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Die Wahrheit · 1920-12-15 · Heft 21 (15.12.1920) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 21 (15.12.1920)
Date
1920-12-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 1Ö Die Wahrheit Nr. S1 on Nah und Fern nm Eine Knltnsvorftandsfitznng. Mit Bezug auf unsere gleichnamige Notitz in Nr. 19 erhalten wir folgende Zuschrift: Gestatten Sie mir, einem in Patriarchenalter stehenden Kahaljuden, also einem Manne aus der entschwundenen guten alten Zeit, der Aera der Salonröcke, Zilinderhüte, der langen Prophetenbärte einige tiefempfundene Tränen nachzuweinen. Wenn ich auch zugeben muß, daß sich die Zeiten sehr geändert haben und mit ihnen die Menschen und die Sitten, so trage ich doch in Meinem Innersten eine pietätvolle Erinnerung an jene Glanzepoche wo das Dreigestrrn Zellinek, Sulzer, L. A. Frankl mit Hellem £>$eu!e über die Wiener Kultusgemeinde leuchtete. Jellinek der Prediger und Gelehrte von Weltruf, Sulzer der Altmeister synagogalen Gesanges und Frankl der Sekretär, der neben den Pflichten seines Amtes sich unvergänglichen Dichterruhm zu erwerben verstand. Und soll ich hier noch von den Kultusvorstehern jener glücklichen Tage sprechen? Ich müßte ein ganzes historisches Kapitel der Wiener Judenschaft bringen, wollte ich die Namensträger und ihr segensreiches Wirken zum Wohle der damaligen Gemeinde registrieren. Allerdings war. es den Herren Annodazumal etwas leichter Rühmliches und Nützliches zu vollbringen, denn Mutter Sorge blickte ihnen nicht über die Schulter, wie dies leider heutzutage der Fall ist. Es war eben die gute alte Zeit des herzlichen Einvernehmens zwischen Kultusvorstand, Funktionären und Beamten im betrübenden Gegensatz zur Gegenwart, wo drückende Not, Zwist, Hader, Mißgunst Verbitterung erzeugt, und eine tiefe Kluft öffnet, die ein Verstehen der Beteiligten erschwert. Soviel ich höre, muß die Gemeinde unter einer Zwangslage daS meiste ihrer Einnahmen für die Bedürfnisse ihrer Beamten verwenden, ähnlich einem Geschästsmanne, der ohne Bedachtnahme auf die Zukunft die Tageslosung für den Bedarf der Firma aufbrauchen muß. Und da der Vorstand für die Zukunft die Angestellten der Gemeinde in ihrer Not nicht verlassen darf, ist die Besorgnis da, daß er trotz Steuerschraube immer härteren Verhältnissen zusteuern und nicht in der Lage sein wird, dem Herzenswunsch der Leopoldstädter Juden nachzukommen, ihren Tempel, den einzigen großen Gemeindetempel in Wien wieder aufzubauen. Ich kann den Schmerz des neuen Vorstandes hierüber lebhaft Mitempfinden und dabei nur dem Bedauern Ausdruck geben, daß eine solche Unterlassung eine Schande des jüdischen Wiens*) bisher mar. Ohne die Ursachen dieser beklagenswerten Tatsache auführen zu wollen, kann ich nur betonen, daß dem neuen Vorstand die Schuld hieran nicht aufgebürdet werden kann, aber ebenso Tatsache ist, daß die Angelegenheit bisher zu lax betrieben wurde und noch wird, und so steht die weihevolle Stütk eines Wirken Jellineks, Güdemanns, Schmiedels, der Kantoren Goldsteins und Guttmans verwaist. Und als weitere Folgeerscheinung sehen wir unter dem Drucke der Zeit Oberkantor Morgenstern vor dem Gespenst der Not die Flucht ins Ausland ergreifen und wer möchte sagen wollen, was das alles noch für Weiterungen haben kann? Noch schärfer fällt das Urteil aus, wenn man die Ausländer hierüber sich äußern hört und ihr Staunen vernimmt, daß Millionen für den Nationalfond und ähnliche Zwecke hier gesammelt und hinausgehen, während der einst *) Und nicht etwa bloß der A f s i m i l a n t e n, wie die „Morgenzeitung" in ihrer Nummer vom 12. d. M. glauben machen will. In diese Schande können sich alle Beteiligten ohne Unterschied der Parteistellung teilen und selbst das Ueberwähen der Schuld von der einen auf die andere Seite kann nicht minder eine Schande genannt werden. St. berühmte Tempel hier zur Ruine wird. Sie Me« Mp, Me begründet meine nochmalige Sehnsucht nach der guten Men Zeit ist, als es in der Wiener KvMsgtWemde «sch keine Parteispaltung und daraus folgende Zerklüftungen gab, sondern das einträchtige Streben der gesamten Judenschaft, ihr Bestes für das Wohl und die Ehre der Gemeinde einzusetzen. So eine gemeinsame Ehrensache ist die Wiederherstellung des Leopoldstädler Tempels, der die ganze Wiener Judenschaft herangezogen und Opfer bringen muß. Die Anregung hiezu muß von den Gesamtvorstande ausgehen. Diese Ehrensache Wiens ist ein hochbedeutsamer Anlaß für eine gemeinsame Aktion wobei sich jeder Herr des Vorstandes unbeschadet seines Parteistandpunktes unvergängliche Verdienste und einen ehrenvollen Namen erwerben kann. Ich bin kein Prophet und möchte auch jetzt keiner sein, da der Prophet nichts in seinem Vaterlande gilt; aber an eine prophetische Aeußerung Iellinekssoll an dieser Stelle erinnert werden: „Solange unsere Gemeinde durch Namen angesehene, durch Stellung ausgezeichnete, durch sozialen Einfluß hervorragende durch Lebensposilion im strengsten Sinne des Wortes unabhängige Männer an ihrer Spitze sieht, Männer, die in der Leitung jüdischer Angelegenheiten weder nüchtern kalt berechnend noch enthusiastisch feurig schwärmend sind, sondern auf das Ueberkommene aus der Vergangenheit mit Pietät blicken auf die Bedürfnisse der Gegenwart bereitwillig eingehen,-auf die Anforderungen der Zukunft das fürsehende Auge richten, Männer, die durch die Beherzigung des Wortes „pas trop de z61e“ das rasche jüdische Blut zu dämpfen suchen, wird sie, unsere Gemeinde nämlich, friedlich geeinigt und daher autonom bleiben, wird sie allerdings langsam, aber ruhig, ohne innere Störungen und ohne äußere Intervention vorwärts schreiten, wird/ sie die bereits vorhandenen Anstalten verbessern, die noch fehlenden hinzufügen. St. Kein numerus clausus — jüdischer Humanität. Gegenüber dem numerus clausus der ungarischen Hochschulen, der es glücklich dahingebracht hat, daß kaum fünf Prozent der Hochschüler jüdischer Konfession sein können — jener Hochschulen, die ebenso von den Steuerbeiträgen der Juden erhalten werden wie von jenen der Nichljuden — hat die jüdische Gemeinde Budapest 'den numerus clausus an ihren Wohltätigkeitsinstitutionen ausgeschaltet. So entnehmen wir einem Berichte des „Egyenlösig, über eine Unterredung mit Professor Dr. Heinrich B e n e d i e t, dem Leiter des jüdischen Spitales^ daß von 75.000 ambulatorischen Kranken dieser jüdischen Anstalt 80—90 Prozent Nichtjuden sind. Von den 3500 internen Patienten hinwieder sind 25—30 Prozent Nichtjuden. Das Spital wird ausschließlich von jüdischen Geldern aufrecht erhalten. Aber die Hauptstadt Ungarns, Budapest, hat zur größeren Ehre des neuesten Kurses die minimale Subvention restringiert, die die Pester israelitische Gemeinde mehr tionoris causa bisher von der Hauptstadt bezogen hat! Wem die Aufstellung dieser Ziffern nicht die Augen darüber öffnet, wie das Judentum im Widerspruche mit den Tendenzen seiner Verfolger Böses mit Gutem vergilt, der verschließt sie absichtlich der Wahrheit oder ist mit unheilbarer Blindheit geschlagen. Wie sagt doch Seume: „Wir Wilden sind doch besser Menschen". Elisabethheim für Kriegswaiseu, Lehrmädchen und Arbeiterinnen. Die diesjährige ordentliche Generalversammlung fand am 29. November unter Vorsitz des Herrn Dr. Krüger statt und hatte bedauerlicherweise nicht jenen zahlreichen Besuch, der im Interesse dieser gemeinnützigen Anstalt zu wünschen gewesen wäre. Sowohl der Rechenschaftsbericht als verschiedene andere Mitteilunoen boten nämlich ein reiches Btld der segensreiche,» Wirksamten dieses Vereins,

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