Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 1 (6.1.1921)
- Date
- 1921-01-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Die W a hrh ei t Nr. 1 Uttb Rasch r bemerkt hiezu: „Das war -sein Ruhm. Mit dem Bau -des Heilgöumes beeilte er sich, mit dem seines Hauses ließ er sich Zeit." Gerade das Gegenteil geschieht bei uns. In Villen und Palästen beeilt man sich, sein Geld — nutzbringend freilich— anzulegen. Der Tempel — der hat Zeit. Der kann bleiben, wie er steht. -Nein, nicht an Geld fehlt es hier und nicht an Kraft und Stoff, nur — ki im b'ruchi — a m jüdis ch e n ' Geist. Der fehlt den einen, er fehlt den länderen. Sie alle; die Parteien, haben uns heilig versichert: „Der Tempel wird gebaut." Aber es fehlt an wahrhaft religiös-jüdischem, es schlt an echt n ational-jüdischem Geiste. Sonst dürfte das, was sie Me einen sollte, als die einzige Stelle, an der sie sich alle, nicht als Männer der Partei, sondern als Juden zusammensiniden fällten, das Wahrzeichen des Gesamtjudentums, 'der Tempel, könnte sonst nicht dastehen als Schandmal jüdischer Selbsterniedrigung. Und gerade den Kämpfern für Zion rufe ich zu: „Um Zions willen schweige ich nicht und um Jerusalems willen darf ich nicht ruhen." Wie wollt ihr auf der alten heiligen Vätererde ein neues Judentum begründen mit Juden, die ihre jüdische Ehre mit Füßen treten? Ihren Gegnern aber sei gesagt: „Um unseres Gotteshauses willen, um der Pflege der Religion willen, die ihr doch auf eure Fahne geschrieben, suche ich d.'in Bestes in dir und für eich, indem ich für unseren Tempel rede." Anfängen muß man!. Es ist 'die höchste Zeit, wenn nicht zu spat. Anfängen! und Gott wird Meister helfen. Er wird uns beiftchen, wie er den Makkabäern beigestanden. Er wird uns Wunder erleben lassen, wie in jenen Tagen — so in dieser Zeit. Amen. Die letzten Tage des Joint. Bon Josef Grob (Wien). Am 30. Juni 1921 werden die Unterstützungen des Joint Distribution Comittees eingestellt. Hunderte, - ja vielleicht Tausende von notleidenden Menschen, welche auf die Hilfe des Joint gehofft, weil sie auf ihr langewiesen sind, werden diese Mitteilung gewiß mit großem Schmerz vernehmen. War doch diese Institution, seit Kriegsbeginn fast, das einzige Sprachrohr zwischen den vom Krieg betroffenen unglücklichen Juden -in Europa und ihren hilfsbereiten'Brüdern in den Vereinigten Staaten Amerikas. Und doch dürfte es eine große Anzahl geben, die den Zusammenbruch des Joint mit Freuden begrüßen werden. Diese Tatsache darf gewiß nicht als Schadenfreude aufgefaßt werden, und wer nur Gelegenheit hatte, die Zustände in der Seilerftätte, dem Zentvalamt des Joint, zu beobachten, wird das ohne weiteres. bestätigen müssen. Sowohl in dieser, wie auch in anderen Zeitschriften, ist zum wioderholtenmale an der Verwaltung des Joint" .. Kritik geübt worden und bei der Welthilsskonferenz in Karlsbad har es Frau Arvitta Müller trotz ihrer Zugehörigkeit zu der Partei, aus welcher der Berwaltungskörper des Joint gebildet wurde, nicht Unterlasten können, als Anklägerin gegen denselben aufzutreten. All das aber trug sehr wenig dazu bei, den absolut regierenden Herren die Erkenntnis beizubringen, daß es so weiter nicht geht, daß man mit Geldern, die für einen so wichtigen Zweck, wie zusammengebrochene Existenzen wieder aufzurichten, armen und kranken Juden über die momentan schwierigste Lage hinwegzuhelfen und dergleichen mehr, bestimmt sind, nicht kopflos und zum größten Teile herzlos umgehen darf. Die Ober- und Generaldirektoren, Sekretäre und Untersekveräre behielten jedoch ihr System aufrecht und, während an den Türen der Jointbureaus unzählige würdige H ilfe such ende in der gröbsten Weise hinaus bugsiert w u r de u, s u h r e n die Herren Wohlfahrt sdirekteren auf den Semmering hinauf, um sich dort gütlich zu tun. Auf westen Kosten? Eine Parteipreffe beschönigte oder, wenn es nicht anders möglich war, verschwieg ganz einfach die pflichtvergestene Handlungsweise ihrer Parteidirektoren. Die parteilosen Blatter aber, die zufolge der ungemein großen Anzahl eiugelaufener Klagen es nicht mehr Unterlasten konnten, die Mißwirtschaft in der Jointverwaltung zu beleuchten, wurden ganz einfach als Denunzianten verschrien und so schalteten und walteten die Herren weiter in chrer Art, ohne daran denken zu wollen, daß es doch anders werden könnte. Und siehe, es ist doch anders geworden. Die Juden in Amerika, denen man den Vorwurf, daß sie sich ihrer notleidenden Brüder in den europäischen Kriegsftaaten nicht annehmen wollten, gewiß nicht nrachen kann — die vielen Millionen, die der Joint allein hier ve rwirtschaftethat, beweisen es zur Genüge! — wollen für diese Aktion ganz einfach kein Geld' mehr. hergeben. Wie das gekommen ist? Auf ganz natürlichem Wege. Jede jüdische Familie in Mitteleuropa hat — dank des glücklichen und rostgen Lebens, der liebenswürdigen Behandlung seitens der Behörden und lieben Mitbürgern — schon viel früher, lange vor dem Kriege noch jemanden in Amerika gehabt. In Oesterreich war es Lueger mit seinem Schrittmacher Vergani, in Rußland Kruschewan und seine Anhänger oder der heilige Pobjedonoszow, in Galizien die edlen Schlachzizen, in Rumänien die wilden Bojaren u. j. f., die sich, meistens Wohl vergeblich, Mühe gegeben haben, den Juden die Liebe zu ihrem Lande auszutreiben, kurz, es gibt fast keine jüdische Familie in Europa, die in Amerika kein Guthaben hätte. Info lange die Ver- - ständigung mit den Angehörigen in Amerika eine schwierige war, erfuhr man in Amerika sehr wenig über die Zustände, wie sie bei uns herrschen, ebenso über die >der Jointverwaltung. Kaum aber wurde eine Verständigung mittels Post möglich, schrieb man Merdings zuerst das Wichtigste: wir leben und sind gesund. Allmählich aber begann jeder seinen Angehörigen in Amerika seine trostlose Lage zu schildern. Der eine schrieb: „Ich hungere mit Weib und Kind schon eine Zeitlang. Ich ging wohl zum