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Die Wahrheit · 1921-03-03 · Heft 5 (3.3.1921) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 5 (3.3.1921)
Date
1921-03-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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(Seite 6 Die Wahrheit Nr. 5 Katastrophe, za welcher -der Pöbel -ausgehetzt wurde, suchte man nach eineint Grund, der aber in den meisten Fällen nur ein Vorwand war, wie Ritualmord, Hostllenschättdung oder Brunnenvergiftnng. Dort, wo man -solche Scheußlichkeiten nicht gleich zur Hand hatte, griff matt zur Anklage, daß die Inden sich auf Kosten ihrer christlichen Mitbürger bereicherten. Ein weiteres Motiv der Judenverfolgung mußte -der angebliche Prunkaufwand einzelner reich begüterter Juden abgeben, ganz wie in unseren Tagen, was ein deutlicher Beweis dafür ist, daß die große gedankenlose Masse in ihren Anschauungen und in ihrem Empsinduttgsleben trotz aller Aufklärung und sogenannten Humanität konservativ bleibt. Was hatten die artnett jüdischen Märtyrer des Jahres 1421 wirklich verschuldet, um ihre Mißhandlung auch nur den Schein einer Berechtigung oder doch wenigstens eine Erklärung zu geben? Es sollen die vom Glück Begünstigten unter ihnen, insbesondere die Frauen, einen auffallenden Luxus getrieben haben. Diese Anklage, die nicht nur von judenfeindlicher Seite erhoben wurde, lesen wir gerade in unseren wirren Tagen mit besonderer Nachdenklichkeit. Diese leidige Sucht, mit Prunken und Prassen der Umwelt in die Augen zu stechen, dieses rücksichtslose Protzen eines im Reigen um das goldene Kalb berauschten Pöbels, werden sie denn nie aufhören, über ttnsere jüdische Gesamtheit Schmach und Verderben heraufzubeschworen? Witz viele unschuldige Opfer fallen für den Frevel einzelner Entarteter, wie viele haben damals vor 500 Jahren in Wilen den Mangel «an Selbstsucht einiger Weniger büßen müssett! Und keiner war da, der sich der Verfolgten gegen einen Wüterich annahm.der einzig und -allein ans ihre Habe fpeEnlierte und sich des unfehlbaren Werkzeuges zu versichern wußte, indem -er dem . beutelüsternen Mob Anteil -am Raube gewährte. Eine solche Katastrophe, eitt Mahnzeichen für ewige Zeiten, verdient, daß zumindest wir Wiener Juden, die es am nächsten angcht, ihr, sei es am Gedenktag des Ab oder im Owinu malkenu, Jahr für Jahr eine Stelle einranmen. An Ansätzen dazu Ms früheren Tagett fehlt es nicht. Es müßte durch die Gegenständlichkeit, durch die Nähe des Ortes, an dem sich jenes Verhängnis entladen, zur Belebung dieser Liturgien mächtig beitragen. Ganz gewiß darf aber die 500. Wiederkehr jenes Unheilstages nicht stillschweigend übergangen werden. Das Geringste, was jene Märtyrer vom Jahre 5186 verdienen, ist eine Gedenkfeier in unseren Wiener Gotteshäusern. 3£. -r— Die Gesamtorganisation der deutschen Juden. Jt) der vorigen Nummer dieses Mattes erlangten wir kurz vor Redaktionsschluß Nachricht von der am 23. Jänner erfolgten Gründung der Gesamtorganjisation der deutschen Juden und mußten uns Ms die bloße Registrierung dieses hochbedeutsamen Ereignisses beschränken, das wir erst heute nach seiner großen Wichtigkeit und Tragweite gebührettd besprechen können. Schon die Tatsache an sich, daß ein seit Jahrzehnten entworfener PlM trotz schwerer Verhältnisse in so kritischer Zeit, wie die gegenwärtige ist, endlich doch der Verwirklichung zugeführt werden konnte, ist des höchsten Lobes und Anerkennung für die loiien'den Männer wert, die unverdrossen -am Werke waren mtb es nun von glänzendem Erfolge gekrönt sehen. Erste Voraussetzung war allerdings, was wir seit Jahr und Tag empfehlen, daß eine P l a t t f o r m g e fu nden werde, auf der sich alle Juden dev verschiedensten Parteirichtungen zusammenfinden, um gemeinsam ihr Interesse zu vertreten und zu verteidigen. Diese Plattsorm konnte in Deutschland geschaffen werden, weil dort die richtigen Führer an der Spitze standen, Männer, die dank ihrem Wissen, untadeligen Charakter und vollkommener Selbstlosigkeit das vollste Vertrauen der Judenheit vvn allem Anfänge besaßen. Sie verstanden es klug und taktroll, aus grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten entstandene Härten in der gründenden Versammlung zu beseitigen und die prinzipielle Einigkeit herznstellcn. Ehre und Hochachtung diesen Promittenten Persönlichkeiten, aber auch allen Vertretern, die ihre Eigenbrödelei dem hohen Z^ele zum Opfer brachten. Nur so war es möglich, daß auch die wichtige Palästina- und Emigrationsfrage vom deutschjüdischen Gesichtspunkte begriffen und behandelt werden konnte. Wenn der österreichischen Jndenschafi sin gütiges Geschick die gleiche geistige Reife und die gleichen höchq-ualifizierten Führer bescheren sollte, dann wäre zu erwarten, daß auch uns das Glück der Vereinheitlichung, in dem schweren Kampfe gegen dieselben Gefahren erblühe. Nach diesen Betrachtungen können wir die wichtigen Momente der denkwürdigen Versammlung, so weit es uns der bescheidene Raum gestattet, verzeichnen. Der Borsttzende Professor Dr. Kalischer begrüßte die ^anwesenden Delegierten aus allen Teilen Deutschlands Mfs wärmste. Er betonte „die große Täuschung", -diie darin besteht, daß der furchtbare Krieg das Schicksal der Juden, die schwere Blutopser gebracht, nur noch schliinmer, als es vorher war, gestaltet und den Antisemitismus noch verschärft hat. Als Folge dieses Zustandes werden Tausends und Abertausende das Wanderschicksal der Juden auf sich nehmen und in die Fremde ziehen müssen — in einem Moment, in dem Ne Hanpteinwandernngslander ihre Pforten geschloffen haben. Der -einzige Lichtblick in dein Grau der Not ist Palästina,.- das unter mächtigem Schutz sich vorbereitet, diese Massen aufznnchmen. Ans welchem Standpunkte man auch stehen Mag, kein Jude, der noch jüdisch fühlt, kann gleichgültig anti der einen Tatsache Vorbeigehen,' daß eine Heimstätte errichtet wird, wo unseren Brüdern die Möglichkeit gegeben wird, sich in der Sonne der Freiheit auf uraltem heiligen Boden eine Existenz zu schaffen, die ihrer Energie entspricht. „Als Kriegsfolge ist auch die Feier des fünfzigjährigen Jubiläums -des Deutsch-JsrasMischen Gemeindebundes unterblieben. Diese Jubelfeier kann nachträglich nicht würdiger begangen werden -als durch

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