -gekommen und das jüdische Massenelend wäre gemindert. Allerdings ist es immerhin schön, wenn -auch in der letzten Stunde der Jude von feinen Glaubensgenossen umgeben ist, aber rechtzeitige Hilfe wäre in diesem, wie in jedem Falle Wischer Nächstenliebe notwendig. Arnold Singer, Baden. LW Bon Nah und Fern „Der Prophet Rachum und Ninive". Ueber dieses Thema sprach am 21. v. M. Rabbiner Dr. Feuchtwan g im Rahmen des vom „I ü d i s ch e n Museum" veranstalteten diesjährigen Vortragszyklus. Der in die Materie der assyrischen Geschichte besteingeweihte Redner, welcher nach einen: durch den Museumspräsidenten Dr. S. Frankfurter gegebenen sachlichen historischen Rückblick anläßlich der auf den 12. März d. I. gefallenen 500jährigen Wiederkehr der Wiener Judenverbrennung das Wort ergriff, zeichnete aus dem Hintergrund der vorderasiatisch-assyrischen, seinerzeit weltbeftimmenden Geschehnisse ein lebensvolles und höchst interessantes Chnrakterbild des „kleinen" Propheten Nachum, der wegen seines zu Unrecht bestehenden Unbekanntseins eine „Blume im Verborgenen" genannt werden könne. Dieser Mann aus Elkosch, was wahrscheinlich mit dem heutigen, zwei Tagereisen von der Ruinenftätte Ninive entfernten Alkusch zu identifizieren ist, unterscheidet sich sehr wesentlich von den anderen schriftstellernden Propheten, weil er nichts Theologisches, nichts speziell das jüdische Volk Betreffendes bietet, sondern sich ausschließlich auf den durch die Medo- Perser und Skythen im Jahre 606 v. Ehr. herbeigesührten Untergang der „großen Buhlerin" Ninive beschränkt. Mit diesem Ereignis beschloß die Geschichte dieser „großen Stadt", wie sie übereinstimmend im 10. Kapitel der Genesis, rnt Buche Jo nah (I, 2) und in verschiedenen aojadischen Stellen genannt wird, eine Stadt, die durch die jetzt mögliche Kenntnis der zahlreichen ausgegrabenen Schriftdenkmäler als ein Brennpunkt Asiens seit uralten Zeiten bezeichnet werden muß und insbesondere in der dem Propheten Nachunr voraufgehenden Episode des großen Königs Assurbanipal (— Sardanapal 668—621) dieses „Periklos Vorderasiens" zur gewaltigsten, aber auch zur gewalttätigsten Weltmetroneopole geworden war. So kannte sie der Prophet, der bei der Schilderung ihres Unterganges in schwnngvoller Rede und wuchtiger Darstellung eine genaue Kenntnis ihrer politischen und kulturellen Verhältnisse dem Leser vermittelt. Das wurde den Zuhörern auch durch die Vorlesung einer mit tiefem sprachlichen und sachlichen Verständnis von dem Vortragender: geschaffenen Uebersetzung aus den drei Kapiteln zu klarem Bewußtsein gebracht. Der Vortrag, der mit einem warmen Appell eines „Zurück zur Bibel", zu ihrem Geiste und ihrer wissenschaftlichen Erfassung, schloß, wurde überaus beifällig ausgenommen. Br. Berussmätzige Verleumdungen. Wie wir an anderer Stelle des Blattes heute berichten, nahm ein katholischer Geistlicher in der ungarischen Nationalversammlung Anlaß, gegen den Antisemitismus in seinem Lande heftig zu polemisiererr. Ein würdiges Pendent dazu bildet die Anwaltschaft des Abgeordneten Julius B e r k y, der die berufsmäßigen Verleumdungen, denen die Baranyer Juden fortgesetzt ausgesetzt sind, aufs energischeste widerlegte. Er sagte unter anderem: „Es ist ja schön, wenn wir im Dienste der christlichen Richtung stehen, doch darf in den Zeitungen keine Stimmung gemacht werden gegen das Judentum in der Baranya. Dort wohnen altangesessene Juden, ihre Eltern und ihre Großeltern wurden dort geboren und ich muß feststellen, daß sie sich an jeder patriotischen Bewegung stets mit dem größten Eifer beteiligt haben. Ich muß auch betonen, daß die Nachrichten, wie sie zum Beispiel in Uj Nemzedek veröffentlicht worden sind, denen zufolge sich das Judentum der Abordnung, die nach Paris gegangen war,

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