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Die Wahrheit · 1921-04-01 · Heft 7 (1.4.1921) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 7 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Seite 5 5SHS D i e W ah rh ei t politischen Konflikten gegeben hat. In Berlin hatte sich das Gericht aber auch mit dem „Reigen" zu beschäftigen, und zwar aus Anlaß einer Zivilklage. Das Berliner Theater, in dem der „Reigen" aufgeführt wird, ist nämlich nur unter der Bedingung verpachtet worden, daß sittlich anstößige Stücke nicht zur Ausführung gelangen dürfen. Aus diesem Grunde klagte die Verpachterin des Theaters (das übrigens dem preußischen Staate untersteht) gegen die Theaterdirektion auf Unterlassung der weiteren Aufführung. Das Gericht hat die Klage abgewiesen und sich in der Begründung sehr eingehend über die künstlerische Bedeutung des „Reigen" geäußert. Das Gericht führt hiebei unter anderem aus: „Das Buch bietet eine Fülle von Geist und Feinheit. Kühne, knappe Sätze zergliedern alle Tiefen der geistigen Verfassung und des Empfindungslebens. Teils derb, selbst roh, glatt und gemein, teils zart und empfindsam, teils launig, neckisch, keck prickelnd, lüstern, ausgelassen und verführerisch in der Ausmalung, erfährt der immer sich gleich bleibende Gegenstand zehn unter einander verschiedene Abwandlungen. Zwei von denr Gerichte besichtigte Aufführungen erzielten folgenden Eindruck: Alles was frech, schlüpfrig oder zotig wirken könnte, wird vermieden. Selbst die Aenßerun- . gen gewöhnlichster Geilheit im ersten Bilde wurden so abgetönt, daß von einer Reizung der Sinnlichkeit des Zuschauers keine Rede sein kann. Die körperliche Vereinigung sollte stets lediglich der natürliche Ausfluß innigster seelischer Gemeinschaft sein. Ein Verfall dieser Auffassung har leider in weitesten Schichten Platz gegriffen. Diesen Kreisen wird durch diese Aufführung die ganze Jämmerlichkeit des in ihrer Mitte mehr und mehr einreißenden Tiefstandes nachdrücklichst vorgeführt. Es wird gezeigt, wie gedankenlos und würdelos durch einen unedlen und unvollkommenen Genuß des Augenblicks zu Boden getreten wird, was der Menschheit das Heiligste sein sollte. Die Wiederholung der nämlichen Redewendungen seitens der nämlichen Person hat bei zwei verschiedenartigen Anlässen, und die Wiederkehr bei solchen Wendungen bei verschiedenen Personen in ähnlicher Lage kennzeichnen treffend jeden Mangel an Eigenart und Selbständigkeit, auf dem der geringe Persönlichkeitswert des Durchschnittsmenschen unserer Zeit ruht. Diese Entwürdigung des Geschlechtsverkehrs zur Alltäglichkeit, zur Laune, zum Leichtsinn, zum Abenteuer, dies Fehlen jeder großen, tiefen, sittlich begründeten, echten, edlen Leidenschaft wirken erschütternd, weil sie auf richtiger Beobachtung beruhen. Die Wirkung soll nach der erklärten Absicht der Direktion gipfeln in der Erzielung eines sittlichen Ekels vor dem Tiefstand der Haltung weitester Bevölkerungsschichten auf dem Gebiete des Geschlechtslebens. Auf diesen Erfolg ist jede Einzelheit berechnet. Dieser Erfolg wird bei jedem reifen, gebildeten Zuschauer auch erzielt. Vor allem beruht diese Wirkung auf der ernsten Hingäbe der Direktion an ihre Aufgabe und auf ihrer überlegenen Kenntnis der Wirkung der szenischen Darstellung. So bedeutet diese Aufführung eine sittliche Tat." Der fähigste von allen, ein „lahmer, blinder Taubstummer", der einstimmig zum Führer gewählt wurde, stieg auf einen Tisch und rief mit Stentorstimme: „BriAer nud Schwestern! Wir lassen uns nicht mehr mit einem Papierfetzen abspeisen, der weniger Wert hat als gar nichts. - Unsere reich gewordenen Brüder und Schwestern haben jetzt alle Säcke voll mit Geld; mit wirklichem, gutem ausländischem Geld. Sie handeln nicht inehr bei Tag allein, sie handeln auch in der Nacht; sie handeln nicht mehr im Geschäft, sie handeln auch ans der Gaste, sie handeln im Kaffeehaus, sie handeln im Tempel, sie handeln bei Tisch und sie handeln im Bett. Aber was haben wir davon? Ich frage euch alle, was euch so ein vollgefrestener Händler gibt: Eine Krone und wenn's hoch geht, zwei Kronen, aber nicht einem, sondern fünf von uns zum V e rteile n!" Laute Pfuirufe erschollen, der sonst Einarmige klatschte vor Freude in beide Hände. j „Die. reich gewordenen Brüder glauben, die können! auf unsere Kosten wohltätig fein und sich billig eine Stufe! zum Himmel erkaufen," schrie der Taubstumme weiter. „Sie wollen in den Gau Eden kommen siir einen Papierfetzen, der im Ausland auf Flaschen geklebt wird! Wir nehmen ganz einfach diese Papierschnitzel nicht mehr > an, wir wollen nur ausländische Valuta, oder Wertsachen oder Lebensmittel!" Die Weiber klafchten in die Hände nutz sprangen vor Jubel. Ja, Lebensmittel, das fft die Hauptsache, denn heute kostet ein Brot im Schleichhandel schon 80 Kronen und das verdient ein Schnorrer nicht jeden Tag. Jetzt sprang eine Frau, die sonst nur gebückt mit zwei Stöcken gehen konnte, auf einen Sessel und schrie in den Saäl: „Wißt, ihr, was eine Zeche so eines neuen Reichen in der Früh, bitte, irr der Früh, ausmacht? 250 Kronen! (Lebhafte Ruse: Hört, hört!) Wißt ihr, was die Zeche dieser Leute zu Mittag ausmacht, die auf unsere Kosten edel und hilfreich sind? Per Kopf 500 bis 600 Kronen!" Der kleine Jostel mit der angeblich „ausgeschnittenen" Zunge bedeckte sich die aufgesprungenen Lippen. „Und wißt ihr", schrie das hochaufgerichtete Weib mit ausgebreiteten Armen weiter, „was diese noblenSchnorrerausbeuter bei Nacht machen? Da wird gegesten und getrunken wie bei einer Hochzeit; da wird gezecht und gespielt, dann erst getanzt und getollt und gesungen und gesprungen und da fliegen die Tausender, jawohl, die Tausender und das alles auf uns c r e So sten! Uns aber geben diese Praster zwei Kronen zum Verteilen!" Pfui! riefen hunderte ausgetrocknete Kehlen. „Was schreit ihr „Pfui", rief da die Rednerin entrüstet, „ihr habt, Bravo zu schreien!" „Bravo", schrien die Weiber, während sich einige „Einarmige" mit den „Armlosen" zu balgen begannen. Da sprang plötzlich ein sonst als „Lahmer" bekannter Bettler behend auf einen Tisch und rief in den dunstigen Raum: „Beim Hotel Jerusalem stehen ungarische Juden und teilen Zehner aus!" (Schluß folgt.)

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