Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 3 (3.2.1921)
- Date
- 1921-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 3 Leite 8 D i e Wahr heit Wahrheiten vom Tage Aus den Bergen wohnt der Antisemitismus. Die Sektion Austria des Deutschen und Oesterreichischen Alpenoer eines fand es für zeitgemäß, die republikanische Aera damit zu kennzeichnen, daß sie für ihre Jahresversammlung einen Arierpnvagraphen in Bovbereitung hatte, dessen Zweck Ausschluß der Juden von diesem auch durch Judengeld großgewvrdenen Verein sein sollte. In der am 26. v. M. abgchaltenen Versammlung unter Atitwirkung des sattsam bekannten deutschuati-onalen Amifemitensührers Richl kam es zu scharfen Konflikten, nachdem selbst gut christliche Mitglieder sich aus Airstands- und Vernunftsgründen dem Arierparagraphen widerschten. Der Ausschuß heuchelte zwar in dieser skandalösen Sache Neutralität, aber er war sicher, daß die Krawallmacher zum Rechten sehen würden, und er täuschte sich nicht. Es kam zu argen Beschimpfungen der jNdenfreundlichen Redner. Nach einer stürmischen Debatte leitete der Vorsitzende die Abstimmung über die sofortige Abhaltung der Versamm'lung. ein. Der Antrag wurde mit überwiegender Majorität zum Beschluß erhoben, desgleichen ein Antrag des Richard Weiß, den Arierantrag als ersten Punkt auf die Tagesordnung zu setzen. Vorsitzender Dr. B a u m : Ich werde soeben vevständigt, daß hiedurch eine Geiaht für die Versammlungsteilnehmer entstehen würde, da noch Hunderte von Mitgliedern in den Saal Einlaß begehren. Aus diesem Grunde kann die -heutige Versammlung nicht stattfinden und ich erkläre dieselbe für geschlossen. Die Einberufung der nächsten Versammlung tvird rechtzeitig bekanntgegeben werden. (Stürmische Protestr-ufe: Wftrmrnen!) Dr. Baum bchartte bei seiner Cnunziatioiy woraus die VersamMlungsteilnchmer unter großer Erregung den Saal verließen. Somit wäre die Sache anfgeschoibsn, aber nicht «aufgehoben. Für jeden aufrichtigen Juden, der bisher Mitglied dieses Alpen- und Antisemitenvereines war, ist es ein Gebot der Ehre, ihm den- Rücken zu kchren. Eine Ohrfeige. Der Empfänger ist der edle Gras Julius Andrassy und verabreicht ist sie ihm von der „Arbeiter-Zeitung" in der Nummer vom 20. Jänner mit einer niederschmetternden Wucht. Das genannte Blatt schreibt: Der Goas Julius Andrassy, der einst sozusagen ein liberaler Politiker war, obschon ein -ungarischer liberaler Graf nur die verschlechterte Ausgabe eines preußischen Junkers darstellt-, ist jetzt bei! der Weisheit der -allerdümmsten Bierbankp olitiker, beim Antisemitisnius, angelaugt. Er schrieb vor einiger Zeit eine -antisemitische Broschüre, die auch vom Herrn Orel (ein berüchtigter Wiener Antisemitenführer) stammen könnte. Jetzt klaubt er aus allen antisemitischen Lagern die verkrachten Desperados zusammen, hat «sich den Erwachenden Ungarn und -den parlamentarischen Vertretern der Detachements verschrieben und gründete mit diesen unsauberen Bettgenofsen eine -legitimistische Partei. Die Sehnsucht.nach einem Habsburger ist das gemeinsame Band, das den Grasen Andrassy «mit den Hängechristen und Mörderpatronen der Osten'burg verbindet. Die Grafenpartei, deren Wortführer Andvafsy ist, bietet sich den Raubrittern des weißen Schreckens «als Bu,ndesgerwsse an und ist gesonnen, «alle ihre Schandtaten auch weiterhin zu decken, wenn diese Kumpane wie chedem den Grasen ihre Unterstützung leihen, damit sie ihren Habsburger in die Ofener Burg zurückführen Wunen. Andr-assys Plan ist, wenn sich die Rückkehr Karls des Letzten als unmöglich erweisen sollte, ihn zu einem „Verzicht" zugunsten seines Sohnes zu bewegen und den Knaben Otto als König kröneil zu lassen. Die Regentschaft soll dann von Horthy, Andrassy und dem Bischof von Steinamanger, dem Grasen Mikes, ansgenbt werden. Man sicht, eine nette Gesellschaft — und im Hintergrund, als die bewaffnete Macht dieser Spießgesellen, die Mörder und Erpresser des Hotels Britannia. Die würdige und entsprechende Anhängerschaft für einen Habsburger! Enquete-Nachklänge. „Einzeln scheint jeder klug und verständig, aber sind sie versammelt — gleich wird ein Dumnikopf daraus." Wie aus die Enqueteseuche späterer Jahrhunderte ist die obige Lerne Schillers zugeschnitten. In der ersten Jännerhälfte hatten wir eine Viel-Köpf- — Viel-Unsinn-Gesellschaft, die über den Abbau der Teuerung zu. beraten hatte. Bei diesem Anlaß entwickelte Herr (Pardon! Genosse) Werner seine höchst klaren Ideen: „Wenn nicht binnen zehn Tagen von der Regierung ernste Maßnahmen -getroffen werden, «dann werden wir -alle Schieber, die wir erwischen, unbarmherzig vor der Börse a u f - h ä n g e n." Ist eine einfachere Problemlösung denkbar? Enktoeder man baut die Preise oder die Preistreiber ab. Warum -aber ansgerechnet vor der Börse? Abbau der Preise — Judenhängen vor der Börse. Die leichteste Gleichung der Weilt. Man könnte zur Entschuldiigung Wernes bemerken, er sei ein Mann der „schwieligen Faust" uNd sich nicht immer über seine Worte klar. In derselben Sitzung aber äußerte sich -Hoftat Dr. Hans Sperl: „Es sei nur „Sache des Temperaments", wie weil man dem Vorredner folgen wolle, aber in der Grundidee kann man mit ihm gchen." Also -auch eiN akademisch Gebildeter und Beamter höherer Rangklasse hätte grnMätzlich-nichts-geigen das Juderchängön. * Herr Kammerrat Ungar faßte die Sache beim -entgegengesetzten Ende an. Nicht die Reichen, sondern -die Armen verschulden die Teuerung. Er sprach von der „Hu-manitätsbestie", die Unsummen verschwende. Herr Ungar ist wohl ein Uebermensch nach Nietzsche, der die Ansicht vertritt, man müsse das Fallende stoßen, -damit es rascher zu Boden stiirze. Das jüdische Moralgesetz aber befiehlt: „Wenn dein Bruder fällt, so richte ihn auf." Hier haben wir in Wahrheit -den Gegensatz zwischen arischer und semitischer Weltanschauung. Der ewige <Ost-)Jude. In einer Zeitz in der unserem von allen guten Geistern verlassenen Oesterreich das Wasser in den Mund läuft, haben die fast Ertrinkenden keine anderen Sorgen, als nur die Ostjud-en über Bord zu werfen. Denn diese allein sind nach Auffassung wortführender offener und verkappter Antisemiten aller Uebel Wurzel und Ursache. Lebensmittelverteuerung — Ostjude. Wohnungsnot — Ostjude. Und so weiter, für jedes Ungemach die ostjüdische Gleichung. Die ist bekanntlich! auch! parlamentsfähig geworden. Der unaussprechliche I e r z a b e k, der niemals fehlt, wenn es heißt „Gegen die Juden!", ließ im Budgetausschuß des Nationalrates wieder sein trübes Geisteslicht flattern und rechnete von den 1.3 Millionen Einwohnern Wiens 350.000 einem Stamme an, der im Kriege nach Wien gekommen ist. Wenn man diese unerwünschten Elemente sofort entfernen würde, gäbe es keine Wohnungsnot. In das gleiche Horn stieß auch Herr B aug o i n. Der Herr Bundeskanzler würde eigens herbeigeh olt, nm sich in dieser Frage zu äußern. Er tat es in einer Weise, daß mauihm nicht vorwersen kann, er habe so oder so gesagt. Seine Orakelsprüche lauteten: „Die Schwierigkeiten bei der Ausweisung der Ostjuden liegen vor allem in den Bestimmungen des Friedensvertrages, ' der den Minderheitsschutz in eingebender Weise vorsieht.