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Die Wahrheit · 1921-01-20 · Heft 2 (20.1.1921) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 2 (20.1.1921)
Date
1921-01-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2 Hi» Wahrheit Seile 7 UW Wahrheiten vom Tage wm Die Bilanz des schrecklichen Jahres. Unter diesem Titel veröffentlicht «der „E gy,enlös 6 g", dessen orerzigjähviges Beftandjubiläum sich «dieser Tage vollzogen hat, .das treffliche Blatt zur Vertretung «des Judentums, einen anfschenerregenden Artikel des Abgeordneten Paul S a w d io r, dessen unerschrockene Reden -als Vovkämpser für Freiheit und Recht allgemein bekannt sind. Paul Sandor richtet in diesem Artikel einen Appell an seine jüdischen Glaubensgenossen, tote er mannhafter und freimütiger noch nicht vernommen touvde. Was in dieser Anklageschrift wenn auch nur einem kleinen Teil des ungarischen Jndentums wie in einem Spiegel vor Augen gehalten wird, damit es sein Zerrbild erkenne, hat begreiflich Sensation hervorgerufen und verdient sestgä) alten zu werden. Wir bescheiden uns, kn Rahmen des uns knapp bemessenen Raumes, nur die markantesten Stellen «des Aussatzes in freier Uebevsetzung .wiederzugeben. Nach kaufmännischer Gepflogenheit, am Ende eines Jahres mit dom Soll und Haben die Bilanz zu ziehen, betrachtet auch Paul Sandor die politischen Ergebnisse des vorigen Jahres vom jüdisch-moralischen Gesichtspunkte und konstatiert, daß es des Schrecklichsten in reicher Fülle gebracht. Mit der Feststellung dieser Tatsache darf es aber nicht sein Bewenden haben.' Es obliegt uns Juden, Einkehr in uns selbst zn halten, die eigenen Fehler und Sünden zu erkennen, durch welche wir d«as «Schicksal gegen uns herausgefordert. Hier trifft die Schuld vor «allem jene Klasse, die sich zum Kultus des goldenen Kalbes bekennt, «die in maßloser Gier und' Jagd nach Geld die jüdisch-ethischen Grundsätze, die traditionellen Tugenden der Vergangenheit, «die Moral und Sitten der Väter verleugnet hat. Daß auch im Kreise der Andersgläubigen in ähnlicher Werse gesündigt wurde, kann die Juden nicht entschuldigen. Eine Gruppe pflichtvergessener Judkn hat eben vergessen, daß -der Einzelrnensch und die menschliche Gesellschaft von einer höheren Warte zu beurteilen ist. Ihr, meine jüdischen Glaubensbrüdsr, dürft daher uie vergessen, daß euer Leben, euer ganzer Wandel tadellos, beispielgebend sein muß. Daß ihr in Fleiß, Ehrlichkeit, Wissen, Patriotismus leuchtende Muster sein sollt. Ihr dürft ferner nicht vergessen, daß die Ausschreitungen der wenigen unter euch auf das Schuldkonto der «gesamten Judenheit^gesetzt werden. Habt ihr, rasch und mühelos reich geworden, auch bedacht, was es für Folgen hat, was ihr heraufbeschwört, wenn ihr herausfordernd im Auto fahrt, das Geld sinnlos vergeudet, die Bars und sonstigen Nachtlokale füllt, wenn ihr es billigt oder gar veranlaßt, daß eure Frauen durch Prunken mit überladenem Schmuck den Reichtum ihrer Männer zur Schau trägen und dadurch Neid und Haß gegen euch erregen. Glaubt i«hr, sogenannte „H e r r e n" und „Barritter", daß euer schändliches Treiben unbeobachtet bleibt und daß als Folge dessen der Vorwurf nicht alle Juden trifft? Gerade die Aermsten leiden darunter! — Dieser flammenden Strafpredigt Paul Sandors müssen wir beifügen, daß sie leider nicht Es das Häuflein jüdischer Budapester Schieber und Spekulanten altem, sondern auch auf Wiener Typen ähnlicher Qualität Paßt, die unser ehrenfestes Judentum diskreditieren. Denn die bekannten demagogischen Hetzer von der Klasse Kunschak und Konsorten, die auf ihren- Steckenpferden der „Judenherrschaft" henrmreiten, haben sich dieselben Stammgäste der Bars und heimlichen Lasterstätten, wie sie Paul «Sandor brandmarkt, zum Anlaß aufreizender Reden genommen. Leider wirst der nrteillose Mob alles, was Jude heißt, in einen Topf «und so gewinnt die Ostjudenfrage jenen Nährboden, dem die Gistblüten des Antisemitismus entsprießen. Eine Wahrheit, die von den ärmsten Juden am schmerzlichftett empfunden wird. Unerquickliches aus dem Heiligen Lande. Was stets mit Besorgnis erwartet wurde, die Konflikte zwischen den gesetzestreuen Juden und den „aufgeklärten" Zionisten, ist schon mehrfach zur bedauerlichen Tatsache geworden. Die Streitigkeiten der Parteien beschäftigen nicht nur die Oeffentlichkeit Palästinas, sondern «beunruhigen auch die. Judenschaft in den Galuthländern. Es wird die berechtigte Frage laut, was daraus werden soll, wenn nationale und religiöse Momente so hart aufeinander stoßen, wie es bereits der Fall war. Namentlich in der letzten Zeit kam es an mehreren Orten der gepriesenen Heimstätte unter den feindlichen Brüdern der eingewanderten Judenschaft zu mehr oder weniger heftigen Unstimmigkeiten. So sträubten. sich die Orthodoxen gegen die im Spiltal «der jüdisch-amerikanischen Gesellschaft von den Aerzten vorgenommenen Leichensektionen, wegen der Oberrabbiuer Sonnenfeld scharfen Protest erhob, der ohne Erfolg blieb, weil den inodernwissenschaftlichen Amerikanern die Erforschung der Krankheiten höher steht als die verletzte Empfindlichkeit der Strenggläubigen. Zu-deren großen Schmerzen gehört es auch, daß am Samstag für die Chalnzim frisch gekocht wird. Auf einen diesbezüglichen Vorhalt entschuldigte sich die Küchenleitung mit dem klassischen Bescheid, daß es mit der Säbathentweihung durch Kochen wenig auf sich habe, nachdem das verwendete Fleisch ohnedies — nicht koscher sei! Eine Gesetzesübertretung mehr, darauf kommt es den echt Jüdischnationalen nicht mehr an. Solche Zustände begegnen bei den Gesetzestreuen heftiger Entrüstung, die in vielen Proteftversammlungen stürmischen Ausdruck findet. Aber selbst diese Abwehraktion ist Ausgangspunkt neuer Reibungen, wobei die „Sprachenfrage" eine Rolle spielt. Die Jüdischnationalen nämlich, die sich aus den Geboten der Thora so wenig machen, fordern gleichwohl, daß in Versammlungen «die Ursprache der Heiligen Schrift gesprochen werde und wollen „J-iddisch" nicht zulassen. Es sollte uns nicht wundern, wenn bei derartigen Streitigkeiten Austritte nach berühmten mitteleuropäischen Wähler- Versammlungen vorkämen. Ziemlich dunkel und «der Aufklärung bedürftig ist die «in einer solchen wildbewegten Versammlung gefaßte Resolution, „die gesamte Judenheit müsse erfahren, zu welchem Zwecke die Gelder verwendet werden, die man zum Besten des Heiligen Landes dem zionistischen Waad hazirim in «die Hand gebe." Ja, wie aber soll es die gesamte I u d e n s ch a f t erfahren, wenn die Protestler nur -durch die B l «n m e und mit verschleierter Stimme sprechen, anstatt die volle und ganze Wa h x? heit zu sagen? - Eine Mogelei auf gut deutsch. Aus München wird ein Histörchen gemeldet, das an sich recht luftig ist, aber durch die Moral, die ihm zugrunde liegt, fiir «den Helden traurig «beschämend annrutet. Der Herausgeber der dortigen antisemitischen Wochenschrift „Ans gut deutsch", Dietrich Eckart, hatte in seiner Zeitung einen Preis von 1000 Mark für den Nachweis «ansgesetzt, daß eine jüdische Familie während des Krieges drei Wochen lang auch nur drei Söhne beiin kämpfenden Teil einer Truppe oder im Schützengraben gehabt habe. Rabbiner Dr. Freund in Hannover legte daraufhin Eckert eine Liste von zwanzig Familien seiner Gemeinde vor, auf die diese Voraussetzungen zutrasen, und stellte, «da der getreue Eckart wohl ein begeisterter Freund

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