Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1921-04-01 · Heft 7 (1.4.1921) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 7 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3062972-3063903-3063910--11233-3078625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MMaMLeZeWrAK MMeMeEn- REDAKTlQHirAOMltllSTßiCnOrt Wien 2.» Hrinrstratzr 13 XXXVU. Jahrgang Wie», 1. April 1S2L Nummer 7 —» « « .. 1 ——I ■h-ii.i.i ■■ . —■ I ■■"■■iw >.-! —————— Glossen zu den Wiener Antisemitenlagereignissen. Der 13. Marz AE für Oesterreich ein historisches Datum, wenn auch von idem Oesterreich des Jahres 1848 nicht der Schatten seiner damaligen Größe und Weltgeltung übrig geblieben. Aber das Gedenken an jenen bedeutsamen Tag, da Wien Metternich und Sedlnitzky überwunden, Bürger, Arbeiter und Studenten gemeinsam auf den Barrikaden ihr Blut für das Morgenrot der Frech eit vergossen, wird dauern für alle Zeiten und lebendig bleiben im Bewußtsein aller, die an die Ideale der Menschheit glauben. Der Wellengang des Fortschrittes der' Reaktion hat seit jenem bedeutungsvollen 13. Marz einigemal gewechselt und man darf sagen, daß er Heuer nicht nur seinen bedauerlichsten Tiefgang, sondern seine empörendste Schändung erfahren hat. Denn am 13. März 1921 war es, daß in Wien zum Abschluß des AntisemÄeukonventikels eine wüste Judenhetze iü. ~ den vornehmen Straßen abgeführt wurde. Lassen wir uns nicht täuschen! Es geht nach dem Sprichwort: „Man schlägt den Sack und meint den Esel." So wurden auch diesmal von aufgeregten Studenten, Frontkämpfern und gedungenem Pöbel Juden attackiert, aber letzten Endes gilt die Bewegung der Freiheitsbostrebung. Nach berüchtigtem sNuster in Ungarn und dem Hakenkreuz-Deutschland. Die Wahl zum Losschlagen der vereinigten Antisemiten gegen schuldlose Juden und noch schuldlosere Kasfechaussenster am 13. März sollte den eigentlichen , Sinn der erbärmlichen Demonstration Müden. Nichts kann die bodenlose Heuchelei der ganzen Aktion restloser «erhellen als die Ausführungen des Hauptorgans der Wiener Christlichfozialen, Die „Reichspost" schrieb an . jenem ‘kritischen Sonntag in ihrem leitenden Artikel unter anderem: „Nicht gegen eing-Me richtet sich Abneigung und Abwehr, sondern gegen eine von Kulturgeschichte und Erfahrung bestätigte Summe von Eigenschaften und Wirksamkeiten!" Folgt dann ein ungeschicktes Jonglieren mit echten Md berufsmäßig gefälschten Zitaten, die alle die Gemeinschädlichkeit der Juden ‘für die christliche Gesellschaft erhärten sollen. So wird das stolze Wort des jüdischen Philosophen Moses Mendelfohn angeführt, daß die Herrschaft über die Welt dem Judenvolk gehöre. Abgesehen davon, «daß der jüdische Gelehrte — er ist Lesfing für feinen „Nathan der Weife" zu DLodell gesessen — über- . Haupt nie ein stolzes Wort gebrauchte, könnte ein ähnlicher - Ausspruch nur ans die moralische Herrschaft des Judentums gemünzt werden, wie dies auch an manchen Stellen der Heiligen Schrift zu lesen ist. Die „Reichspoft" zitiert auch, sehr gegen sich und ihre Partei, Pestalozzi: „Wbr die Schule hat, hat den Geist des Volkes." Wer aber sucht krampfhafter und rücksichtsloser die Schule an sich zu reißen als die christlichsoziale Partei, um an diesem archimedischen Punkt den Hebel anzusetzen, von oem auS jegliches Kulturwerk aus den Angeln zu heben ist? Vom Pariser Rothschild wird in aufreizender Absicht das geschmacklose Lozele erzählt, daß er «beim Anblick der vor seinem Fenster passierenden Karossen des Hochadels gesagt haben soll: „Das werden in dreißig Jahren unsere Türhüter sein." Für oicje adeligen Opfer vor Juden wird das Mitlei-o der anfchen Welt in Anspruch genovunen, da semitische Machtgier sich in Palästen und Schlössern breir macyt, die alten erögcjessenen Besitzer, die Träger eines Stüars Heimar^gescyichte, vertreibt. Aber naher betrachtet, entpuppen sich diese Träger der Heimatsgeschichte als Aristokraten, die ohne Lebensinhalt oder Daseinszweck unter dem dreifachen W. — Wein, Weib und Würfelspiel — dem Schicksal oerfallm. Nicht die semitische Machtbegierde, vielmehr oie arische Löbensgier fordert von den edelsten der Nation ihr Opfer. Hören wir die weitere Anklageschrift der „Reichs» post": Das Judentum predigt das Recht >der „Tötung der Ungeborenen". Wie doch! War der englische Ratioualökonom und Pastor ThomaS Robert Malthus, der in seinem Bevölkerungsgesetz die Geburtenverhindevung empfahl, etwa vom Geiste Judas erfüllt? An dem Tage, da bereits die Regie der Wewer Antisemitenvereinignng für den sonntägigen Stratzenrummel die Rollen verteilt hatte, die Komparserie bestellt war, schrieb Herr Funder: „Daß diese Abwehr nicht äußerlich und mit Gewaltmitteln geführt werden kann, ist ohne weiteres klar: Geistige und sittliche Gefahren bekämpft man mit geistig e n u n di i t t l i ch e n M i t t e ln!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.