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Die Wahrheit · 1921-01-06 · Heft 1 (6.1.1921) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 1 (6.1.1921)
Date
1921-01-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 Joint,, um Hilfe anzusnchen, wurde jedoch auf den Rechercheur verwiesen und dieser Hat keine Eile, sich von meinem Elend zu überzeugen . . . ." Der zweite schrieb: „Ich gehe barfuß, habe keinen Rock am Leib Md «als ich zum Joint kam, von dem ich gehört -habe, daß er so Diele Millionen fürarme Hilfsbedürftige geschickt bekommt, wurde mir die frohe Botschaft mitgeibeM, daß der Herr Generaldirektor höchstwahrscheinlich nächsten oder übernächsten Monat vom Semmering, wohin er sich auf einer Amtsreise begeben, zurückkehrt und Hm mein- Gesuch ganz bestimmt vorgel^t werden wird. Was ein Beamter einer Wohlfahrtsm stitution am Semmering — wo es bekanntlich seHr wenige Hilfsbedürftige gM — amtlich zu suchen hat, weiß ich zwar nicht, daß ich aber, sobM ich noch» in dieser grimmigen Kälte gezwungen sein sollte, in meinen zerrfffenen Schuhen und zerschlissenen Rock den weiten Weg zum Joint zurückzulegen, auf die Hilfe desselben ganz verzichten werde können, «das weiß ich bestimmt." Der dritte schrieb .... nun, eS ist wahrlich nicht notwendig, alle diese Briefe hier zu veröffentlichen. Es «fehlt uns auch, trotz des besten Willens, die Möglichkeit dazu. Wir mußten sonst so viel Papier Hoden, daß es ausueichen könnte, bis nach Amerika über den Ozean hinüber, eine papierene Brücke zu bauen. Und diese papierene Brücke, auf der sehr schwache Lobhymnen auf den Jotttt «vievzeiichnet sind, konnte der stark bnreaukratischen Verwaltung desselben nicht standhalten und zerriß ... Die amerikanischen Juden wollen, wie >der Bericht der Joint-Direktoren ans der Konferenz vom 19. November 1920 lautet, kein Geld mehr geben. Ein Beweis, daß die Juden in Amerika zur Jointverwaltung kein Vertrauen mehr haben. Die Säulen in der Seilerstätte aber sind — wie man am Schluffe des Berichtes lesen kann — noch immer fest und wollen nicht wanken. Die Herren Direktoren beschloffen eine Resolution, an die amerikanische Oeffentkich- Mt zu appellieren, alles zur Aufbringung neuer Geldmittel aufzuwenden, um eine Fortsetzung des vvr sechs Jahren begonnenen Hilsswerkes des Joint zu ermöglichen. DaS ist aber schon zu stark! Im Angesicht dieser Ablchnung seitens der amerikanischen Juden, denen — wie erwähnt — das Wohl ihrer notleidenden Brüdern gewiß am Herzen liegt, den Mut, weiter zu schnorren, noch aufbringen zu können, ist nicht mrr eine Ironie gegen die jüdischen Wohltäter in Amerika und der benachteiligten Hilfsbedürftigen hier, sondern «auch ein Beweis, daß die Herren in den Wohlfahrtsämtern des Joint sich ungemein wohlsühlten. Es ist aber kaum anzunehmen, daß die Juden Amerikas auf diese neuerliche Wurzeoeir NingHen werden. Vielmehr ist die Gewähr vorhanden, daß sie Mittel und Wege finden werden, ihren notleidenden Brüdern auf direktem Wege, nicht «durch Zentmldirektoren, Ober- und Untersekretare, Rechercheure und andere Wichtigmacher, zu helfen. Daß dies viel einfacher und zweckvoller ist, wird die Zukunft beweisen, in der: feder das Scherflein, das für ihn von seinen Angchörlkgen Nr. 1 in Amerika bestimmt werden wird, «auf direktem Wege auch sicher erhalten wird. Dann werden «nicht nur «die vom Joint — trotz ihres Elends — Uebergangenen, sondern auch diejenigen, welche durch rastloses WaiNdern zur Seilerstätte vielleicht doch einmal einen Brocken vom Joint erhielten, sehr wenig trauern über die «letzten Tage des Joint. * * So weit die Ausführungen unseres Mitarbeiters. Nun ist in den letzten Tagen ein religiöses Moment «hinzugekommen, das so bedeutend ist, daß wir es unseren Lesiern mcht vorenHatten können. Seitens der „Adas Jisroel" (Schiffschul) wurde eine von seiner Ehrwürden Herrn Rabbiner S. Für st gezeichnete Kundmachung hinausgegeben, in welcher es heißt: „Es wird hiemilt zur allgemeinen Kenntnis gebracht, «daß die amerikanischen Küchen bis auf weiteres nicht mehr unter Aufficht «des RabKnats der „Adas Jisroel" stehen und das vom Joint zur Verteilung gelangende Oel nicht benützt »werden darf." Man muß sich bei der Autorität, die Herr Rabbiner S. F ü r st in der Wiener orthodoxen Judenfchaft genießt, vorstellen, welche Wirkung diese rasch verbreitete Kundmachüng geübt hat und daß infolge derselben «die vielen Hunderte armer Juden, «die bisher Äusspeisungen in den Küchen des Joint genoffen, dieser Ernährungsquelle plötzlich verlustig wurden und daß. sie auch das Oel, das der Joint verteilen ließ, nicht mehr verwenden-konnten und dadurch bei den jetzigen Preisen für Fett geradezu, einer Hungerkatastrophe ausgesetzt wurden. Es wurden uns zu dieser Affäre von beteiligter und glaubwürdiger Seite mehrfach die »haarsträubendsten .Details erzähtt, die wir nicht ohne weiteres der Oeffentlichkeit übergeben wollten, weshalb wir vorher kompetenten Ortes, nämlich bei Herrn Rabbiner S. Fürst Er> kundigungen oinholten. Herrn Rabbiner S. Fürst war es sehr wMommen, sich unseren Redakteur gegenüber ausführlich erklären zu können, zunml bei der Tragweite der oben erwähnten Warnung weite Kreise des ärmsten gesetzestreuen Judentums den schwersten Entbehrungen lausgefetzt wurden. Die Vorgeschichte der Wrgelegenheit ist-kurz erzähtt folgende: Ein Flüchtlingsrabbiner, dessen Name uns bekannt ist, schöpfte gegen das Oel Verdacht, da Hm duffen Farbe auffiel und hat bei der autorisierten» Warenprüfungsanstatt, Wien, IX., Spitalgaffe 31, eine chemische -Untersuchung des mnerikanischen Oels vornehmen lassen. Das Ergebnis der Untersuchung ging dahin, daß kein unbedingt reines Pflanzenfett vorliege, sondern schon der Geschmack den Verdacht einer Beiimengrüig von Schweine¬ oder Gänseschmalz rechtfertige. Der größeren Sicherheit wegen und im Bewußtsein seiner VerantworkKchkeit unterzog sich Herr Rabbiner Fürst der Aufgabe, zunächst offiziell Untersuchungsproben zu erlangen, die Hm jedoch verweigert wurden, und hat sodann auf Umwegen eine neue «chemische Analyse durchgesetzt, auf Grund welcher wieder festgestellt wurde, daß die gedachte Oelprobe Zusätze-tierischen Fettes enthalte. Die Wahrheit -

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