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Die Wahrheit · 1921-02-17 · Heft 4 (17.2.1921) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 4 (17.2.1921)
Date
1921-02-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4 DieWohrh eit Seite 5 . Ich habe mich leider gründlich getäuscht. In meinem , angeborenen und unausrottbaren Optimismus war ich naiv genug zu vermeinen, ich könne die Menschen durch Argumente aus ihrem Jndisferentismus aufrütte'ln, durch den historischen Nachweis einer geheiligten Tradition sie entreißen dem Geiste gedankenlosen Festhaltens an einer neueren Uebung. Zu meinem Schmerze mußte ich in der letzten Zeit erfahren, daß selbst in öffentlichen Berlaut- . Larungen hoher Behörden und großer einflußreicher Korporationen zwar voll Angestellten und Beamten aller Art gesprochen, der Kantoren stand aber niemals auch nur erwähnt wurde. Unser Stand wird nach wie vor als q>uautite negiigeable behandelt und die. Kantoren können noch heute Nicht nur zu ihren Rechten nicht gelangen, sie werden womöglich in diesen noch geschmälert und ihr Pflichtenkreis erweitert. — Da nun von der paritätischen KommHion M der Wiener israelitischen Kultusgemeinde bei «der neuen Gehaltsregulierung auch eine schematische Einteilung vorgenommen werden soll, fühle ich mich im Interesse unseres Standes veranlaßt, durch eine pragmatische Darstellung die Stellung der Kantoren in der Gemeinde nochmals zu präzisieren und damit vielleicht neuer drohender Unbill rechtzeitig vorznbengen. Die noch heute im Jndentume geübte Lithurgie hat ihren Ursprung in der Zeit der Sopherim, einer Körperschaft von Schriftkundigen, die in den Jahren 420—332 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung tätig waren. Der Gottesdienst war damals einfach und erhebend und er- 7'stbEte im Sinne Elsra's und Nehemias, den Geist des Judentums in das Leben und die Gewohnheiten des Volkes intensiver einzuführen. Mit denn Entstehen der syn'agogalen Poesie im 7. Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung begann auch der Gesang in die Synagoge Eingang zu finden, da es nunmehr üblich wurde, die —£: - - dichterischen Gebete nicht einfach zu rezitieren, sondern zu singen. Im Laufe der späteren Jahrhunderte hatte sich das Judentum, besonders in dem Jahrhundert der Verfolgung und Vertreibung seiner Bekenner aus Westeuropa, ganz auf sich selbst gestellt und, von der Umwelt abgestoßen, in eine eigene Traumwelt eingesponnen, hatte in sein Denken Zauberformeln ausgenommen, die nicht gerade immer dem Geiste des jüdischen Glaubens entsprachen und bei allen gottesdienstlichen Handlungen trat diese Entartung hell und grell ans Licht. Die notwendige Reaktion gegen diese betrübende Entstellung speziell des Gottesdienstes begann irr den Jahren 1818 bis 1840 und hier war es zuerst Israel Jakobson, der, zwar in .ungeschickter Art und mit plumper Hand, alles Häßliche und besonders den Sing-Sang aus dem Gottesdienste iu der Synagoge zu entfernen trachtete. Er entlehnte dabei aber auch gewisse Formeln und Weisen der Kirche und erregte damit Widerspruch und Widerstand, gab damit Anlaß zur Bildung einer Gegenpartei, zu deren Wortführer sich zuerst Isaak Bentays machte. Dann aber erstand zur rechten Zeit der rechte Mann in Isaak Noa Mannheimer, der zielbewußt, erhebend und belebend für das Judentum zu wirken verstand. In ihm wie im neuen Tempel im ersten Bezirke in Wien (eingeweiht im April 1826) nrnarimten sich Morgen- und Abendland zu dauernder und erfolgreicher Betätigung im Dienste der Reform des jüdischen Gottesdienstes. Zur Krönung ihres Werkes hatte sich für den Wiener Tempel ein Sangesheros gefunden, der, aarsgestattet mit reichen und schönen Stimmitteln, hervorragend musikalischrr Begabung und großem Kompositions talent, den hebräischen Gebeten zauberhaften Ausdruck zu verleihen wußte: Salomon Sulzer! Dieser hatte sein Leben dem.jüdischen Synagogengesange geweiht und, was vielen großen Männern vor ihm rrotz redlicher Bemühung Es gibt heutzutage vielleicht in der ganzen weiten Welt keine verzweifelteren Menschen als die armen galizischen Juden. (Feuer in Galizien.) * * * * Ich glaube, der Druck des Antisemitismus ist überall vorhanden. In den wirtschaftlich obersten Schichten der Juden bewirkt er ein Unbehagen. In den mittleren Schlichten ist es eine dumpfe Beklommenheit. In den unteren ist es die nackte Verzweiflung. (Der Judenftaat.) ' * * * Die Judenfrage besteht. Es wäre töricht, sie zu leugnen. Sie ist ein verschlepptes Stück Mittelalter, mit dem die Kultirrvölker auch heute beim besten Willen noch nicht fertig werden konnten. (Der Judenstaat.) * 4- * Die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da idird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. Wir ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt: durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung. (Der Judenstaat.) * * Sich taufen lassen ist die der Juden'frage. individuelle Lösung (Das neue Ghetto.) Die Verfolgungen sind nicht mehr so bösartig wie im Mittelälter? Ja, aber unsere Empfindlichkeit ist gei wachsen, so daß wir keine Verminderung der Leiden! spüren. Die lange Verfolgung hat unsere Nerven überj reizt. (Der Judenstaat.) > * *! Wie kann man sich vorftellen, daß die Leute, die uns! als Nachbarn nicht dulden wollen, sich mit uns als Fa-! milienrnitglieder verbinden würden?! (Herz! vor der Londoner Fremdenkommission.)

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