Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 6 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Die Wastrh eit Nr. 6 Seite 1*2 |«1 Wahrheiten vom Tage MM Die Ostjuden vor dem Völkerbund. Die Ostjuidensrage ist über den engen Rahmen ihres Entstehens zn einem Weltpolitikum hinausgewachsen und 'beschäftigte als solches auch die Mächte der Entente, die sich das Forum des Völkerbundes als zuständige Stelle für ihre Wünsche geschaffen haben. In einer Sitzung vom 1. März wurde -denn auch unter Vorsitz Balfours, wenn man so sagen darf, zu Recht erkannt, daß die Stellungnahme Oesterreichs in dieser Angelegenheit vom Standpunkte des einheimischen, . d. h. österreichischen, sowie des internationalen Rechtes einwandfrei sei. Daraus geht hervor, was wohl. ganz nach dem Herzen unserer Ehrisittchsozialen sein dürfte, daß die Ostjuden als lästige Ausländer abgeschafft werden können. Balfour verkennt aber anderseits nicht, daß hier menschenfreundliche Erwägungen eingeschaltet werden sollen und empfiehlt solche den beiderseitigen Vertretern dieser kontroversen Frage. Es gewinnt den Anschein, daß gerade Balfour, der -auch in der Palästinaftage durch seine bekannte Deklaration sich in akademischer Weife als Freund und Beschützer aller Juden erwiesen hat, in dieser leidigen Angelegeriheit ein maßgebendes Wort sprechen darf. Leider jedoch ist sein Appell an die Menschenfteundlichkeit, soweit wir unsere Chvrstlichsozialen kennen, vielleicht nur ein frommer Wunsch, und es wird sicher' hierzulande auf den Rechtsstandpunkt hingewiesen werden. Das Endergebnis kann leicht vorausgesagt werden und läßt erwarten, daß die Ostjuden das traurige Schicksal des Weizenkorns zwischen zwei Mühlsteinen treffen wird, von denen sie erbarmungslos zerrieben werden. Dieses traurige Schicksal Ist jedoch nicht ausnahmslos zu verstehen und haben wir bisher Beispiele genug, daß diejenigen, die den bekannten goldenen Schlüssel haben, nach wie vor. im Besitze und im erkauften Rechte verbleiben würden. Das ist die traurigste Episode in der Leidensgeschichte der nach Oesterreich verschlagenen Ostjuden und umso aufreizender, als die neuesten Beispiele zeigen, wie gut -es die patentierten Judenfeinde verstehen, auch mit solchen Ostjuden, öeiteit sie grundsätzlich Feind sein sollten, ein gutes Einvernehmen herzustellen, sobald materielle Vorteile oder ein sonstiger Gewinn nicht bloß für die Partei, sondern auch ft'ir die jeweiligen einzelnen Taschen daraus erblühen. Juden und Araber in Palästina. Artur Ruppin erblickt die VÄglichkeit und Vorteile der- Verständigung zwischen den jetzt feindselig gegeneinanderstehenden Arabern und den kolonisierenden Juden in Erez Jisroel von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Standpunkten darin, daß durch den Ausbau von Verkehrswegen und Hafenanl-aigen besserer Absatz und höhere Preise -der Bodenprvdukte geboten würdp. Es fragt sich uun, ob hier kein Trugschluß vorliegt, denn die jüdischen Kolonisten werden stets den Wettbewerb als Agrarier im Auge haben. Ebenso zweifelhaft ist die Aussicht, daß die Araber durch' das jüdische Schulwesen zu einer höheren Bildungsstufe gelangen müssen, weil die Mehrheit der moslemischen Bewohner Palästinas solchen Idealen ftemd bleibt. Eine dritte Fehlerquelle scheint in der gehofften Assimilation der beiden rassenverwandten Stämme zu liegen. Vorurteile gegen Juden sind im Osten so schwer ausrottbar wie im Westen. Das 'haben die bisherigen, zu förmlichen Pogroms ausgearteten Ueberfälle der Beduinen auf Juden gezeigt und ein gutes Einvernehmen wird vorläufig nur zur Not durch: die bewaffnete Aufsicht der englischen Mandatmacht erzielt. Dies aber bietet wenige tröstliche Ausblicke für die Zukunft. Berliner Stimmen der Wahrheit. Auch in Berlin gibt es einen aus rassenechten Ariern -bestchenden Verein zur Abwehr des Antisemitismus, der ungleich lebhafter den Mut zum Bekenntnis seiner Ueberz-engung an den Tag legt, als dies seitens des gleichnamigen, gleiche Ziele anftrebenden Wiener Vereines geschehen ist. Der Umstand, daß gerade jetzt in der Metro,pole des Deutschen Reiches in .allen Ständen, besonders aber von den sogenannten Gebildeten, eine wüste Hetze gegen Juden und Judentum sich breit macht, gab -dem dortigen Verein Anlaß, in seiner letzthin abaehaltenen Hauptversammlung diesem Unwesen mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Unter den Rednern befanden sich Vertreter der akademischen Jugend,- der Priesterschaft und hohe Staatswürdenträger. Von besonderer Bedeutung und Wichtigkeit scheinen uns die Ausführungen des Vorsitzenden Reichsmini'sters a. D. Dr. Gothein, deren markanteste Stellen wir deshalb im Auszug übernehmen: Ausgehend von den furchtbaren Bedingungen, die uns der Fri-edensv ertrag -auferlegt, und der kritischen Lage, in der wir uns jetzt befinden, betonte Redner, daß Deutschland nur hochkommen könnte, wenn wieder die Grundlagen geschaiffen seien, unsere Mission als Kulturvolk zu erfüllen. Gelingt uns das nicht, dann werden die Sympathien, die sich selbst bei einem Teile unserer Gegner allmählich wieder zu regen beginnen, wieder abebben. Wenn eine so reaktionäre Bewegung wie -die antisemitische immer größere Kreise ziehe, dann werdesich das Ausland a b w ende n, weil man sich dort sage, daß Deutschland noch immer das alte sei, das aus den - bitteren Erfahrungen kleine Lehre z i h e. Sollten solche Elemente zur Macht kommen, dann können wir im Auslande keine moralischen Eroberungen mehr machen, um wieder zur Höhe aufzusteigen. Das sei nur möglich, wenn das deutsche Volk sich einig zeige und sich -auf seine sittlichen und kulturellen Pflichten besinne. Die antisemitische Bewegung wirke aber verhetzend und zersetzend in einer Zeit, wo alles fest zusammenstehen sollte; ihr Ueberhandnehmen müsse den Eindruck erwecken, -als wenn in Deutschland noch immer die alten Anschauuungen m a ß g e b e n d s e i e n. Darum bilde der Antisemitismus eine große Gefahr für unser gesamtes deutsches Volk. Dem Auslände gegenüber müssen wir als das Kulturvolk dastehen, -das im Interesse der ganzen Welt am Leben erhalten werden muß. (Lebhafter Beifall.) Die Ursache einer Kirchenschändung. Vor kurzem mußte die größte kalvinische Kirche in Debrezen wieder eingeweiht werden, nachdem sie von -einer organisierten Rotte schamloser Buben in empörender Weise durch Unflat verunreinigt worden war. Es gelang sä wenig, die Ar- Heber dieser empörenden Schandtat zu eruieren, als sofort die unmittelbare Veranlassung des Frevels zu finden, nachdem in früherer Zeit, das heißt als noch Katholiken und Calviner im besten religiösen und gesellschaftlichen Einvernehmen znsammenlMen, -auch nicht der geringste Konflikt zwischen den verschiedenen Konfessionen bestand'. Seitdem gibt es allerdings „erwachte Ungarn", die jedoch zu nichts anderem erwacht sind, als Furcht und Schrecken, Schmach und Elend zu verbreiten und über das Land den Fluch dex gesitteten Welt heraufzubeschwören. Wir haben bereits wiederholt in unserem Blatte Stimmen der besten christlichen Söhne Ungarns über diese „Erwachenden" vernehmen lassen, darunter auch solche von erleuchteten, hu-