Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 2 (20.1.1921)
- Date
- 1921-01-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr . 2 Die Wahrheit Gerte 9 eine „Jüdische Tischgesellschaft". Stemm Kiese Tischgesell- I schast Ken Tisch gerade in einem der antisemitischesten Wirtshäuser deckt, das mögen die Inden wissen, die ihr angehören. Es sei «uns nur vergönnt, eine Geschmacksverirrung der obgencmnten „Mischen" Tischgesellschaft zu kritisieren. Allwöchentlich ladet diese mittels Verlautbarung in der „Wiener Movgmzeitung" jüdische Gäste zu Borträgen jüdischen Inhalts ein. In der ersten Jännerwoche war ein Vortrag des Rabbiners B a ch über das Thema „Eine Wanderung durch die Mische Geschichte" an gekündigt. Wir waren nun der Meinung, daß Thema unb Vortragende Garantie genug dafür -bieten, daß wir uns in einer gut Mischen Gesellschaft befinden. In der Tat freuten wir uns aufrichtig, der Einladung zum ersten Male Folge geleistet zu haben, denn der vom Mischen Geiste dürchtränkte Vortrag war ungemein interessant und rief bei den zahlreich erschienenen Zuhörern große Begeisterung hervor. Die Beifallskundgebungen zeigten, daß für jüdische Vorträge auch ibie Juden in der Schlösselgasse sich begeistern können und man sich nicht erst solche aus der Zirkusgasse oder Daborstraße ansborgen muß. Was aber dann folgte, spottet jeder Beschreibung. Am Podium tauchte ein kleines Mäderl cuuf — es dürfte 9 oder 10 Jahre alt sein —, mit einer kleinen Geige in der Linken und einen Bogen -in der Rechten und geigte darauf los, wohl nicht lange, dafür aber herzlich schlecht. Als sich der Beifall — wahrscheinlich für die nicht allzulange Belästigung nicht legen wollte, entschloß sich die Heine Künstlerin zu einer Zugabe in Form einer Deklamation eines Gedichtes, das selbst für Herrn Eifenbach gefährlich werden'könnte, dg sich die Besucher des „Max und Moritz" nicht so ohne weiters eine derartige Verspottung würden bieten lassen. Das Gedicht tontet etwa folgendermaßen: „Schalles nachts sitzt beim Tisch Familie Kohn bei die Fisch. Tate! sogt der kleine Moritz, Weißt de, was jech hob gesehn Bei dem Bäcker Franz Kaporis E Pferd beim Wagen draußen steh'n. Lange Ohren Hot das Pferd, Große Lippen und e Noos. Zach lli'tt dich, Tate, was is wert E so a Eh che, wie viel Moos? Moritzleben, >rgt der Tate, Du nur st haben wohl e Toes, 's is kein Pfevd, was is gestanden Bor dem Bäcker Franz sein Haus. Lange Ohren, größt?'Lippen Und die Noosen . . .-Moritz nein, 's awa de auch kein Ochs nit, Das wird wohl ein Esel sein. Tateleben, sogt der Moritz, Bist gescheit und fesch dazu, Denn das Tier beim Bäck Kaporis Hot e Ponim — grod wie du . . .!" Wir haben uns diese Literaturauslese hier niederzuschreillen erlaubt und bitten den hochbegabten Autor um Verzeihung, sollten wir den genauen Wortlaut.nicht wiedergegeben haben, denn so leicht ist es nicht, vom einmaligen Hören etwas zu rekapitulieren. Für den Inhalt jedoch stehen wir ein nub überlassen das weitere Urteil über solche - Geschmacksverirrungen bei sogenannten „Mischen" — in Wahrheit jüdischnationalen — Veranstaltungen der breiten Oeffentlichkeit, wobei nur noch zu bemerken ist, daß solche Vorfälle durchaus nicht als Einzelerscheinungen aufgefaßt werden dürfen. - ~ Josef Grob. Kern Mischer Weltkongreß! Herr Abraham Schomer genießt den Ruf eines sehr achtenswerten jüdischen Dichters, was aber keinesfalls bedingt, daß er sich auf reale Dmge versteht. Im Gegenteil, Poeten sind meist schlechte Politiker. Gabriele d'Anmmzio ist sehr wahrscheinlich ein bedeutenderer Dichter als sein oben genannter Mischer Kollege und hat doch mit seiner eigenmächtigen Behandlung der Fiumaner Frage Italien die größten Schwierigkeiten und Verlegenheiten gebracht. Wenn nun Herr Abraham Schomer sich mit dem Plan der Einberusimg eines jüdischen Weltkongresses trägt,, so wird er sich schon gefallen lasten müsten, daß ihm von berufener Seite vorgeworfen werde, daß er mit dem Feuer spiele. In einer jedermann, hoffentlich auch Herrn Schomer, überzeugenden Weise bekämpft der gelehrte, gesinnungstreue Rabbiner Dr. D r a ch m a n n die Idee des jüdischen Weltkongrestes, der nur jener^ in >die Hönde arbeiten würde, die das Gerücht verbreiten, die Juden streben einen internationalen Verband zur Unterjochung der Christen an. Der Standpunkt Dr. Drachmanns wird von den m-eisten jüdischen Blättern unbedingt geteilt. Der Leopoldftädter Tempel — wird gebaut! Diesmal ist es keine Ironie, kein Traum, keine leere Forderung! Es ist die Wahrheit: der Tempel wird gebaut. Die Arbeiten beginnen am 17. d. M. So lautet Ne strikte Vereinbarung des Kultusvorstandes mit der Baufirma Korn. Anfängen! Das war das Ceterum cenfeo der in unserer vorigen Nummer veröffentlichten Rede des Herrn Rabbiners Dr. G r u n w a l d, der die Angelegenheit «des Tempelbanes ohne Selbstschonung mit nicht zu übevbietender Energie betrieben hat und darin von dem rührigen Tempelbau-Komitee unter Leitung -des Herrn Doktor T h a l e r kräftig unterstützt wurde. Und mm wird wirklich angefangen. Ein Mann der entschlossenen Tat, ein Jude, der den Zustand unseres größten Gotteshauses als Chukul baschem empfand, Herr Banrat KemPler, Vizepräsident . des Kultusvorftandes, hat Mittel und Wege entdeckt, «dieser Schande ein En.de zu bereiten. In Herrn Zentraldirektor P. G o l d st e i n von der Allgemeinen Depositenbank, der übrigens Herrn Dr. G r u n w a l d auch einen hohen Betrag für den Tempelbau gespendet hat, fand die bewundernswerte Umsicht und Tatkraft des Herrn Bauvat K e m p l e r den Mann, der in großzügiger, von trenjüdischen Empfinden eingegebener Weise die finanzielle Seite des Unternehmens zu sichern sich erbötig zeigte. Dank, tausend Dank diesen Wackeren, die eine heiße Sehnsucht so vieler Wiener Inden der Erfüllung zugeführt haben! Besonderen Dank auch unserem neuen Kultusvorstand, der mit dieser Tar beweist, daß wir von ihm vielleicht noch viel Erfreuliches zu erwarten haben. Für das Tempelbau-Komitee muß aber die Losung lauten: Mil frischem Mut wieder an die Samm'elarbeit, damit die Geldmittel, die für den Anfang reichen, auch für die Fortsetzung des Baues rechtzeitig zur Stelle sind! Thorarollenbegräbms in Prag. Würde uns ein Blick .aus den Kalender nicht darüber vergewissert haben, «daß wir nach moderner Zeitrechnung das „Jahr «des Heils" 1921 schreiben, dnv ties schmerzlich ergreifendes Geschehen aus den Gegenwartstagen Prags könnte uns in die grausigsten mittelallerlichen Iudenverfolgungszustände zurückgeworfen wähnen, die ihr blindwütiges Toben nicht nur an den Judenleibern, sondern auch an ihren Heiligtümern befriedigte. Erft zwei «MonaSte sind >es her, seitdem die tschechischen -Legionäre in Prag -ihr tempelschänderisches Unwesen trieben, uralte Thoraroüen ent-