Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 4 (17.2.1921)
- Date
- 1921-02-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9 Nr. L Die Wahrheit derung nach einem Vorrecht der jüdischen Knltusgemeinde ist, und er schloß sich dem Antrag der Chrtftlichsozialen sofort an. So führen also die Christlichsozialen Arim in Arm miit den Jüdischnationalen den „Kulturkampf" für die VirilstMLme des jüdischen Rabbiners im Wiener Stadtschulrat. Man kann begierig sein, wie wert die Christlichsozialen das hübsche Spiel treiben werden. Die Sozialdemokraten werden es in Ruhe abwarten, ob die.klerikalen Antisemiten das Gesetz etwa gar sabotieren werden, weil die Sozialdemokraten den Religionsgenoffenschaften eine eigene Vertretung im StadtschNlrat verweigern und der jüdischen Knltusgemeinde' nicht das Recht einräumen Mollen, vielleicht irgend einen „Ostjuden" in die oberste Schulbehörde der Stadt Wien zu entsenden. Daß der christlichsoziale Kampf gegen die Ostftiden damit enden werde, daß diese Antisemiten das Recht der orthodoxesten Ostjuden auf einen Sitz im Wiener Stadtschulrat proklamieren, dürften sich auch wenige Christlichsoziale früher gedacht haben. Es ist eine recht merkwürdige „Kultur", für die diese klerikalen Kulturkämpfer kämpfen." Gut gebrüllt Löwe. Wo möglich noch besser brüllte der „Abend" zur Stadtschnlratsfrage, der klipp und klar die Trennung der Schule von der Kirche forderte, weil Religion Privatfache ist. Das rar nobile tratrum irrt sich nur darin, daß die Forderungen der Mehrheit der Bevölkerung nach dem Religionsunterrichte eine Sache der Oeffentlichkeit ist, daher logischerweise keine Privatsache sein farnt. Trübe Gedanken. Trübe Gedanken Spinnen und ranken Mir ihre Netze um Geist und Gemüt. Möcht' sie verscheuchen, Möchte entweichen Jener' Gewalt, die in Trübsinn mich z'leht. Doch sie.erdrücken Mich und verstricken Sich in mein ewig nnruhvoll Herz, -Möchte sie -meiden All diese Leiden, Möchte ihn fliehen den seelischen Schmerz. Möchte nach langer, Trostloser, banger Drückend schwerer Gewitterszeit Endlich der Sonne Himmlische Wonne, . Nicht immer Kämpfe und Qualen und Streit. -Möcht' sie verscheuchen, Möchte entweichen Jener Gewalt, die in Trübsinn mich zieht... Doch 'die Gedanken Spinnen -und ranken Mir ihre Netze um Geist und Gemüt... Dora B-ernste i n. mm Von Nah nnd Fern ^M»ritz Leitner s. A. | Sonntag, den 30. Jänner dieses Jahres ist in Baden bei Wien Herr Moriz Leitner, langjähriger Direktor der Filiale Baden der Bank- und Wechselstubenaktiengesellschaft Merkur, Ehvenprüses und Ehrenmitglied der israelitischen Kultusgemeinde und Chewra Kadifcha, 79 Jahre alt, nach längerer Krankheit in den Armen seiner Familie fartft verschieden. Der Verewigte kam als junger Kaufmann im Jahre 1863 aus Rechnitz in Westungarn nach Badeit, errichtete dort im Jahre 1871 eine Wechselstube, erwarb sich durch sein konziliantes, zuweilen allzu selbstloses Gebaren eine zahlreiche Klientel und gelangte zu großem persönlichen Ansehen. Als dann in späteren Jahren die Ausdehnung seines Geschäftes einen größeren Rahmen verlangte, fusionrerte er sein Unternchmen mit der Merkurbank, welche ihn mit der Leitung des nun erweiterten Betriebes betraute. Er fand in Baden seine Lebensgefährtin in seiner Gattin Julie, geborenen Schischa, mit der er in glücklichster Ehe lebte und erst vor einigen Wochen -sein goldenes Hochzeitsjubilaum feierte. Der Verewigte war ein Mann von Geist, mit glücklichen! Humor begabt, und mit einem allzeit gütogen Herzen. Diese glücklichen Eigenschaften erwarben Hm die Lump achten seiner Mitbürger und all derer, welche mit ihm je in Berührung traten. Sein Ansehen und seine Gcrstesgaben befähigten ihn zur Führung und so erwählten rhu die vor vierzig Jahren sich zur jungen kleinen ■ Gemeinde zufammenschließenden Glaubensgenossen! zu ihrem Präses. Er führte die Gemeinde mit kurzen Unterbrechungen mehr als vierzig Jahre. Seine Toleranz und Liebenswürdigkeit verschafften Hm die freudige Mitarbeit einer Reihe anderer angesehener Glaubensgenossen und so war es Hm möglich, die junge Gemeinde in kurzer Zeit -aus bedrängten finanziellen Verhältnissen herauszuführen und zum Aufblühen zu bringen. Das Ansehen, dessen sich die Kultusgemeinde Baden heute in der jüdischen Welt erfreut, ist zum größten Teile seiner unermüdlichen Hingabe und Arbeitssreudigkeit zu verdanken. In seine Zeit fällt die Berufung des in der ganzen jüdischen Welt hochgeachteten, ehrwürdigen Oberrabbiners Herrn Wilhelm Reich, der nun schon vierzig Jahre in der Gemeinde mit unbeschränkter Autorität waltet; in seine Zeit fällt die Errichtung der großen, schönen Zeremonienhalle des dortigen jüdischen Friedhofes, die Ausschmückung des Gotteshauses nnd die Errichtung von Wohl'sahrtsinftitutionen, für deren finanzielle Dotierung er, dem Zuge seines grundgiitigen Herzens folgend, bei seinen Glaubensgenoffen und besonders bei den Kurgästen des Kurortes Baden unermüdlich warb. Als,er im Jahre 1919 infolge seines vorgerückten Alters von der Leitung der Bankfiliale znrücktrat, wurden ihm seitens der Hauptleitung der Bank in Wien besondere Ehrungen znteil. Die Nachkriegszeit brachte der Knltusgemeinede Baden große und schwere Aufgaben. Seine durch hohes Alter'geschwächte Arbeitsfähigkeit ließ ihn an diese Aufgaben nicht mehr herantreten und brachte sein Scheiden aus der aktiven Führung der Gemeinde. Diese, im treuen Gedenken seiner durch mehr als vierzig Jahre hingebungsvoll geleisteten Dienste, ernannte Hu zum Ehrenpräses, nachdem ihn schon frühere Ehrungen zum Ehrenmitgliede der Gemeinde, der Ehewra Kadifcha nnd zum Ehrenpräsidenten der letzteren gemacht hatten. Im Jahre 1918 ernannte