Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 5 (3.3.1921)
- Date
- 1921-03-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 Die W »hrh eit Seite 5 schulprofessoren unib Aerzte hervovgchen, die dm Dunstkreis einer vergifteten, rückständigen Weltanschauung ihre Reife erhalten halben und von «diesem Geiste erfüllt, ihre verantwortungsreichen Stellungen übernehmen werden. Ob dies zum Heil und Wohl des armen Oesterreich möglich ist, diese Frage mag sich jeder Einsichtige, Unbesangene und Klarblickende selbst vor Augen halten. Wir trösten uns nur mit 'dem einen Gedanken, daß die heutige Strömung, die ganze Atmosphäre von Haß und Verbitterung, nur ein Uebergangsstadium bedeutet und in die Kategorie jener geistigen Epidemien gehört, die in früheren Jahrhunderten die Menschheit so oft zurückgeworfen haben, ohne jedoch ihren Fortschritt und Aufstieg verhindern zu können, und daß es gelingen wird, auch nach diesem Zwischenspiel den endgültigen Sieg der Wahrheit, den unaufhaltsamen Fortschritt der Kultur auch unserem schwergeprüften Vaterlands zu erringen. - —sch. Der große Trauertag der Wiener Juden, der 9. Nissan. Am 12. März nach dem bürgerlichen Datum, nach dem jüdischen Kalender am 9. Nissan, der diesmal mit dem 17. April zusammenfällt, sind 500 Jahre verflossen, seitdem 'auf der Gänsewiese' in Erdberg 210 jüdische * Männer und Frauen «als Blutzeugen für ihren Glauben auf dem Scheiterhaufen gestorben sind. Gvldmann, Schwarz und Krauß haben den grausigen Vorgang mit seinen Motiven und Folgen erschöpfend dargestellt und uns hiedurch mit einem Martyrium bekannt gemacht, wie es gräßlicher nicht ersonnen werden «kann. Es war die unruhige Zeit der Hussitenkriege. Das Volk Oesterreichs, nur allzu geneigt, wie an jedem Uebel, so auch an der damals herrschenden Kriegsnot den Inden die Schuld zuzuschreiben, bedürfte nur eines leisen Anstoßes, um über die Wehrlosen herzufallen. Als Vorwand konstruierte man eine „Hostienschändung". Von Herzog Akbrecht V. und seinen Leuten wurden daraufhin zunächst die Juden in der Provinz auf eine Weise zu Tode gehetzt, über die man die Quellen Nachlesen muß, um sich den rechten Begriff ausgeklügelter Grausamkeit bilden zu können. Hierauf vertrieb man aus Wien die armen Inden, die reichen setzte man gefangen. Sie wurden Monate hindurch Qualen ausgesetzt, aus denen ihnen selbst der barbarische Feuertod als Erlösung willkommen erscheinen mußte. Fünfhundert Jahre sind immerhin in der Kultur- und Sittengeschichte eines Volkes ein höchst bemerkenswerter Zeitabschnitt, innerhalb dessen sich nach dem Gesetze des Fortschrittes bedeutende Wandlungen zum Guten vollziehen müßten. Theoretisch gedacht ist dies freilich sehr beruhigend und verheißungsvoll. Wie aber gestalten sich die Dinge in der unerbittlichen Praxis des Lebens? Die Barbarei des Mittelalters mit ihren menschheitschändenden Auswüchsen wie Tenfelsglauben, Hexenverfolgungen und Jndenbrennen liegt allerdings wie ein wüster Traum hinter uns, «aber wenn auch mit dem 19. Jahrhundert die sogenannte Emanzipation und Gleichberechtigung der Juden eingesetzt hat, wenn diesen sogar verfassungsmäßig dieselben Staatsbürgerrechte wie den Bekennern anderer Konfessionen verbürgt wurde, so tritt doch überall in jenen Ländern, die sich eines zivilisatorischen Zustandes rühmen, die tiefbetrnbeNde Erscheinung zutage, daß sich an dem Schicksale der Juden wenig zum Besserer geändert hat. Der tiesgewurzelte Haß, den mißleitete Völker gegen «das Judentum nnd die Wischen Mitbürger fest im Herzen hegen, ist eben unausrottbar und nimmt auch dort, wo keine blutigen Pogroms walten, in einer milderen Form Auswirkungen an, die für die Gegenwart und Zukunft mit schwerer Sorge bedrücken. Das ganze bürgerliche und soziale Leiben, wie es sich bisher entwickelt hat und namentlich in und nach dem Kriege düstere Schatten auf das Judentum wirft, läßt keineswegs die Hoffnung zu, daß die Erlösung „bald in unseren Tagen"! kommen dürfte. Bei jeder über die Juden hereingebrochenen und Pflanzen erschaffen hatte, nmßte er auch den Menschen erschaffen. Denn was hatte die ganze Schöpfung für einen Wert, wenn es keine Menschen gäbe, die sie bewnndern und sich ihrer ftenen und den allweisen Schöpfer. loben? Gleichwie ein König, der reich ist an Schätzen und köstlichen Kunstwerken, an Speisen und Getränken, aber keinen hat, «den er damit erfreuen kann. Was Nützt chm sein Reichtum? „Und Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde.'" Im Menschen kämpfen, allezeit zwei Triebe mit einander: der gute und der böse. Will der Mensch etwas Gutes tun, so möchte der böse Trieb ihn darin hindern; will er etwas Böses tun, so möchte ihn der gute zurückhalteil. — Wozu aber hat Gott dem Menschen diese zwei Triebe gegeben? Wäre es nicht besser gewesen, er hätte chm Nur den guten eingepflanzt? Solches geschah aber, um die Würde des Menschen zu erhöhen. Denn nun wird er jedesmal vor die Wahl gestellt, vb er das Gute oder das Böse tun will; er hat also einen fteien Willen, und durch diese Willenssrecheit wird er erst ein Ebenbild Gottes. Kern anderes Geschöpf hat Willensfteiheit: weder die Tiere noch die Engel. Die Tiere haben ihren Instinkt, und diesem müssen sie gehorchen; sie halben keine Tugend, denn sie tun nur, was sie müssen. Die Engel haben keine Be- - gierden' oder Leidenschaften, sie kommen also nicht in die Lage, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, sie können ihrer Natur nach nur das Gute tun, sie haben keine Sünde. Nur der Mensch kann tugendhaft oder sündhaft sein, das hängt von seinem Willen >ab, und in dieser Willensfteiheit zeigt «sich seine Gottähnlichkeit. * » Nachwort der Redaktion. Die Besprechung dieses Bandes jüdischer Sagen und Legenden erfolgt in einer der nächsten Nummern.