Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 2 (20.1.1921)
- Date
- 1921-01-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sendling Des „N. W. I." auch mit der Versicherung, daß Palästina« nicht nur ein Agrarland sei, sondern mannigfache Jndnstriemöglichkeiten biete. Seine Zuknnfsschildernngen zeigen eine starke Anleihe bei Theodor H e r z l s Roman „Alt-Neuland". Nun *nr .Herzl ein idealer Träumer, der seine visionäre Dichtung nach dem Muster Bellrunys geschrieben hat. Er nimmt für den innerpolitischen Anstand Palästinas das Jahr 1922 an; man wird sich also sehr beeilen müsien, lueiiit bis dahin Herzl und Dr. Chajes recht behalten sollen. Bei dem Erstgenannten finden wir die holde Schwärmerei durch seine ganze Wesensart gegeben. Dr. Chajes aber führt den Kampf notgedrungen. Es steigt bei ihm oft sozusagen ein pflichtgemäßer Optimismus auf, daß die eigene Leidenschaft für die Palästinafrage sich auch jener bemächtige, die noch nicht von ihr ergriffen sind, damit er nicht Gefahr laufe, daß ein Erlöschen dieser Flamme zur Tatsache werde. Denn daß sich ein Abschwenken von der blau-weißen Fahne mit dem Mogen-Dawidsdild vollzieht, kann nicht in Abrede gestellt werden und wird klar ersichtlich, wenn wir die bemerkenswerten Warnungen Israel Z a n g w i l l s vernehmen, die er durch das „Jewish Ehronicle" in alle Welt hinausruft und von denen wir einige 'übernehmen. In der. Hm eigenen Art «der klaren, logischen Beweisführung, der schonungslosen Folgerungen bringt ZangwW überzeugende Beweise für die Gefährlichkeit der gegenwärtigen Pa lästiNabewegung. Die ganze Schärfe des Sarkasmus gießt er über die Fehler und Irrungen der nationaljüdischen Führer, die er als politische Agenten bezeichnet. Das «begeisterte Lob, das Herr Dr. Chajes dem jüdischen Gouverneur (High Commissioner) Palästinas spendet, wird von Zangwill keineswegs geteilt. Er vertritt vielmehr die Anschauung, Herbert Samuel werde in seiner Amtstätigkeit vor -allem Engländer sein, wie er es früher auf seinem Posten als englischer Minister des Innern gewesen. Den Zusammenbruch des politischen Zionismus kennzeichne nichts deutlicher, als daß die vielgeschmähten „Kahäljuden" mit ihrem nie versagenden Wohltätigkeitssinn der Sache beispringen, damit der verfahrene Karren Halbwegs aus dom Kot gezogen werde. Zangwill stellt dann einen trefflichen, geistvollen Vergleich Zwischen der jetzigen Rückkehr Israels nach Palästina und jener unter Cyrus an, der anstatt vieler schöner Worte die erlösende Tat setzte, die damalige nationale Frage im Lande dadurch erledigt, daß er die heimkehrenden Juden nicht bloß zu Besitzern, sondern auch zu alleinigen Herren des Landes machte, ohne eine politische Konjunktur abzuwarten, ohne ihnen persische Gesetze öder persische Verwaltungsnormen vorzufchreiben. Die Juden konnten sich damals, von keiner persischen Bürokratie behindert oder beeinflußt, vollkommen der Selbstregierung erfreuen. Der tiefe Sinn dieser Parallele -beinhaltet eine, scharfe Kritik des englischen „Protektorats" in Palästina und Ausblicke in die Zukunft der Inden in ihrer Heimstätte. Nachdrücklicher in seinem. Urteil über, den vorgeschützten englischen Idealismus in der Heimstättenfrage wird Zangwill in der Auseinandersetzung der Begriffe: -Palästina als jüdische Heimstätte und jüdischnationale Heimstätte in Palästina. Es sei deshalb einer Gotteslästerung gleichzuachten, wenn in den Bethänsern wegen eines „jüdischen Staates" Hallel gesungen wird. Es sei überhaupt noch ganz ungeklärt, welcher Nation die eingewanderten Inder: in Palästina sein würden, da in diesen Belangen chaotische Zustände «herrschen. Es könnte sich leicht ereignen, daß ein jüdischer Heimstättler bald als Engländer, bald als Asiate behandelt werde. , All das bedeute aber noch ein Kinderspiel gegenüber den schrecklichen Komplikationen, die im Falle des Kriegsausbruches drohen. Im Falle eines Krieges zwischen England .und einem Staate, wo Inden wohnen, körme für diese die Sache gefährlich werden. . Noch zweifelhafter sei die Lage der palästinensischen Juden im Falle eines Krieges zwischen England und irgendeinem Staate. Beispielsweise in einen! Kriege zwischen Frankreich und England, werden sich da nicht, fragt Zangwill, die Inden Palästinas mit den Inden des benachbarten französischen Syrien schlagen müsien und werden sich nicht in s o l ch einem kr: tisch en F all e die Arab er beider Länder. vDrei n i g e n und die Inden vernichte n? Welch ein himmelschreiender Unterschied zwischen der Perspektive, die Dr. Ch>ajes den Palästinawanderern eröffnet, und der Hölle, die unter gewissen Umständen den glaubensseligen Heimstättenjuden in: Lande der Ver» heißung droht. Zangwill ist aber nicht der Geist, der stets verneinte. Er bringt auch in der Golusfvage, um hier den Juden in ihrer entsetzlichen Bedrängnis^zu helfen, positive Vorschläge: Für die Juden Osteuropas, sagt Zangwill, sei immerhin die Emigration nötig, und weil sie Palästina nicht anfnehmen kann, müsien sie den alten Weg — nach New 2)orf —, den sich der Instinkt der jüdischen Massen selbst ausgefunden hat, einschlagen. Die Steine Palästinas seien zwar heilig, doch die Masie benötige Brot und könne sich von ihnen nicht ernähren. Wir stünden jetzt, meint Zangwill, vor einer Alternative: entweder Zentraleuropa werde sich beruhigen und es werde die Möglichkeit für Sicherheit des Lebens und Wohlstandes geschaffen werden, wovon Merdings einstweilen keine Spur vorh-anden ist, oder Rußland werde ein konstitutionelles Land ohne Reaktion werden, dann werde es für die Massen in Polen ein stärkerer Magnet sein als Amerika; in diesen: Falle werde.auch' Amerika seine Einwanderui'gsgesetze freier machen und wieder die alte Zufluchtsstätte für die jüdischen Heimatlosen werden. 0