Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 5 (3.3.1921)
- Date
- 1921-03-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 5 Wahrheiten vom Tage Entgleist. Unerwartet, heimlich wie ein DM in der Nacht kam es nach der ersten Aufführung des „Reigen" und alsbald war 'der Skandal, den Wien so notwendig braucht wie einen Bissen Maisbrot, fertig. Hohle, dumpfe Worte rollten: Verfassungsbruch, Srttenentartung, Kulturkampf; -aber auf die Wirklichkeit geprüft, war es nur >eiNe Kette von Entgleifmrgen. Vorerst die Regierung. Sie hätte sich zur Begründung des Verbotes des „Reigens" nicht auf ein grobes Aergernis und Verletzung der Sitten berufen dürfen, da wir solche überhaupt nicht mehr haben. Wenn ihr das mit der Sittenrettung ernst wäre, hätte sie schon langst jene Lokale, in denen Naktkultur getrieben wird, sperren muffen. Wenn sie auf öffentliche Aergerniffe Jagd machen will, dann möge sie die Stundenhotels zur Strecke bringen. Ein öffentliches Aergernis, schlimmer als irgend eine Theatervorstellung, ist das schwindelhafte Versprechen vom Abbau der Preise, ind!es sie zur babylonischen sTurmhöhe steigen. Me Berufung auf ein verschimmeltes Gesetz vom Jahre 1850 in dieser Zeit der legislativen Schnellfabrikati-on ist lächerlich. Aber auch die Sozialdemokraten entgleisten an ihren Nerven, an ihrer schon pathologischen Erbitterung gegen alles, was von der feindlichen Seite kommt. Da Minister sozusagen Wenfalls Menschen sind und nicht alle Anrempelungen fischblütig einstecken muffen, ergab sich im Laufe der Reigendebatte, zuerst ein Zungen- Und duransein Faustkamps, würdiger einer Branntweinschenke als eines „Hohen Hauses". Die schlimmste, weil bewußte Entgleisung verübte Herr Artur Schnitzler, indem er gegen seinen früheren Entschluß den „Reigen" für die Bühne freigab. Wenn Herr Schnitzler, dessen Vtuse ans EroM eingestellt ist, selbst gegen dieses allenfalls für Herrenabende bei gefchloffenen Türen geeignete Stück Bedenken trug, mußte es schon wirklich starker Tabak sein. Darüber belehrten auch die voichergegangenen Theatevskandale in Berlin und München. Herr Schnitzler konnte für seine Entgleisung nicht Not als mildernden Umstand geltend machen und mußte sich darüber klar sein, daß er den Antisemiten das Signal zu wüsten Ausfällen gegen die Berjudung der Kunst und Literatur geben werde. Er konnte als kluger Mann auch voraussehen, daß in einer cm das Fanstrecht mahnenden Zeit rohe Gewalt Mer die Kompetenzstreitigkeiten und Paragraphentüfteleien, die Brachialgewalt des Ariertums obsiegen werde, wie es an jenem denkwürdigen Abend des 18. Februar vor und in dem -Theatersaale zur Schmach des sogenannten gemütlichen Wien tatsächlich geschehen ist. Die Regierung hat nun die vollkommene Handhabe der öffentlichen Riche und Sicherheit für das Verbot des „Reigen", womit die ganze Sache den erwarteten 'Abschluß gefunden. Der Neigen in den Kammerspielen ist tot, Mer der Reigen der Unvernunft, Roheit und Profitgier wird nicht so rasch aus der Welt zu schaffen sein. Stimmen über den Antisemitismus. Einer der ältesten und angesehensten politischen Führer Alk- Ungarns, Graf Johann Zichy, hat vor kurzem einen Artikel über die Notwendigkeit einer neuen innerpolitischen Orientierung des ungarischen öffentlichen Lebens veröffentlicht, in dem er unter anderem auch gegen den Antisemitismus Stellung nimmt. Der angesehene Politiker schreibt: „Konservatismus in der nationalen Idee und Liberalismus aus wirtschaftlichem und sozialem Gebiete — beide in ihrem klassisch edlen Sinne genommen — werden alle Kräfte der Gesellschaft einen können, denn in dem Werke der Verwirklichung der die Gesamtheit der Nation umfaffenden Ziele der Nation müssen die Unterschiede der Raffender Klaffe, der Konfession und der wirtschaftliechn Arfffaffung verschmelzen. Der Antisemitismus als politischer Faktor muß mithin verschwinden. ... Ich zögere nicht, zu erklären, daß ich die Dienste der ehrlichen ungarischen Judenheit bei dem Werke der Wiederansrichtung ebenso in Anspruch zu nehmen wünsche, wie die der christlichen Gesell schaft. Es ist meine Ueberzetugung, daß wir die Mitwirkung dieser patriotischen Judenheit, namentlich in betreffender Regelung der wirtschaftlichen und finanziellen Fragen und der Wiederherstellung des internationalen Handelsverkehres, nicht entbehren können. Diese dürfen also nicht abgeschreckt, sondern müssen gewonnen werden. Jeder muß ans den Posten gestellt werden, wohin er gehört und wo er dem Vaterlande treu zu dienen vermag." — Der amerikanische Automobilkönig Henry Ford ist beim Geschäft Milliardär geworden und sonach in der Lage, seine reichen Mittel für den Sport des Antisemitismus zu verwenden, dem John Sp-argo, ein nichtjüdischer Publizist, mit Eifer und Erfolg entgegenarbeitet. Auf frem von Spargo verbreiteten Protest, der von den ersten Männern Amerikas gefertigt ist, fehlte der Name H. Hardings, des neuen Präsidenten der Union. Etwaigen falschen Auslegungen zu begegnen, erklärte der Präsident sein Verhalten mit dem an Spargo gerichteten Schreiben: „Ich bin überzeugt, daßSie es verstehen werden, warum ich in diesem Zeitpunkte jede nicht unerläßliche Publizität vermeide und nicht gerne öffentliche Erklärungen über unsere schwebenden Probleme abgebe. Ich bin aber ebenso überzeugt, daß Sie es bereits wissen und ainch^ das amerikanische Volk mir glaubt, daß ich keiner so engherzigen, unduldsamen, so unamerikanischen Beweg un g, w i e e s d i e a n ti s e m i t i s che i st, m e i n e S a n k t i o n g e b e n w e r d e. Ich habe stets das Evangelium des gegenseitigen Verstehens und guten Willens gepredigt. Und kein Mensch, der an diese Dinge glaubt und von der Hvfsnung auf die amerikanische friedliche Einmütigkeit erfüllt ist, kann ein inneres Interesse haben an einer Bewegung, deren Ziele gegen einen . Teil unserer amerikanischen Bürgerschaft gerichtet sind. Ihr aufrichtiger Warren H. Harbin g." Zur Kritik des Palästinamandats. Erinnert man sich der großen Begeisterung, des hellen Jubels in einem Teil . des Judentums, als die Balfour-Deklaration in aller Welt bekannt wurde und hält dagegen die Beurteilung, die sie später bei genauer Prüfung des ^Mandats" erfahren, so läßt sich der Kontrast zwischen damals und jetzt nicht bester als in den Ruf: „Himmelhoch jauchzend — zu Tode betrübt!" znsammensaffen. Die Mandatarmacht, bzw. Sr. großbritannischen Majestät Regierung darf diesbezüglich kein Vorwurf treffen. Sie dient in erster Linie dem Wohl des Staates und in diesen Rahmen haben sich alle politischen Maßnahmen zu fügen. Die verheißungsvolle, zu kühnsten Auslegungen geeignete Deklaration gewann ihren eigentlichen Sinn und Wert erst durch den jetzt bekannt ge- . wordenen Entwurf des Palästinamandats, das allen Überschwang un!d Idealismus von San Remo niederschlägt. Die Zionisten Mer, für die Balfour eine Offenbarung war, haben das Mißgeschick, daß gute Menschen schlechte Politiker - sind, die später empfinden müssen, wie schlimm es ist, wenn man den Wunsch znm Vater des Gedankens macht. Heute muß selbst der unentwegteste Zionist bekennen, daß ihm