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Die Wahrheit · 1921-03-03 · Heft 5 (3.3.1921) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 5 (3.3.1921)
Date
1921-03-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. K & i e Wahr heit die Erweiterung und Krönung des alten Baues, durch die Erhebung des Deutsch-Israelitischen Gemein debundes zur umfassenden öffentlich-rechtlichen Gesamtorganisation der deutschen I u denhei t. Sie wird auf Freiwilligkeit beruhen. Wir werden uns. selbst unsere Gesetze geben in der Erkenntnis, daß der Zusammenschluß Mer Kräfte zur Erhaltung und Erstarkung des Judentums erforderlich ist. Auf breiter demokratischer Grundlage aufgebaut, wird sie uns gegen die Lockerung im Innern und gegen den Ansturm von außen sichern. Im Interesse des großen Werkes. müssen alle Sonderwünsche z u r ü ck gestellt werden. In dieser Stunde blickt die gesamke deutsche Judenheit erwartungsvoll auf uns. Wir müssen den Gedanken des k‘lal J.israel erwirklichen. Möge Gott seinen Segen zur Vollendung dieses Werkes geben, damit dieser Segen von hier ausströme über unser gesamtes geliebtes Judentum.^ Stürmischer Beifall folgte dieser eindrucksvollen Ansprache. In der sodann abgeführten Debatte gab Dr. Alfred Klein seiner Freude über das Zustandekommen der Ver-- eimgung lebhaften Ausdruck, indem er bemerkte, daß die deutsche Judenheit sich auch allgemein-jüdischen Dingen nicht entziehen würde; das habe sie auch in der Vergangenheit nicht getan. Wenn diese Engherzigkeit in Zukunft auch wirklich vermieden werden soll, dann dürfe man auch ehrlich die erweiterte Fassung zulassen, um jeder Möglichkeit einer späteren engherzigen Auslegung vorzubeugen. Diese Einschränkung raubt dem Verbände große Möglichkeiten. So zum Beispiel könnte er dadurch von der Mitarbeit am Ausbau Palästinas ausgeschlossen werden. Palästina ist heute keine zionistische Angelegenheit mehr, sondern eine Sache des gesamten Judentums der ganzen Welt, die a nch j ed en dents chen Juden an g e ht. Wir erwarten die intensivste Mitarbeit der deutschen Judenheit. (Lebhafter BeifM.) Die Autonomie der Gemeinden soll selbstverständlich in Men Gewissensfragen, iu Kultus, Unterricht und Wohlfahrtswesen erhalten bleiben, dagegen muß der Bund einen Einfluß auf die Verfassung der Bundesgemeinden zur Herbeiführung eines modernen Wahlrechtes ausüben; es geht heute nicht mehr an, eine Richtung in der Gemeinde mit roher Gewalt auszuschälten. (Protestrufe.) Wir fordern also: 1. jedes jüdische Interesse gehört vor die Gesamtorganiisatilon; 2. eine absolut-demokratische Verfassung; 3. den sicheren Schutz Mer Minoritäten. Diese Forderung gewährleistet der Entwurf, auf dessen.Boden wir uns stellen. Herr Bart betonte die Wichtigkeit des § 1, der in der Fassung: „der Bund bezweckt die Zusammenfassung aller Kräfte im deutschen Judentume zur Pflege seiner gesinnten Interessen" angenommen wurde. Leite? Ein Antrag auf Ausschluß der nichtdeutschen Juden von der Mitarbeit wurde über Protest Dr. Freunds abgelehnt, ebenso der Antrag, die Frauen vom Wahlrecht auszuschließen. lieber Vorschlag mehrerer Vertreter wurden in den Bundesrat eine Anzahl RMbiner, Kantoren und Mitglieder cheologischer Lehranstalten ausgenommen. Nach Erledigung der Tagesordnung weist Dr. K lee im Schlußwort auf die geschichtliche Bedeutung des Augenblicks hin. Er hofft, daß dieser Moment reiche Früchte tragen wird nicht nur für das deutsche Judentum, sondern für die Judenheit der gesamten Welt. In der ganzen Welt gibt es keinen Gemeindebund, der so wie der hier geborene aus dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht hervorgegangen ist. Diese Tatsache ist das Werk Professor Kalischers, dem hierfür der Dank der Judenheit gebührt. Herzlichen Dank hat sich auch Herr Dr. Freund, der Verfasser des Entwurfes, verdient. Der heutige Tag hat das Lebenswerk Professor Kalischers gekrönt, dem das Judentum der ganzen Welt in dieser Stunde danken muß — in einer Stunde, die seinen Namen der jüdischen Geschichte einverleibt. Me Versammlung schloß mit stürmischen Ovationen für die Herren Professor Kalischer und Dr. Freund. * . * * Aus Deutschland wird uns zu diesem Thema geschrieben: Es war wirklich ein sehr schöner und löblicher Gedanke, dessen Verwirklichung bis jetzt an dem Erbübel des jüdischen Volkes, seiner Uneinigkeit, scheiterte. Dem 15. Deutsch-Jsraelitischen Gemeindötag, der kürzlich in Berlin versammelt war, wurde nun die Schaffung einer Gesamtorganisation des deutschen Judentums übertragen. Auf dem Boden desselben hatten sich all die verschiedenen Gruppen und Parteienschattierungen zum Schutze ihrer Interessen und Verteidigung ihrer Rechte gemeinsam vertreten gesunden. Man zweifelte daran, daß Orthodoxe, Liberale und Zionisten unter einem Hut zu bringen seien, aber der schwache Schimmer dieser Möglichkeit mußte schon bald nach Eröffnung der Debatten erkannt werden. Nicht einmal die Zionisten waren es, die, wie sonst bei derartigen Verftändigungsv ersuchen, auf ihre angebliche kompakte Majorität pochend, jedes Zusammengehen mit Andersgesinnten kurzer Hand verwarfen und dadurch keinen spaltenden Keil m das begonnene Werk trieben Im Namen des „Bundes gesetzestreuer Gemeinden" gab Herr Rabbiner Dr. Pinchas Kohn-Ansbach die Erklärung ab, daß der Bund bereit sei, um in besonderen Fällen nach außen hin die Einigkeit zu dokumentinen, in einer gemeinsamen Delegation und der neuen Organisation zu arbeiten. Diese grundsätzliche Bereitwilligkeit zum Entgegenkommen fand volles Verständnis. Nur etwas war auszusetzen: die nötigen Formen nämlich wurden nicht immer beobachtet. Die großen Gemlöinden ließen ihre Stimmen nur durch den Stimmführer abgegeben. So kam es, daß Berlin beispielsweise fünfzig Stimmen gegen die orthodoxen Anträge in die Wagschale werfen konnte, obwohl natürlich unter den Berliner Delegierten auch eine ganze Anzahl konservativer and zionistischer Freunde dieser Anträge sich befanden. — ck

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