Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 7 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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: IJfeis&aW * - Nr. 7____ D i e Wahrheit_ _ Seite 7 hörte",2) also: „Wannsieht Gott ihr Leid? — wenn er ihren Gesang vernimmt!" „Ich beneide," sagte bter Ruzhiner, „die Czernowitzer Datschen, weil sie durch chre Fvohmütigkeit und ihr Weltvertrauen nicht nur die irdische Welt genießen, sondern dafür einst auch die Kommende Welt' genießen werden." Klein Zug im Leben der Chassidrm ist hervorstechender und kennzeichnender als gerade ihre, es will schier bedünken, leidenschaftliche Freudigkeit. Ans der Tiefe ihrer Schmerzen lösen sie ihre Freude ans. Je größer die Not, je entsetzlicher das Elend, desto höher der Frohsinn. Sie singen, wenn es ihnen schlecht geht und wenn alles hin ist, dann erst „lebe das Löben", das Leben in die Ewigkeit. Man komme einmal in eine „Klans", das Bethaus der Chassidim, und man höre und sehe, wie sie da drinnen singen und tanzen, ohne Lärm, ohne Jodeln und ohne Juheien — sie gehen iin „Dienste" auf. An einem Thorafreudentag saß der Baalschem freudig in seinem Gemache der Einsamkeit, iim Zimmer aber tanzten die Chassidim und tranken viel. Nach jedem Reigen wurde wieder und wieder Wein aus dem Keller des Meisters geholt. Des Baalschems Weib fürchtete, sie würden keinen Wein übrig lassen, und sie ging zu ihrem Manne und sprach: „Sage ihnen doch, sie sollen zu trinken und zu tanzen anfhören!" Der Baalschem erwiderte lächelnd: „Geh' und sage ihnen, ich habe gesagt, sie sollen aufhören!" Ms sie nun ging und die Türe öffnete, sah sie die Chassidim, wie sie in heiliger Verzückung ihren Reigen tanzten. Darauf nahm sie selbst.bk Gläser, ging selbst in den Keller und brachte Wein nach ihren Verlangen. So sehr war sie ob dieses gottgeweihten Tanzes entzückt. __ Und mit der Freudigkeit hängt noch Wichtiges zusammen. Im Gegensatz zur alten und besonders der lourijanischen Kabbala, in der das Fasten und körperliche Mühsal eine Hauptrolle spielte, verwarfen die Chassidim alle Kasteiung als etwas, was das Gemüt mit: verdüstert. Die Gewohnheit der Kasteiung, sagt der ,Meduschat Levi", ist nichts 'anderes als eine Lisi des bösen Triebes, um das Hirn zu trüben, hat aber mit der Frömmigkeit nichts zu tun. Es ist, wie wenn zwei Männer mit einander ringen. Da überlegt der eine, in seiner Schlauheit: 'Wenn ich meinen Gegner in irgend >öin Organ treffen werde, dann kann er sich wohl immer aufrasfen und stünde auf zur Abwehr. Ich weüde ihm daher 'den Schädel Einschlägen, dann ist schon fein ganzer Körper tot. Ebenso kommt der böse Trieb mit seinen 'Kniffen und Listen. Er beredet den Menschen, daß das Fasten 'auch an Nicht angeordneten Tagen -Gott gefällig ist und bewirkt damit, daß der Kopf des Menschen trüb und wirr wird und um so sicherer den Bedlockungen anheimfällt. Bei-den früheren Anhängern der Kabbala herrschte der Geist der Weltflucht, des strengsten Entsagens und der schwersten Askese. Sie glaubten sich Gott nur durch die vollkommene Verneinung des Lebens nähern zu können. Die Chaffidim aber sagten, daß das viele Fasten und Kasteien sündhaft sei. Und hatten die früheren behauptet, daß das Wort „Tschubah — Umkehr" «aus den Anfangsbuchstaben der Worte Tanit, Sak, Weeper, Bchijeh und Hesped, d. h. Fasten, Asche, Weinen und Wehklagen sich bildete, lchrte der Baalschem, daß das Wort Tschubah aus Erstbuchftaben folgender Verse sich zusammenschließt: „Tuumim — Ganz sollst du sein mit deinem Gott!"* 2 3 4) „Schiwiti — Ich stelle mir stets Gott vor!" 2) „W'uhabto — Liebe Gott deinen Herrn mit ganzer Seele!" 2) ,^A'chol — Erkenne ihn aus allen deinen Wegen!" 4) „Huchen — Rüste dich vor deinem Gott!" °) Als ernst ein Chasiid den Baalschem fragte, wie viel Tage er zu fasten hätte, um »die Vergebung für eine Sünde zu erwirken, da entgegnete der Baalschem: „Nicht durch Fasten wirst du den Zorn des Mmächtigen abwenden können, sondern durch Freude; sprich einige Abschnitte Psalmen mit inniger Wonne, deine Sünde wird dann verziehen." Ein anderes Mal kamen einige Fromme, die ihr Leben mit Fasten und Kasteiungen zubrachten, zu chm und sprachen: „Meister, lehrt uns den Weg des Dienstes, 'was sollen wir tun, um in die Ewigkeit zu leben? (Schluß folgt) Juden. Bon Theodor Hermann. In der Zeitschrift „Haschachar" in Tomsk am 19. Juli 1920 erschienen. (Aus meiner Gefangenschaft.) Ins Grab der Zeit geheimnist, jüdisch alter Geist, In frenrden Masken nur ans Licht getaucht, Verbarg er sein Gesicht, lag er geduckt, , Sein Leben im Verwesen, im Vermummen. Gleich roten Perlen, die im roten Edelwein nwussieren, Ergoß er zwar sich in das rote, tiefe Schleierleben Und schrie der Menschennot ein „Schach!", Ein gellend „Nein!" dem großen Resignieren . . . Ein rätselhafter Scheintod war, Verstecktes Leben war sein Sein: Im unbewußten Zwang, bewußten Schmutz Erbrach er dennoch oft der Lebenshöhen Pforten. Und hier und dort, wenn auch ans Finsterm, Stieg er als ungekannter, selbftverkannter Stern empor . . . Den N a ck e n nun g e st eis t!! Dein Wort und deine Tat und deinen Wert heraus! Du kindnaiver Träger einer Welt! Im Menschtum wirkt ein schweres Wirken, Im Bluten, aufgeflncht dir ewig, dein Entgelt! Doch wo bei uns zu der ird'schen Tafel Die herben Nornen luden, Dort fitzen wir — so weiß ichs heute — Doch immer nur als I u d e n. *) 5. Buch 5Dh>f. 18, 13. 2) Psalmen 16, 18. 3) 5. Buch Mos. 6, 4. 4) ,;Sprüche" 3, 6. “) Amos 4, 12. 2) Psalmen, Kap. 106,.Bers 44.