Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1921-03-03 · Heft 5 (3.3.1921) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 5 (3.3.1921)
Date
1921-03-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063903-3063908--11204-3078594
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seile 12 Hie Vachrheit Nr. 5 Literatur Wilh. Stekel: Der Wille zum Leben. Berlin W. 57, Otto Salle. Mk. 6.—. Wer dieses Buch kaust, handelt sich eine ganze Bibliothek wahrer Lebensweisheit, einen wohlbestellten Weinkeller geistigen Genusses ein. Stekel ist ein berufener Psychopath. Seine Ratschläge haben vor vielen anderen Lebensbüchern das voraus, daß hier ein Arzt spricht, der durch seinen Beruf oft genug Gelegenheit findet, in die verworrensten Probleme des Menschenherzens Einblick zu gewinnen. Die Art, wie er diese Gelegenheiten rusbeutet, verrät aber zugleich poetischen Feinsinn. Zustatten kommt ihm überdies eine umfaßende Belesenheit und die Gabe anmutender und fesselnder Darstellung. Beispiele, wie die geistvolle Behandlung der Shylock-Frage im vorliegenden Buch, zeigen alle Vorzüge des Verfassers in glanzendem Lichte. G. Hermann L. Strack: Einleitung in Talmud und Midrasch. Verlag von Oskar Beck. München 1921, 5. Ausl. „Juden wie Christen haben ja keinen Begriff, was der Talmud eigentlich ist und wie er Anstande gekommen ist", schrieb einst der verstorbene Pros. Aug. Wünsche an den Schreiber diseser Zeilen. Es liegt dies zum Teil an der eigentümlichen Form des Talmuds, der von den alten Weisen mit Recht als „ein Meer" bezeichnet wurde. Er enthält einen unübersehbaren Gedankenreichtum; er handelt nicht nur von Religion und Rechtswissenschaft im weitesten Umfange, fondern auch von Medizin und Naturwissenschaft, MaHematik, Astronomie, Volkskunde, Sprachwissenschaft, Phylosophie, Mystik ufw. Aber er ist nicht systematisch geordnet und wer sich in ihm zurechtfinden will, der muß Hm viele Jahre seines Lebens widmen und bedarf noch dann des' kundigen Führers, der ihn über die Entstehung der einzelnen Bestandteile, über Zeit und Land und über die Verhältnisse belehren muß, unter welchen die zwölf Generationen der Schriftgelehrten gelebt und gelehrt, die den Talmud geschaffen haben. Ein solcher Führer ist „Die Anleitung in Talmud und Midrasch" von Strack. Sie führt den Leser , durch die Jahrhunderte des grauen Altertums, beginnend' mit „den Anfängen des traditionellen Gesetzes" — das einzige Kapitel, das zu mager ausgefallen ist — und schließt mit den Saboräern, die in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts wirkten und als Halbamoräer bezeichnet werden müssen. Neu hinzugekommen ist die kurze „Einführung in die Midraschim", die über die umfangreiche Literatur der Midraschim eine gute liebersicht bietet. Dr. F. Rabbiner Dr. Hermann Klein: Die Sprache der Tage. Frankfurt a. M. 1920, Sänger u. Ftiedberg. Mk. 14,40. Der ominöse Beigeschmack, der so vielen Erscheinungen der Predigtliteratur anhaftet, erklärt ein gewisses Vorurteil, mit dem man eine neuen Anthologie der Kanzelberedsamkeit in die Hand nimmt. Umso erfreulicher ist die Uebörraschung, in der vorliegenden Sammlung eiire Fülle so geistreicher und gemütstiefer Betrachtungen zu begegnen, daß man dieses Buch nicht nur dem Fachmann, sondern jedem denkenden Juden zur Einverleibung in. seine Bücherei mit gutem Gewissen emvfehlen kann. Zur Festigung und Verbreitung jüdischer Gesinnung und religiöser Lebensbetrachtung bietet es wertvolle Beiträge nicht nur in den Kanzelreden, die sich übrigens auch durch die Schlichtheit und Gedrungenheit der Form auszeichnen, sondern ganz besonders auch durch Abhandlungen mehr wissenschaftlichen Charkters, wie den Aufsatz über Koheleth sowie den Anhang „Religionslose Ethik?" Aus allem spricht ein aus dem Boden der Thoratreue stehender Geist, der die Daten der Ueberlieferung nicht unbesehen hinninunt, sondern zeigt, daß sie kritischer Probe staudh alten. Es sind nicht nur Kostproben für geistige Feinschmecker, die hier serviert werden, sondern inder Hauptsache kerniges Hausbrot. G. Festschrift zum hundertjährigen Bestehen des israelitischen Tempels in Hamburg 1818—1918. Herausgegeben von Rabbiner Dr. D. Leimdörfer, Hamburg 1918, Glogau jr. Nicht nur die zunächst beteiligte Gemeinde, sondern die jüdische Geschichtsschreibung wird von der vorliegenden gelungenen Festgabe mit Befriedigung Kenntnis nehmen. Der Herausgeber hat den rechten Ton getroffen und an seinen Mitarbeitern berufenen Beistand gefunden. So manches hier Gebotene reicht in seiner Bedeutung über den bescheidenen Rahmen einer Gelegenheitsschrist hinaus. G. Johannes Lindner: Gott Erde Mensch. Gedichte. Verlag, von Egon Fleischel & Co., Berlin W. Preis Mk. 6.—. Der junge Dichter Johannes Lindner, der mit diesem Versbande zum ersten Male an die Oesfentlichkeit tritt, erweist sich mit -einem Schlage als die stärkste lyrische Begabung des Kärntnerlandes, die weit über die Grenzen seines Landes gehört zu werden verdient. Als Urtöne des Lebens erklingen diese Verse, gesättigt mit den Erlebnissen und Stimmungen der Heinrat. Der bäuerliche Lebenskreis wird ins Mythische gesteigert, in unerhörter Kraft, an bic Sprachgewalt des 16. Jahrhunderts, fast an Luther gemahnend, Ringt sein Gesang vom „Trommler Gottessund", der beim Troß aufwachst und, als er blutend ans dem Schlachtfelde liegt, nach einem von Schlachten nnd Frauen erfüllten Leben den Trotz, den Zorn und das Siegesgefühl dem wartenden Tod nms Maul haut. Der Tod ist, ganz wie in den alten Mysterien der kärntnerischen Volksbühne, mit dem Dichter gut Freund. Lindner ahnt ihn, der seit Anbeginn in unserem Blute schläft; „ein Mittelpunkt des Leidens, das die Erde zeugte"". Das. ist echt alpenländisch, wie das Kärntnerlied ja auch neben launigem Scherz, neben heiterster, quellender Dafeinsfreude seine dunkle, schwermütige Seite hat. Gerade dieser Kontrast wuchtiger Daseinsfreudigkeit macht Lindners Schaffen so reich und zukunftverheißend. Max Nordau: Biologie der Ethik. Leipzig 1920, B. Elischer Nachf. Mk. 13.—, geb. 18.—. An einem Buche Nordans erübrigt es sich, kritische Schärfe, Flüssigkeit der Darstellung und glänzenden Stil zu rühmen. Aber keine seiner Schriften zeigt alle diese Vorzüge in gleichem Maße wie die vorliegende. Er faßt, wie bei ihm vorauszusehen, den Sittlichkeitsbegriff durchaus immanent, verwirft nachdrücklich eine Unterscheidung zwischen indiv!idueller nnd kollektiver Moral und konstatiert, trotz Weltkrieg und verwandter Erscheinungen, «einen unbedingten sittlichen Fortschritt. Von einer Willensfreiheit kann nicht die Rede seih. Dem einen ist durch die Gunst Ibiet Umstände, unter denen er lebt, aber ohne sein Verdienst, die Hemmung böser Instinkte möglich, dem anderen nicht. Dies beftÄt ihn nicht von der Verpflichtung, nach Besserung zu streben, befreit ihn jedoch von der Verantwortlichkeit für. das Ergebnis dieser Bemühungen. Die Sanktton der Moral besteht in dem heroischen Bewußtsein, das individuelle Leben durch die Unterwerfung des tierischen Triebes unter die Vernunft zu erhöhen und zu bereichern. Nordau schließt mit den Worten: „Möglich, daß die Moral, die uns die unheimlich^ Unverständlichkeit des Lebens verdeckt, eine Illusion ist. Gesegnet die Illusion, die uns das Leben lebensw'ert macht. G.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.