Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 5 (3.3.1921)
- Date
- 1921-03-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. S D re Wahrheit Seite 11 Unermüdlichkeit. Aus sprach- und gehörlosen kleinen Wesen. Menschen zu machen, bte sprachlich müt den Mitmenschen verkehren können, die die Rede des Nebenmenschen verstehen, die Wissen und Fertigkeiten halben, die nach Fortbildung streben und bürgerlichen Berufen mR Erfolg nachgehen, das ist promecheifche Arbeit. Der Lehrer der Taubstummen gibt in die leeren Seelen der unglücklichen Kinder die Gottesflamme der Erkenntnis, das göttliche Licht des Wilsens und der Menschenwürde. Einen solchen Lehrerkämpfer hat das Wiener israelitische Taubstummeninstitut am 2. Februar gefeiert. Der Senior des Lehrkörpers, Herr Josef F r i e d l, feierte cm diesem Tage seinen 70. Geburtstag. Seit dem 1. September 1875 ist er Daubstu mmenlehrer und erlernte unter dem genialen ersten Direktor dieses Instituts, Joel Deutsch, die Methodik des Unterrichtes an Taubstummen. Joel Deutsch war der unentwegte Verfechter der Lautsprachmethode, er war ein unbeugsamer Lehrer. Keine Gebende, kein Zeichen! Sprechen muß der Taubstumme und schön und gut muß er sprechen. Das ist Tradition im Wiener israelitischen Taubstummeninstitut und soll es dort bleiben. Friedl ist der älteste Schüler von D eutsch, der noch wirkt. Bor einem Jahre wurde er wieder zur aktiven Dienstleistung berufen, nachdem er 10 Jahre im Ruhestand gewesen. Nun unterrichtet er wieder in alter Kraft und Frffche und hält auch die Abendkurse' für erwachsene Schwerhörige am Institut, ebenfalls mit eminentem Erfolg. Friedl stammt aus Mähren, das so viele Intelligenzen dem alten Oesterreich gegeben hat. Er wurde am 2. Februar sehr gefeiert. Der Jnftitutvorstand ehrte ihn durch Anwesenheit der Mitglieder Frau Riva Fraenkel, Präsident Ludwig F r a e n k e l und Franz D e n e s, wie der Gattin des Vorstehers Heinrich Pappenheim. Der Präsident des Vorstandes, Herr Ludwig Fraenkek, begrüßte die Familie des Jubilars, welche vollzählig gekommen war, und die Festgäste und dankte Herrn Friedl in warmen Worten für seine Arbeit im Institut für die Zöglinge. Von diesen sprachen ein Schüler der vierten A-Klaffe, welche Herr Friedl führt, und eine Schülerin der sechsten Klasse. Der Direktor des Instituts, Herr Dr. Krenberg e r, würdigte die Arbeit des Taubstummenlehrers. Herr Hauptlehrer Eduard Brüll pries im Namen der Kollegen den Senior des Lehrkörpers und wünschte ihm Glück und Segen für-weitere lange Jahre. Der Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Universttätsprofeffor und Generalstabsarzt Dr. Alois Pick gab seiner Bewunderung für die Lehrerarbeit Ausdruck, die Direktoren der staatlichen Taubstummenanstalt in Speising, Fritz B i f f l, der Landestaubstummenanstalt in Döbling, August Güntschel, der städtischen Schule im 15. Bezirke, Josef Schrämte, und Frau Deborah Eckstein für die städtische Daubstummenschnle im 9. Bezirk, Canisiusgasse, beglückwünschten für ihre Schulen. Herr Direktor Simon Heller vom Blindeninstitut auf der Hohen Warte wies an Beispielen den Erfolg der Lehrertätigksit nach und würdigte die große Humanität dieser Arbeit. Endlich dankte und gratulierte ein Hörer der Schwerhörigenkurse. Nun sprach tief behegt und gerührt in kurzen, markigen Worten Friedl selbst. Es war eine WohlverdiNrte Ehrung, ein Ehrentag des Lehrers, des Instituts und der Lehrerschaft. Briese und Telegramme kamen vom Universitätsprofessor Dr. Gustav Alexander, von den Taubstummenanstalten in Wiener-Ne n st a d t und Graz, vom staatlichen Wiener Blindeninstitut und vielen anderen Seiten. Friedhofszene. Wir erhalten folgende Zuschrift: Am 17. v. M. wurde Herr I. Winternitz am Zentralfriedhose beerdigt. Der rauhe Winter machte den Teilnehmern an dem Leichenbegängnisse den Aufenthalt in der sturmdurchtobten Totenstadt schon an sich sehr peinlich. Dazu gesellte sich der Umstand, daß die Uebertragung des Toten in die Zeremonienhalle sich ungewöhnlich verzögerte. Der Trauergäste bemächtigte sich darob begreifliche Aufregung und eine der anwesenden Frauen begab sich ins Rabbinerzimmer, ihrem gepreßten Herzen Luft machend. Dabei lehnte sie sich an den dort stehenden Tisch, der offenbar mehr als für ein Gebvauchsmöbe-l gut ist, unter dem Zahn der Zeit gelitten hatte und zusammenbrach, die Frau im Sturze mit sich reißend. Es war ein Glück, daß dieser Unfall nicht auch noch ein Unglück im Gef-lge hatte und mit dem bloßen Schrecken vevlief. Von der gleichen Qualität ist das sonstige Mobilar des Rabbrnerzimmers und die Benützung eines Sessels kann nur auf eigene Gefahr und Verantwortung des Sitzbefbrffenen geschehen. Ich verzeichne diese Episode, um eine unmaßgebliche Meinung daran zu knüpfen, denn ich habe in ihrem Blatte gelesen, w aß die Kultusgemeiinde Wien ein Jahresbudget von 40 Millionen Kronen aufbriugen müsse. Vielleicht könnte von dieser Riesensnmme, ohne weitere Steuerausschreibungen natürlich, ein mäßiger Betrag zur Konsolidierung der sicherheitsgofährlichen Möbel iim Rabbinerzimmer des Zentralfriedhofes erübrigt werden. Dr. S—k. Ein Herzl-Wort. Mit Bezug aus das Feuilleton in der vorigen Nummer unseres Blattes wird uns aus Leserkreisen geschrieben: Es unterliegt keinem Zweifel, daß die angekündigte Sammlung der Herzl-Worte bei ihrem Erscheinen freudig begrüßt werden wird, denn alle Aussprüche des überall und jederzeit gefeierten und verehrten Zionistenführers ließen ihn als Mann des klaren Verstandes und (was im Verein mit diesem besonders zu werten ist) als warmfühlendenEthiker erkennen. Deshalb dürste manches seiner Worte dem strebsamen Epigomen nicht bedingungslos paffen. Ich erinnere beisvielsweise an die Schlußworte eines Kapitels seines.Alt-Neuland, in welchem der Held des Romans auf die Frage des arischen Sonderlings Kingscouert, weshalb man den alten ruffischen Augenarzt zum Präsidenten wählte, die Antwort gibt: „Wir vergeben Ehrenämter an jene, die sich nicht dazu drangen."" Eine solche Sentenz dürfte kaum nach dem. Sinne zionistischer Ehre nanu Zager sein, die der „Bewegung" oft genug hinderlich und nachteilig waren, weil ihnen Gott wohl ein Amt, aber nicht immer den erforderlichen Verstand gegeben. K—s. 80. Geburtstag. Samstag, den 22. Jänner 1921, fand im Tempel des 10. Bezirkes eine besondere Ehrung des Herrn Kubelka aus Anlaß seines 80. Geburtstages statt. Von 2 Vorstandsmitgliedern zur Thora begleitet, las er in altherkömmlicher Weise die Haftora. Oberkantor Schlesinger trug einen Mischeberach feierlich vor, worauf Se Ehrwürden Rabbiner Dr. Mandl an den Jubilar eine Ansprache hielt und ihm insbesonderes dafür den Dank des Bethausvorstandes anssprach, daß Herr K n d e l k a durch viele Jahre uneigennützig das Amt eines zweiten Kantor und eines K o r e h i n z u f r i edenstellen d st e r W e i s e versah. Herr Kudelka ist geistig und körperlich vollkommen gesund und wünschen seine Angehörigen und Freunden, daß Gott ihm bis 120 Jahre erhalten möge.