Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1921-01-20 · Heft 2 (20.1.1921) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 2 (20.1.1921)
Date
1921-01-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063903-3063905--11146-3078533
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. S Seite 5 Die Wahrheit „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott", und ferner „an den Ewigen sollt ihr euch anschließen", d. h. wie Maimouides erklärt, „schließe dich seinen Eigenschaften an; wie Gott gnädig ist, so sei auch du gnädig, wie Er barmherzig ist, so sei -auch du barmherzig." (Maim., Von den Sitten, Kap. I, Talm., .Sota 14, 1.) Für die Völker des Heidentums jedoch, denen ein unsichtbarer, unkörperlicher Gott unbegreiflich erschien, war es eine Wohltat, daß ihnen ein M e n s ch als Vorbild und Ideal gegeben ward. Und wer erscheint in beit neutestamentlichen Schriften als Inbegriff des Bösen? Oh, Quelle des Hasses und der Rachsucht, ^>ie unter den Nationen der christlichen Welt Jahrhunderte hindurch die Herzen gegen Juden und gegen alles Jüdische erfüllt hat! — Als Inbegriff des Bösen erscheinen im neuem Testamente die Gegner Jesus — die Juden. Und so kommt es, daß der Jude, wenn auch der christliche Prediger noch so liebevoll und tolerant spricht, immer von Jugend auf bleibt — der Frevler, das Böse. Diese Animosität, diese Idiosynkrasie gegen Juden und Judentum hat uns Verdächtigungen und Verunglimpfungen zugezogen, unter denen wir schon mehr denn 1900 Jahre leiden und die wir mit Geduld und mit dem Bewußtsein, daß wir ungerecht leiden, ertrage», — besser Unrecht leiden als Unrecht tun, oder wie der Talmud sagt: „Die gekränkt werden und nicht wieder kränken, die sich schnrähsrr hören; aber nicht wieder schmähen/ die nur a u s Liebe alles tun und in Leiden sich freue n, von diesen heißt es: Die Freunde Gottes leuchten wie die Sonne, wenn sie aufgeht in ihrer Herrlichkeit." (Sabb. 88, 2.) In der Minorität ausharren, mit Geduld und Gottvertrauen alle Leiden ertragen, unsere Kinder mit dem Geiste dieses Mutes und dieser Lekdensstärke zu erfüllen: das sei a l l e i n unsere Aufgabe. Zwei Kundgebungen zur Paiastinabewegung. ' ' Einer Gepflogenheit der Wiener Tageszeitungen entsprechend, die in ihren Weihnachtsnummern den Lesern Aussprüche namhafter Persönlichkeiten -als Festgabe bieten, brachte das „Nene Wiener Journal" unter anderem auch ein Gespräch mit Oberrabbmer Dr. Chaies über die Auswanderung nach Palästina. Während derartige Aeußerungen stets mit dem Namen des Reporters gezeichnet werden, hüllt sich der Ausfvager des Dr. Chajes in das Dunkel dreier Punkte, so daß man nicht weiß, wo der eigene Senf des Reporters endet und die Ansichten des Herrn Oberrabbiners beginnen. Wir halten uns deshalb nur an jenen Teil des Aufsatzes, der zwischen Anführungszeichen gebracht wurde und Anlaß zu freier Kritik bietet. Dr. (5Hajes erwähnt zunächst die Eimoanderung. Intellektuelle, die — angeblich — voll Enthusiasmus nach Palästina fahren, werben znm Straßenbau verwendet. Ob die Begeisterung der Studenten nicht rasch aufhört, wenn sie sehen, daß sie zum Straßenbau aufgeboten werden? Indessen ist für andere, die >auf eigenes Risiko die Reise ins heilige Land unternehmen, dieses Risiko sehr kostspielig, da die englische Regierung nur im Falle eines hinreichenden Vermögens die Eiureissbewilligung gibt, nachdem die Kosten für den einsachsten Lebensunterhalt in Palästina mindestens X 50.009.— monatlich erfordern. Dr. Chaies ist indessen zuversichtlich betreffs des Gelingens des Aufbaues Palästinas, denn die wichtigen Geldmittel sind auf dem Wege; für den Nationalfonds, der zehn Millionen englische Pfund stark sein muß, hat der Londoner Rothschild allein 400.000 Pfund gezeichnet. Hoffentlich ist der kleine Rest von etwas über 91/2 Millionen Pfund bald aufgebracht. Dr. Chajes erfreut den Der übernächtige Wirt fragte die Passagiere nach ihren Wünschen. „Was gibt's denn bei Euch zum Essen?" fragten diese. Er meinte: „Man könnte Rossel-Suppe (rote Rüben) und Rindfleisch zubewiten. Die Pferde müssen ja ohnehin geifüttert werden und bis dahin ist das Essen fertig!" — „Also macht Rosselsuppe mit Rindfleisch!" hieß es unisonm Da gegen hialb 7 Uhr früh erst das Essen serviert wurde, sagte ein Witzbold: „Wirt, schließt gut die Fensterläden, daß uns nicht der zehnte Tsbet in idie Schüssel guckt!" — Diese Begebenheit wurde dem Stadtmaggid von Kolwarja mitgeteilt und die nächste Strafpredigt hatte beiläusig folgenden Sinn: „Wer darf besteigen den Berg des Herrn, wer stehen an heiligster Stätte? Der Mann reiner Hände und lauteren Herzens! Ja, schwer ist das Besteigen des Berges zum Frommen und Hehren, dem Pilger brechen schier die Knochen! . . . Entbehrung, Entsagung und Kasteiung sind die Grundbedingungen für die Frommen zur Erreichung höchster Ziele. Mästung des Leibes verlangten die Lüsternen in der Wüste. Ein Tag Fasten ist bei einem frommen Juden keine große Aufgabe und wäre der Grund noch so unbedeutend. Ein Jude kasteit seinen Leib und schlägt sich auf die Brust — „Chotossi!" rufend — und der Herr vergibt chm alle Sünden. Je mehr er sich auf Erden kasteit, desto mehr nähert er sich den: ewigen und dem seligen Leben. Jawohl, alle Juden haben Anteil am seligen Sein! Aber es gibt schon einen Unterschied! — Dereinst sitzen die Frommen und Gerechten, mit Kronen auf ihren Häuptern, die Glorie Gottes bestrahlt ihr Antlitz. Sonnenhell ist es rings umher. Der Livjathan wird chnen in goldenen und kristallenen Gefäßen gereicht .... So ist das zukünftige Los der Zäddikim — der Gerechten in Israel. — Aber auch dort, seitwärts, in irgend einer Spelunke, sitzen Juden und fern der Seligkeit des Jenseits . . . Nur eine stinkende Petroleumlampe beleuchtet ihren Horizont. . . Die Fensterläden sind hermetisch verschlossen, daß kein Sonnenschein in den dumpfen Raum eindriingt . . . Ein übernächtiger Wirt reicht ihnen statt des herrlichen Livjathan immer wieder nur Rosselsuppe mit Rindfteifch . . . Guten Appetit! . . . Der Erlöser komme bald in unseren Tagen — Aknen!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.