Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 7 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Hi« «-hrHeir . Nr.? Eingsschmisieue FensterscheDen, ü$>crfaUcne Stvaßeupassaitten, verprügelte Tramwayfahrer — «das waren die geistigen und sittlichen Msvehrmittel der vereinigten Ehristlichsozialen am kritischen 13. März. Weil Hen Funder in Voraussicht der kommenden Dinge diese Taktik nicht pir todsicher hält, heuchelt er noch eine andere Methode und erklärt: „Wir müsien in diesem Sinne vor allem an uns selbst arbeiten; zuviel Mamnnonisüuus, skeptische Afterphttosophie und Smnlichkeitsikultus ist schon von jenseits in die Lebensbezirke des christlichen Volkes eiirgebrochen. Es ist dankenswert, daß ein. deutschnationaler Redner, Gattermayer, in der heutigen Debatte der Tagung gerade auf diese positive Seite des Problems, die Wied erverchrijtlichung unseres Lebens, hingewiesen hat. Erst wenn unser VoWkörper von diesen einigen Lebenssäften neu gestärkt ist, wird er imstande sein, sich von der tödlichen Umklammerung fremder Ververber frei zu machen." Dank für dieses Bekenntnis. Wir erfahren von einem, der es wissen inuß, daß die Ehristlichsozialen jener Laster voll sind, deren sie die Jitden beschuldigen, und so entchristlicht sind, daß sie die Wiederverchristlichuug suchen müssen. Nach alledem wird die Bemerkung am Platz sein, der Antisemitismus ist keine Gesinnung, sondern ein Gewerbe, ob dessen Ausüber Eisenmengen, Pfefferkorn, Stöcker, Ahlwavdt, Horchy, Kunschak oder wie immer heißt. Es muß nur zur Hauptsache seinen Mann nähren oder' dessen Ehrgeiz befriedigen. ck —. Die deutschen Gerichte und die deutschen Juden. v Ein Berliner Gerichtsurteil zuArtur Schnitzlers „Reigen". (Nachdruck nur bei Quellsnangabe gestaltet.) Bon Rechtsanwalt Dr. Ernst Emil Schweitzer, Berlin. Die Stellung der deutschen Gerichtezu den jüdischen Problernen dürste auch außerhalb Deutschlands von Interesse sein. Insbesondere muß anerkannt werden, daß sich die deutschen Richter grundsätzlich stets bemüht haben, zu jüdischen Fragen durchaus objektiv Stellung zu nehmen. Der Antisemitismus vollends hat nicht Eingang in die deutschen Rechtsfragen^gefunden. In beu Handelsprozessen, in denen ich jüdische Parteien vertreten habe, ist mir kein einziges Mal der Fall vorgekommen, daß auch nur im entferntesten der Verdacht aufgestiegen wäre,'daß die religiöse Zugehörigkeit der einen oder der anderen'Partei auch nur indirekt einen Einfluß auf die Richte ausgeübt hätte. Wie mir ist es zweifellos der großen Masse der deutschen Rechtsanwälte ergangen. Daß selbstverständlich auch Ausnahmefälle hie und da Vorkommen, soll nicht bestritten werden. Aber es gehört eben zu den äußersten Seltenheiten und wo sich wirklich ein Richter eine anttsemitische Entgleisung zu Schulden kommen ließ, hat aus Beschwerde die Justizverwaltung stets eingegriffen. Neuerdings hat nun ein Berliner Gericht ein Urteil gefällt, das für die österreichischen Juden vielleicht rroch interessanter sein dürfte als für ihre deutschen Bekenntnisgenossen. Es handelt sich um die Aufführung des „Reigen" der in Oesterreich weit mehr'als in Deutschland Anlaß zu k»'» Feuilleton ««« Wie die Schnorrer streiken wollten!. Von Dr. A. H. L. In einer großen Stadt kamen eines Tages alle Schnorrer in der Wärmostube zusammen und erklärten einmütig, die kleinen Papierscheine, die man nicht einmal als Trinkgeld zu geben wagt, nicht mehr annehmen zu wollen. - ‘ . Da rief einer in der Versammlung: Streiken wir! Und alle, die Tauben und Blinden, die Stummen und Lahmen, die Krummen und Totkranken, die Jungen und Alten, schrieemlaut: Streiken w i r! Im Nu war ein Streikkomitee gewählt, .es flogen ein paar Hunderter in den Streikfonds, Streikposten wurden an alle Schnorrerstandplätze ausgesandt und eine Zeit der Siesta, wie sie so manches Schnorrerherz schon lange im Stillen herbeiwürkschte, schien zu winken. Am nächsten Tage fehlten bei, Men Gasthäusern, bei allen Synagogen, bei allen Hochzetten und allen Leichen- . begängnissen der großen Stadt die Schnorrer; am Freitag gingen keine Frauen mtt Kindern von Geschäft zu Geschäft und alles fragte erstaunt nach den fehlenden Ghettogchtatten. Da tauchte an einer Straßenecke ein in Lumpen gehülltes Judenmädchen auf, hielt ringsum Ausschau und gmtz «m« Hßitlang b»i großen Restaurant aus und ab. Alle Gäste, die soeben. für ein Mtttagmahl einige hundert Kronen bezahlt hatten, eilten hinaus und fragten, wo -alle Kollegen und Kolleginnen seien, indem sie dem Judenmädchen Zweikronenscheine hinhielten. Die abgehärmt aussehende junge Jüdin wehrte aber die abgegriffenen Papierstückchen entschieden ab und erklärte aus alle eindringlichen Fragen bloß, sie sei aus Streikposten. Und sofort ries es einer dem anderen straßauf, sttaßab zu: D ie Schnorrer streiken! Warum auch nicht? Heute, wo Schulkinder streiken, die zu Hause Effen und Trinken und Wohnung ganz mit’ sonst bekommen und dafür nur den Eltern zu Liebe ein bißchen lernen brauchen, können doch Schnorrer, die gar nichts haben, nicht einmal einen Gehalt von der Gemeinde, mit mchr Recht streiken. 'In der großen WärmestnbenhMe saßen sie nun alle beisammen, die alten und jungen Schnorrer; die sonst nur -mtt zwei Krücken gingen, kamen heute ganz stolz und aufrecht,-denn der Streik schaltete olle Gebrechen aus. Heute brauchte niemand Mitleid zu. erregen, wett er nichts dafür bekommen wollte, und so hatte der Streik alle gesund gemacht. ... ' Der sonst alte Blinde las in einem Winkel ganz laut eine jüdische Zeitung vor und «lütt sonst taubstummes Ehepaar saß danÄen und hörte ihm zu. Am nächsten Sonntag fand die große Versammlung aller Schnorrer der Stadt ttl der -großen Wärmestubo zur Bekanntgabe der Streikforderungen statt.