Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 1 (6.1.1921)
- Date
- 1921-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die W ührheit- — ki im b'ruchi — „auf den Geist kommt es m.u. Ist jüd ischer Geist vorhanden, dann komnrt Geld und Material von selbst. Wo aber der jüdische Geist feBjlt, dort wird der ' Tempel niemals wiedechergestellt. Die Tempelweihe, m. Fr., fiel aus den 25. Kislew. Nicht ohne Grund. Lautete doch eine alte Ueberlieferung: „Am 25. Kislew wurde das erste Heiligtum Israels fertiggestellt." Mit seiner Einweihung Wartete man aus einem 'bestimmten Grunde bis zum Nissan. Fertig war er bereits am 25. Kislew. Und an diesem denlkwürdigen, dem heutigen Tage wollte Man auch den Anfang machen mit dem Wiederaufbau unseres Tempels. Alles war da, das Geld, das Material, der Baumeister. A nsange n wollte man. Und weshalb es wieder nicht geschah? Fraget die wenigen wackeren Männer, die noch immer zur Fahne unseres Tempels halten, und denen, wenn sie 'ausharren, der Sieg gewiß ist, wie einst den Makkabäern. Fraget sie! So aber fragt man mich, wo man wich trifft, noch immer, wie nun seit dreieinhalb furchtbaren Jahren: „Wann wird denn endlich der Tempel gebaut? Warum baut man nicht? Kleine Tempelvereine blühen ans; Tausende und Hunderttausends an Ersparnissen legen sie zurück, Re früher um ihr Dasein zu Kämpfen hatten! Und den Gemeindetempel, den größten und schönsten, ihn soll man nicht wiederherstellen können? Welch ein Skandal!" Ja warum fragt Ihr mich «denn so, l. Fr? Warum fragt Ihr mich nicht: „Warum ist Oesterreich zugrunde gegangen? Warum sinkt Wien zum Jammerbild herab? Warum wird unser Gemeindewesen ein Unwesen, aus dem sich flüchtet, was sich nur flüchten kann, wie Schiffbrüchige sich reiten, nm den Wirbeln des sinkenden Schiffes zu entkommen?" An nichts fehlt es, nur an einer Kleinigkeit: „Ki im b'ruchi," derrechte G eist i st n i ch t d a. Unsere Alten sagten, wenn Unheil über die Gemeinde kam: „Es muß ein Chet in -der Mille sein." UNd brauchen wir hier erst nach diesem Chet zu suchen? Muffen wir nicht mit den Worten des Propheten Amos, die wir gestern lasen, -ansrufen: „Die dreifache und vierfache Sünde sollten wir nicht zu büßen haben?" Oder sündigt nicht jeder Jude jedesmal, so oft er gedankenlos an unserer Tempelruine vvrübergeht, sich nicht fragt: „Me darf ich dieser Entweihung des Heiligtumes müßig zusehen? Wie darf ich mit reinem Gewiffen den Gott, den ich so öfferMch lästern und höhnen loffe, zur Hilfe rufen? Zn Hilfe in mein Haus, wenn, ich f e r n Haus so hilflos verkommen lasse?" Fa, jeder Wiener Jude muß sich das fragen, gleichviel in welchen Bezirke. Ist denn diese Schmach eine Bezirksangelegenheit der Leopoldstadt? Ist denn der Gott der Leopoldstädter Juden ein andererals der in Döbling oder Hietzing? Diese Schmach soll einen Stachel euch, meine Brüder, Schwestern, ms Gewiffen treiben! Wenn du am Schmerzenslager deines geliebten Weibes stehst, wenn du, jüdische Frau und Mutter, um düs teure Leben des Gatten bangst, wenn dein Kind in Gefahr schwebt,7 ja bann wirst, danp Nr. 1 sollst du denken müssen an die Gefahr, .in der das.Judentum schwebt, ein Judentum, das sein Wahrzeichen, feinen Tempel verfallen und entweihen laßt. Ihr wißt es, m. Fr., was die .Bienen tun, wenn man sie aus ihrem Heim vertreibt. . Sie bohren ihren Stachel dem Täter ein. So; m. Fr., sollen wir, denen man den Tempel geraubt und vorenthält, einen Stachel in die Gewiffen bohren! Nicht rasten, nicht ruhen, bis diese Gewissen erweckt sind und man endlich : die schwerste Schmach tilgt, die auf einer Gemeinde lasten kann. Woran fehlt es unserer Gemeinde denn, daß man diese Schändung -der Dora und ihres Heimes zuläßt? Etwa an Männern der Tora, der jüdischen Wiffenschaft? ■ Ach nein! Gerade unser Tempel ist doch aus -beiden Seiten eingebettet in Torakenn'tnis und Mische Wiffenschaft, die ihn besser schützen sollten, als es die dicksten Mauern vermöchten! Nun, ihr Männer der Tora, warum helfet ihr mir nicht in meinem Kampf für den Tempel!. Warum stellt ihr nicht die Kraft eures Geistes, die Kunst eurer Feder in den Dienst unserer Sache? Vielleicht ist die Zeit noch zu kurz, die der Tempel als Tummelplatz gewissenloser Entweihung dastcht? Erst, wemt er nicht dreieinhalb Jahre, sondern dreieinhalb Jahrhunderte so dagestanden, erst dann Wird sich die jüdische Wiffenschaft vielleicht mit -ihm befassen! Erst dann wird er ein historischer Gegenstand und der Aufmerksamkeit der Wiffenschaft würdig sein! Erst dann wird vielleicht ein Mischer Gelehrter schreiben: „Ein solcher Frevel ist nie geschehen, nie gesehen worden seit dem Auszuge Israels aus Aegypten bis auf diesen Tag. Wo gab es jemals eine Gemeinde, sie möchte noch so weit links stehen, die nicht ihre Ehre gesetzt hätte in die Ehre ihres Gotteshauses? Wo außer Wien? Schet nur,, mit welcher Ehrfurcht der Ehrist seine Kirche grüßt! Würde er es stillschweigend dulden, daß man sie entweihe? Erinnert ihr euch nicht, was geschah, wenn im Weltkriege Me Kirche, der -an Kunstwert der Wiener Tempel gewiß nichts nachgab, wenn die -von einer feindlichen Kugel getroffen wurde! Wie sich da eiU Schrei der Entrüstung über «diesen Religionsmid Kunstfrevel durch alle Lande verbreitete. Und in Wien schweigt man zu. dem Frevel von eigener, Mischer Hand? Und wer je gesehen, wie der Bekenner des Islam seine Moschee betritt, wie er am der Schwelle die Schuhe ublegt, wie ergreifend würdig er seine Andacht verrichtet, wie kann'der begreifen, was von Juden im jüdischen Gotteshaus in Wien geschehen?" So wird vielleicht iU späten Zeiten ein Mischer Gelehrter, über das schreiben, was wir hier selbst zu erleben verurteilt sind. Oder wenn es an Geld znm Tempelbau. fehlte, wird nicht jetzt hier in Wien vielleicht in e i n e r Nacht Ms nichtswürdige Weise mchr Geld verpraßt, -als manzum ganzen Tempelbau brauchte? Und gibt es nicht jüdische Reiche in Wien, von denen einer allein imstande wäre, den ganzen Tempelwiederaufbau aus seiner Tasche zu bestreiten? Vom König Salomo erzählt die Schrift, „am Hause Gottes baute-er 1 Jahre, am eigenen 13 JÄhre".