Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1921-04-01 · Heft 7 (1.4.1921) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 7 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063903-3063910--11236-3078628
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Die Wahrheit Nr. 7 Bedenkt man, welche maßlose antisemitische Hetze sich an die Aufführung von Schnitzlers „Reigen" insbesondere in Oesterreich anschloß (in Deutschland versuchten Rohlinge die Aufführung planmäßig zu sprengen und konnten hierin nur durch das energische Einschreiten der Berliner Polizei verhindert werden), so wird man die Objektivität, die aus dem vorliegenden Urteil spricht, doppelt anerkennen müssen, ganz gleichgültig, wie man sich zu der Aufführung des Reigens stellt. Ich will dieses künstlerische Problem absichtlich nicht in den Bereich meiner Erörterungen ziehen. An dieser Stelle kommt es mir lediglich darauf an, daß die deutschen Richter bemüht waren, eine künstlerische und sittliche Frage rein als Sache zu behandeln, ohne sich hierbeivon nationalistischer Voreingenommenheit irgendwie beeinflussen zu lasten. Auch im Familienrechte, insbesondere im Eherechte und bei der Frage der Kindererziehung haben die deutschen Gerichte wiederholt Gelegenheit gehabt, zu jüdischen Fragen Stellung zu nehmen. Auch hier haben sie nach meinen Erfahrungen und Kenntnissen durchaus den Willen gehabt, die besonderen religiösen Verhältnisse objektiv zu beurteilen. Ich werde einige bisher noch nicht hinreichend bekannte grundsätzliche Entscheidungen der deutschen Gerichte bei Geelgenheit in einem späteren Artikel des näheren besprechen. Noch auf einen Geisichtspunkt möchte ich an dieser Stelle Hinweisen. Es wäre sehr zu wünschen, daß sich auch unsere jüdischen Mitbürger, wenn sie vor Gericht stehen, stets der Verantwortung bewußt werden, welche sie nicht für sich selbst, sondern auch für ihre Gemeinschaft tragen. Aus diesem Grunde sollten sie also vermeiden, was geeignet ist, diese Gemeinschaft vor dem Richter herabzusetzen, und sie sollten unter diesen Umständen eventuell auch einmal ein Opfer ihrer persönlichen Empfindlichkeit bringen. So sollte man insbesondere, wofern nicht ein besonderes Bedürfnis gegeben ist, vermeiden, Klatsch und Zänkereien unter Bekenntnisgenosten im Wege der Privatklage auszutrageir, und man sollte, soweit ein Weg zur gütlichen Einigung gegeben ist, diesen vorziehen. Auch bei Ehesachen sollte man alles vermeiden, was einem Streite eine unnötige gehässige Zuspitzung geben könnte. Dies sind allgemeine Grundsätze, von denen wir gern anerkennen wollen, daß sie sich im großen und ganzen schon jetzt eingebürgert haben, die man aber nicht zu oft wiederholen kann. Re Administration der „Wahrheit" Met um baldsreundliche ßinseudung der rückständigen Abonnementbetrcge. Chassidisches. Von Cha-jim B l o ch. Von Friedrich Nietzsch e rührt ein Wort her, daß zwar die moralischen Werte in den verschiedenen Zeiten eines Volkes dieselben bleiben, aber die Gefühle, die diese Werte begleiten, sich oft im Wandel befinden. Das trifft i-n gewissem Sinne nur ilm Chassidismus seine Bestätigung. Wie herzlich das sangesfrohe und musikliebende Volk Israel Mit der Natur stand und lebte, wie sie ihm znr belebten, beseelten, mitfühlenden Mutter, Freundin und Freud enspenderin wurde, das verrät sich am meisten ün den weitgehenden Personifikationen derselben, mit welchem namentlich die Psalmen und prophetischen Bücher durchwoben sind. Das jüdische Volk hat von der Freude, dieser tiefften und klarsten von Gottes Thron und Wesen apsfließenden Quelle, reichlich geschöpft. Der hebräische Wortschatz, der doch arm ist im Vergleich mit den klassischen und modernen Sprachen, hat doch nicht weniger als zwölf Zeitwörter, welche ein Gichfreuen, Fröhlich sein bedenken. Und diese im Laufe 1900jähriger Vevbannungsdauer versandete und verschüttete Quelle wurde vom Rabbi Israel Baal-Schem-Tob, dem Stifter des Chassidismus, neu entdeckt und zum Fließen 'gebracht. Das Menschenhevz vermag sich nur durch Freu d e allein, so lehrt Baalschenr, denn Vater im Himmel zju näherer und man kann Gott nur in vollendeter Freude dienen. Nur durch Freude kann man zur wahren Got'tesliebe gelangen, denn es ist dem Vater nicht angenehm, wenn er seinen Sohn traurigen Antlitzes sieht. Schwermnt führt den Menschen jedoch zum Abgrund. Die Glorie Gottes ruht nicht dort, wo Düsterheit herrscht. Selbst wenn man eine Sünde beging, darf man sich nicht der Traurigkeit hingeben: es hieße das Werk des J^ez Hora, des bösen Triebes, tun und nur durch Freude kann man mit Gott sich vereinen. Wohl darf das jüdische Herz wegen des Golus, der Verbannung der Gottesglorie, sowie der Verwüstung des Tempels schwermütig, sein. Diese Schwermut soll aber durch den Gedanken gebannt werden, «daß wir durch Lernen und Beten 'einen geistigen Tempel bauen; am wichtigsten ist nur, daß wir unser Herz zum Altar des Tempels machen. Wer die ganze Thora und alle Gebote erfüllt hat, aber keine Freude empfand, so öffnet mau 'ihm, wenn er stirbt, zwar die Pforte des Garten Edens, aber weil er die Freude in der Welt nicht gefühlt hat, fühlt er auch die Freude des Gartens nicht. Der „Sehar" sagte vom Ari,*) dem „großen Löwen", er habe nur dadurch sich verdient gemacht, daß durch ihn die Mysterien der Lehre und die verborgenen Gedanken im Sohar-Buch offenbart wurden, und daß er diie höchste Stufe 'erreichte, den Propheten Elijahu zu schauen, wckil er stets aus Wonne Gott diente., Der Magid von Kozienze deutet den Vers: „Und er sah ihr Leid, als er ihren Gesang i) Anfangsbuchstaben der Worte „Askenasi ,Rabbi Jizchak", Rabbi Jrzchai Louffe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.