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Die Wahrheit · 1921-02-03 · Heft 3 (3.2.1921) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 3 (3.2.1921)
Date
1921-02-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite!> D i e Wahrheit Nr. 3 Danach dürfen Ausländer im allgemeinen nicht schlechter behandelt werden als Inländer, ihre Unbescholtenheit vorausgesetzt. In Angelegenheit der Ostjuden hat die polnische Regierung wiederholt Vorstellungen erhoben mtb gegen Ausweisungen eingegrisfen. Sollte das Vorgehen der österreichischen Regierung allenfalls beim Völkerbund anhängig gemacht und dort eine Klage eingereicht werden, so werden wir, da wir nun Mitglied des Völkerbundes sind, uns selbst verteidigen und. unsere. Maßnahmen rechtfertigen können. Zweifellos muffen gewisse internationale Rücksichten genommen werden, zumal, da ja doch auch Repressalien gegenüber unseren eigenen Staatsbürgern geübt werden könnten. Die Regierung wird alles tun, -um zu verhindern, daß die den Minderheitsschutz betreffenden Bestimmungen des Friedensvertrages uns schaden und daß die Schäden, die wegen dieser Bestimmungen beklagt worden sind, allzu tief greifen." .Das Bekenntnis des Bundeskanzlers ist dahin zu verstehen, daß ihn nur internationale Rücksichten (sprich: Konflikt mit der polnischen Regierung) an der prompten Lösung der Ostjudenfrage nach dem Herzen der Ehristlichsozialen hindere. Gleichwohl, wird die Regierung „alles tun", um die Herrschaften zu befriedigen. Auch Herr K o l l m a n n, der famose Bürgermeister der Schwefelstadt Baden, gab seinen Schwefel zum besten und erklärte, daß in Baden nur 35 Ostjuden sich aufhalten (wer's glaubt) und nicht wegzubringen seien. Daß d i e s e Ostjuden der Blüte des Wiener Schiebertums angehören, und in der Stadt des Ehren-Kollmann sich nur schrankenlos ausleben, verschwieg dieser. Ferner die Tatsache, daß solche lästige Ausländer int Verein mit den ebenso lästigen „Judäomagyaren" in Baden ungeheure Summen verprassen, ein riesiges hMurzen"-Material für gewisse Betriebe sind und deshalb, je länger, je lieber, festgehalten werden. Niemand kann daher die im Nationalrat vergossenen Krokodilstränen des Herrn Kollmann ernst nehmen. Die Wahrheit,, die auch bei der abgeführten Debatte vom Sozialdemokraten D a n n e b e r g festgestellt wurde, ist, daß die reichen Ostjuden, die ständigen Gäste aller Schieberlokale, es in der Hand haben, jeder Ausweisung zu widerstehen, so daß ihre Prunkwohnungen niemals den Bedürftigen zugänglich werden, und daß die armen Ostjuden, die bei ihrer Ehrlichkeit zu keinen Schmiergeldern kommen, ihre Mansarden und Kellerlöcher räumen müssen, deren kein erbgesessener Wiener je froh wird. Pauschalverdächtigung. In Wien ist Meder einmal ausländisches Papiergel!) gefälscht worden. Ein Vorkommnis, das so alltäglicher Art ist, daß nienwwtb hievon Kenntnis Nimmt, wie es eiben bei »Alltäglichkeiten schon der Fall ist. Die neueste Lire- und Dinarnotenfälschung veranlaßt uns aber gleichwohl zur Notiznahme, weil es im Bericht der. Tagesblätter hieß: Ein bisher ungenannt gebliebener »Agent erklärte, über sein Gefchäft sei bet einem Rabbiner in der L eo p old stad t eine förmliche' notarielle Urkunde ausgestellt worden, in der er — der Agent — erklären mußte, daß er mit jedwedem Risiko einverstanden fei ufw. Das mit der Assistenz des Rabbiners bei dem Verbrechen wird erst auf seine Richtigkeit geprüft werden müssen. In jedem Falle aber ist es eine Lei chtfertigkeit, unter der Bezeichnung „di abbin er in »der Leopoldstadt" eine Pauschalverdächtigung hinauszustreuen, aus der die berNfsmäß'igen Antisemiten sich ein Festessen bereiten. Wenn überhaupt bei dem schmutzigen Handel ein Rabbiner im Spiele war, so konnte das höchstens einer der fatalen Flüchtlingsrabbiner sein. Ans keinen Fall darf aber hier eine Verallgemeinerung vorgenommen werden. lp Bon Nah und Fern |pjf| Zu Dr. Adolf Schmiedls hundertstem Gebürtstag. Die Erinnerung an das segensreiche Schaffen und Walten des seinerzeit gefeierten Rabbiners Dr. Adolf S ch m i e d l kann nebeit pietätvollem Gedenken nur schmerzliche Gefühle an eine glückliche große Zeit der Wiener Judenfchaft auslöfen. Weit über das biblische Patriarchenalter stand das damalige religiöse Oberhaupt der Wiener Juden in körperlicher Hit») geistiger Frische seinem erhabenen Amte vor. Am 7. Noveniber 1913 schied er.aus dem Leben. Die gütige Vorsehung hatte ihm eineit ungetrübten Abend des Daseins vergönnt. Schmied! erfuhr nichts von den Greueln des Weltkrieges, aber auch nicht tooit dem daraus hervorgegangenen Abstieg seiner vielgeliebten Gemeinde. Die Wünsche der Bezirkskommissionen. In der am 25. v. M. im Sitzrmgsfaale der Wiener Kulrusgemeinde stattgehabten. Sitzung sämtlicher Bezirksvertretungell behufs Konstituierung eines Präsidiums, regte Herr H. Plafchkes im Namen der jüdischnationalen Partei an, der Vorstand möge nach dem Muster der Gemeinde Wien den Bezirkskommifsionen einen weiteren Wirkungskreis einräumen, als dies bisher der Fall gewesell, da die Bezirkskommissionen bloß die unangenehme Allsgabe der Steuereinschätzung »haben. Es ist die ulte Beschwerde, die alljährlich beim Zusammentritte der Bezirkskommissionen in deren Sitzungen erhoben wird, ohne daß den berechtigten Klagen über diesen Gegenstand Folge gegeöen wurde. Der Vorsitzende, Vizepräsident Herr K e m p l e r, nahm die gegebene Anregung zur Kenntnis und versprach, sie in einer der Vorstandssitzungen bekannt zu geben. Wir wollen 'hoffen, daß diese Angelegenheit endlich in ernste Behandlung genommen wird, denn es ist selbstverständlich, daß die Herren des Kultusvorstandes beim »besten Willen die Wünsche und Beschwerden der einzelnen Bezirke direkt kennen zu lernen außerstande sind und daß es nur durch die Zwi'scheustellen möglich ist, die jeweiligen Bedürfnisse der einzelnen Bezirke in ihrer Gänze zu erfahren. Herr Plafchkes forderte auch eine Dezentralisierung des Armenwesens, Einflußnahme der Bezirkskommifsionen auf die Arntenunterstützullg, sowie Einflußnahme auf die Mikwa und Delegierung von Bezirkskommisstonsmitglisder für den Jugendgottesdienst, damit derselbe würdiger als bisher abgehalten werde. Dazu ließe sich bemerken, daß die Frage des Jugendgottesdienstes eigentlich an erste Stelle gehört, weil er schon seit langer Zeit gänzlich vernachlässigt ist, beziehungsweise gar nicht abgehalten wird. Ueber das Kapitel der Bezirksvertretungen ließe sich ein großes Beschwerdebuch anlegen und muß gewünscht werden, daß diese Angelegenheit endlich in der Weife erledigt werde, wie es »bei den Wählen der Allgemeinheit zugesichert wurde, nämlich den Ausbau der Kultusgemeinde aiuf demokratischer Basis vorzunehmen. Herr Vizepräsident Kämpfer teilte mit, das Jahresbudget der Kultusgemeinde erfordere jährlich 40 Millionen Kronen und könne «auf dem Wege des gegenwärtigen Steuerzensus nicht hereingebracht werden, weil die Statuten nur eine Höchststeuer von 30.000 Kronen vorgesehen h>aben. Es ergebe sich deshalb die Notwendigkeit, eine Statutenänderung vorzunehmen. Nun könnte mit dieser Aenderung gleichzeitig eine solche betreffs der Institution der Bezirkskommifsionen Hand in. Hand gehen, tim lange gehegten Wünschen Rechnung zu tragen. Kooptierung in den Borstand der Wiener KultrrsAe» memde. Durch Verzicht des Herrn Hofrat Rappaport

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