Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 4 (17.2.1921)
- Date
- 1921-02-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 4 Die Wa h rh eit UM Wahrheiten vom Tage pj RachkLänge zur letzten Kultusgemeindesitzung. Knapp vor Drucklegung unserer vorigen Nummer konnten wir nur Ln Mer Kürze über «die Verhandlungen aim 31. v. M. berichten und uns das Nähere hierüber Vorbehalten. Eigentlich wären wir dieser Mühe dadurch enthoben, daß Wesentliches nicht mehr zu berichten ist, weil die lange Zeit der Sitzung durch Dauerreden der jüdischnationalen Herren Kultusvorsteher Dr. Ehrlich, Dr. Friedman^ Dr. Plaschkes und Ing. Stricker in Anspruch genommen wurden. Alles Erreichte beschränkte sich auf Vertagung und Ueberweisung der einzelnen Anträge an zu diesem Zwecke -eingesetzte Kommissionen. Erwähnenswert und deshalb sestgehalten zu werden veMent, daß Herr Dr. P l a s ch k e s inmitten seiner Ausführungen über Steuerreformen den Kultusvorstehern Baurat K e m p l e r und Dr. Landau zugerufen: „Wenn Sie auch glattrasiert erscheinen, so machen Sie noch lange nicht den Eindruck eines Engländers und können ihre Herkunft nicht verleugnen." Diesem, im wahren Sinne 'des Wortes bei den Barthaaren herbeigezogenen Ausfall muß entgegengehalten werden, daß der Herr Redner, obwohl er sich gleichfalls und zwar der vollkommensten Bartlosigkeit erfreut, ebensowenig für angelsächsischer Herkunft gehalten wird. Diese Episode mag beweisen, mit welchem Ernst und mit welcher Gedankentiefe einzelne Herren -ihre Aufgabe erfassen. Angesichts -'dieser Tatsache drängt sich die Frage auf, ob es nobvendig war, eine Neukonftituierung des Vorstandes in der Weise vorzunehmen, daß man wegen der vermeintlichen Arbeitsfähigkeit den Herren Jüdifchnationalen im Präsidium und im Bertreterkoll^ium Platz gemacht hat. Wenn die Arbeitsfähigkeit trotz der vorgenommenen Korrektur keine andere Fruchte zeitigen wird als derartige Geschmacklosigkeiten, dann ist uns um die Zukunft der Kultusgemeinde bange. Auch über den Streik der Religionslehrer, der zur Stunde noch nicht ausgetragen, aber in den verschiedenen Tagesblättrern bis zum Ueberdruß breitgetreten wird, wurde in einer vertraulichen Sitzung debattiert. Wir betrachten den Streit der Religionslchrer und aller Angestellten und Funktionäre der Gemeinde als eine höchst traurige und bedauerliche Erscheinung, sind jedoch der Ansicht, daß, wenn sie schon vorhanden ist, die richtigen Mittel und Wege gefunden werden müßten, sie auf eine befriedigende Weise kurzerhand beizulegen. Wir hätten auch erwartet, daß bei diesem Streik, der nun fchvn sechs Wochen andauert, alle maßgebenden Faktoren Schulter an Schulter hätten Vorgehen müssen, um ein befriedigendes Ergebnis, das heißt eine Beilegung dieses höchst unliebsame Vorkommnisses rasch herbeizuführen. Judenhaß übers Grab hinaus. Die erwachenden Ungarn haben bisher nur dadurch, daß sie den Mitbürgern mofasschen Glaubensbekenntnisses das Leben -auf jede erderckliche Weise unerträglich machten oder in vielen Fällen kurzerhand raubten, in der ganzen gesitteten Welt von sich reden gemacht. Nunmehr aber scheint es, daß ihnen diese Lorbeeren nicht genügen und daß sie für ihren Verfolgungswahn auch die Toten herauziehen. Ein Vorfall, 'dsn seinesgleichen selbst das dunkelste Mittelalter nicht hatte, die Ehrfnrchwerletzung vor der Majestät des Todes, ist eine Kulturerscheinung ans dem Kreise jener erwachenden Ungarn und das aller Betrübenste ist woh" der Umstand, daß im vorliegenden Falle sich sogar ein Priester an diesem Ausbruch maßloser Leidenschaft beteiligt hat, weil gerade in Ungarn, wie man schon fv oft zu verzeichnen Gelegenheit hatte, die evangelische Geistlichkeit, sogar in den höchsten Funktionären vertreten (man denke nur -an den edlen Bischof Dr. Dosider Balthasar), für die Jndenh'eit mannhaft und freimütig eingetreten ist. Das tiefbeischamonde Ereignis, das hier registriert werden muß, ist in Mer Kürze mitgeteilt: Im Budaposter Gemeinderate gab es eine 'antisemitische Debatte, welche zu einem Konflikt zwischen der Demokvatenpavtei und den am Ruder befindlichen Chriftlichsozialen führte. Verhandelt wurde die Vorlage über die Erweiterung des Altofner israelitischen Friedhof e s, wobei' ein Stadtreprasentant den Antrag stellte, man möge die Inden einfach auf dem. christlichen Friedhöfe bestatten. Dagegen protestierten die liberalen Repräsentanten, darunter auch sehr viele Katholiken, welchen darauf das Wort „Schabbes-Goi" zngerufen wurde. Gegen den Antisemitensührer Karl Wolf wurde , in scharfen Zwischenrufen Stellung genommen, und nur dem energischen Dazwischentreten des Bürgermeister gelang es, den Skandalszenen -ein Ende zu machen, wobei es peinlich berührte, daß der reformierte Seelsorger Aladar Kontra gegen die Vorlage protestierte. DiH'e Vorlage wurde schließlich abgelehnt und eine Vergrößerung des Altofner israelitischen Friedhofes n i ch t g e st a t t e t. Die hier geschilderte Episode aus der kommunalen Geschichte der ungarischen Landeshauptstadt erhärtet aufs neue die Wahrheit, daß sinnloser Judenhaß vor keinem Mittel zurückschreckt, um sich zu manifestieren. Sturm gegen den Religionsunterricht. Jedes Bündnis, das auf Unwahrheit, Gewinnsucht und Mißtrauen beruht, tragt den Keim des Zerfalls in sich. Deshalb . konnte auch das unter solchen Bedingungen ans der Zwangslage des Augenblicks zustande gekommene Bündnis, Koalition genannt, zwischen Sozialdemokraten und Christlühsozialen keinen langen Bestand haben. Der Regiernngsantisemitismus erwies sich als der klügere und dadurch mächtigere der Kontrahenten. Von den wichtigsten Staatsämtern ausgeschaltet, giUgemdie Sozialdemokraten in die Opposition, die sich dort, wo sie noch etwas zu beschließen und zerstören haben, am Werk zeigt. Es gehört zu ihrem tiefsten Schmerze, daß der neue Kurs die Glöckel- Schule in ihrer VLaienblüte geknickt hat, wofür natürlich Revanche genommen werden muß. Der neuzugründende Stadtschulrat bot willkommenen Anlaß für eine Kraftprobe der Sozialdemokraten. Die neue Bundesverfassung ließ ihnen nur nüch in Wien Stadt und Men Land die Waffen parlamentarischer Mehrheit und diese wurden -an dem Stadtschulrat erprobt. Den Religionslehrevn Mer. Konfessionen wurde nur das aktive Mchlrecht zuerkannt, -nicht aber das passive. Die Kritik an diesem Gehaben veranlaßte das Hauptorgan der Sozialdemokraten, zu folgenden munteren Ergießungen: „Man wird also jetzt, das. hübsche Schauspiel erleben, wie der Kampf um der: Rabbiner der Kampf um die christlichsoziale Kultur ist. Nur um den Rabbiner kann es sich handeln, denn daß die Katholiken im Wiener Stadtschulrat keine entsprechende Vertretungerhalten, wird niemand behaupten können, wo schon von 'den vierzig Gemeindeveritredern Mein ein gutes Dutzend waschechte Christlichsoziale sein werden. Den Juden' kann es allerdings passieren, daß ihre Kultusgemeinde nicht den erwünschten Vertreter erhält. Der Zionist Ehrlich hat im Verfassungsausschuß auch gleich erkannt, daß die For-