Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 2 (20.1.1921)
- Date
- 1921-01-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 10 Dis Wahrheit Nr. 2 weihten und zerstörten und maßlose Trauer bei der ge-. samten Judenheit auslösten. Nach den unabänderlichen Satzungen müssen solcherart entweihte Heiligtümer, als ob es -sich um teuere Verstorbene handelte, in der Friedhofserde gewissermaßen zur ewigen Ruhe bestattet werden. So Hut auf dem «alten jüdischen Friedhof in Prag die Beerdigung der am 16. November 1920 von Exzedenten zerrissenen und entweihten Thorarollen stattgesunden. Diie eigenartige Feier hat eine einzigartige Wirkung gehabt: Es kamen Leute «us Prag und sogar vom Lande zur israelitischen Beerdigungsbrüderschaft, um weitere Teile der beiden Demonstrationen am 16. November 1920 vernichteten Thora zurückzuerstatten. Sie erklären, daß sie entweder von der Menge in die Synagoge mitgerissen worden waren oder daß ihre Kinder die hebräisch beschriebenen Pergam-entfetzen nach Hause gebracht hätten; ursprünglich hätten sie sie als Andenkem 'behalten wollen, seien aber durch die Ankündigung von der pietätvollen Bestattung dazu veranlaßt worden, sie zurückzuerstatten. Beim Oberrabbiner Dr. Br -ody wurden eine Reihe von Schriften, die am 16. November aus dem Archiv geraubt worden waren, zurückgegeben; es sind zum Teil aktuell wichtige Schriftstücke, teils auf die in Kraft befindlichen Stiftungen des sagenhaften Primators Mordechai Weisels (dessen Person auch, von Alois Jirasek dichterisch behandelt wurde) bezüglich, teils Mten von nunmehr historischem Wer^. Sie befinden sich in ziemlich unversehrtem Zustande. Nach der rituellen Vorschrift sollen unbrauchbar gewordene Teile der Thora „für -ewige Zeiten" erhalten bleiben. Deshalb wurde das „Grab" für die Beerdigung zementiert und aus diesen Z-ementboden wurde die.Betonrolle nlit Pergamentresten belegt, über der wieder eine Zemeutdecke -errichtet wird, so daß das Eindringen von Feuchtigkeit unmöglich wird. Altem Gebrauch gemäß erfolgt die Beisetzung solcher gottesdienstlicher Gegenstände in der Nähr des Grabes eines besonders Frommen. So wurde für den jetzigen Anlaß der Raum in der Nähe des Grabmales des Rabbi Meier Fischei ausgehoben. Diese Bestattung von Reliquien ist nicht die erste, die nach Prager Sturmitagen vorgenomtmen wird, allerdings sind seit dem letzten Begräbnis dieser Art auf demselben Friedhofe 182 Jahre vergangen. Im Jahre 1739 drang der Pöbel in die Judenstadt ein und verwüstete unter anderen Synagogen auch die Gräber der schon damals alten JudenftiÄchoses in der Nähe der Altneusynagoge. Einhundertzweiundachzig Jahre sind spurlos an der „tschechischen Kultur" vobeigegangen oder konnten sie nicht zur Reife der Humanität bringen, die einen Rückfall in die Finsternis der mittelalterlichen Barbarei verhindert. Wie haben sie es trotz Republik und Demokratie so herrlich weit gerächt! , Das Schicksal der Baton Hirsch-Schulstiftung in Galizien. In einem „Brief aus Kleinpolen" beschäftigt sich Dr. M. Sinrson in der „Hazefirah" mit dem Schicksal der Baron Hrrschschen Schulstistung für Galizien. Bekanntlich hat Baron Hirsch, bevor er noch die „Jca" ins Leben gerufen hatte, eine Schulstistung für Galizien mit dem Betröge von zwölf Millionen Kronen -gegründet. Diese Stiftung hatte in erster Reihe den Zweck, den galizischen Inden, welche zu jener Zeit ihre Kinder nicht gern in die Volksschule schickten, Volksschulunterricht und für die Mädchen Handfertigkeitsunterricht zn bieten. Es wurden tatsächlich in Galizien und in der Bukowina fünfzig Schulen errichtet und besondere Kurse für Mädchen ins Leben gerufen. Die Knaben wurven nach Beendigung der Volksschule entweder zu Gewerbetreibenden in die Lchre gegeben oder aus die Ackerbaukolonie in Globodka gebracht, um in die Landwirtschaft eingeführt zu werden. In den letzten Jahren wurde eine Schule nach der anderen geschloffen mit der Begründung, daß die betreffende Schule in dem Orte ihre Mission erfüllt habe, da die jüdischen Kinder sich bereits an den normalen Schulbesuch gewöhnt hätten. Die durch die Auflassung -solcher Schulen freigewordenen Beträge wunden zur Aufbesserung der Bezüge der Lehrer oder zur Errichtung von ständigen Schulhäusern Nsw. verwendet. Nun ist die ganze Baron. Hirsch-Schulstiftung in eine katastrophale Lage geraten. Das Kuratorium hat, wie Dr. Simson seststellt, das gesamte Stiftungsvermögen in verschiedenen österreichischen Kriegsanleihen angelegt, - deren Wert -oder Wertlosigkeit bekannt ist. Sämtliche Schulen der Stiftung -wurden geschloffen, die Lehrer sind förmlich subsistenzlos geworden und die armen Schulkinder, welche aus den Mitteln der der Schulstiftung cmgegliederten Baronin Hirsch-Stiftung bekleidet wurden, müssen jetzt dieser Unterstützung entbehren, obgleich sie gerade jetzt auf sie «am meisten angewiesen wären. Auch die jüdischen Mädchen haben ihre Kurse nicht mehr. Dr. Simson gibt der Befürchtung Ausdruck, daß die Baron Hirsch- Schulftistung für immer als verloren zu betrachten sei. Jedenfalls wäre es nicht ohne Interesse, zu erfahren, wie es eigentlich um diese Schulstistung steht, welche Einkünfte sie noch hat und wozu diese verwendet werden. Hoffentlich wird das Interesse, das -auch weitere Kreise für diese Angelegenheit mAnspruch nimmt, nicht unbeachtet bleiben. Abschiedsfeier. Oberkantor A. T o n k o n o g t vom Hietzinger Tempel folgte einer Berufung in her gleichen Funktion nach Chicago. Aus diesem' Anlässe wurde ihm in Würdigung feiner Leistungen und Anerkennung seines vortrefflichen Wirkens vergangenen Samstag im Tempel seitens des Tempelvorstandes. eine herzliche Abschiedsfeier bereitet. Kultusvorsteher Herr Direktor S. Kre nb e r g e r als Obmann des Hietzinger TempelvereiNes hat dem Scheidenden in einer tiefergveifenden Rede den Dank der Hietzinger Tempelgemeinde ausgedrückt nnd die besten Wünsche für die Zukunft sowohl für ihn als für seine Familie mit den herzlichsten Worten verdolmetschte. Beim Ausrufe zur Thora wetteiferten alle Mitglieder des Vorstandes in bedeutenden Spenden für den beliebten Oberkantor, ' der in einem selbstverfaßten Mischebevach feinen" Gefühlen des Dankes und der Verehrung für die Herren Dr. S. Krenberger, Dr. H. K u n e r, Fr-anz W e i ß, I. L ö w y und R i t t e r m a n n, sowie für allen Herren des Vorstandes nebst ihren Damen Ausdruck gab. Die Abschiedsfeier machte aus alle Anwesenden einen tiefen, unvergeßlichen Eindruck. ~ Eröffnung eines neuen Kinderheims in Hacking. Der „Wiener Frauenverein zum Schutze armer,. verlassener Kinder", der aus dem Hietzinger Frauenverein hervorge- , gangen ist und an dessen Spitze seit elf Jahren die Damen Laura Krenberger und Hermine Bernfeld, beide hochverdient in der Kinderfürsorge, stehen, hat in Hacking, Auhofstraße 222, ein Haus erworben und es «durch Baumeister Philipp Dtttel adaptieren lassen. Ein englischer Kaufmann, Mr. Habworth, die schwedische Vereinigung „Rädda Barnen", Wiener Gönner und Freunde beider Geschlechter haben beigetvagen, daß der Frauenverein das Haus erwerben und aus der Mietwohnung am Esteplatz die' Mädchen, 40 an Zahl, ins neue Heim überführen konnte. Die Fürsorge für die Kinder, denen ein Elternteil oder beide fehlen, ist die Aufgabe des Vereines. Er erfüllt Je dadurch, daß er Kinder, Knaben und Mädchen, in Pflegschaft