Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 21 (15.12.1920)
- Date
- 1920-12-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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v; j-..-1-^j.TO ,-n~TrT Vf~TT7W,‘V>~rr*r» *ia»rTT i i i ’ -xTW«n>ar’w*y-g7i&i-..t£-'***** G. M Hie Wahrheit Seite - ahrtzeitrn vom Tage Bischof Dr. Baltazar als Verteidiger der Inden. An dieser Stelle unseres Blattes gaben wir bereits vor einiger Zeit Aeußerungen des Debrecziner Bischofs Dr. D. Baltazar zu Gunsten der Juden verzeichnet. Der würdige Kirchenfürst hat neuerlich Anlaß genommen, von wahrhaft evangelischem Geiste durchdrungene Worte zu verkünden, die gleichzeitig eine machtvolle Abwehr der Angriffe' bilden, die er wegen seiner judenfreundlichen Gesinnung erfahren hatte. Was der hohe kirchliche Würdenträger diesmal geschrieben, ist so bedeutsam, daß es weit über die Grenzen des Ungarlandes hinaus vernommen und beherzigt werden sollte und hier im Wesentlichen Veröffentlichung finden mag: „Es ist bekannt, daß so oft das mittelalterliche Märchen vom Ritualmord auftauchte und die Erklärung erhielt, als folgte das Vergießen von Christenblut aus dem Geiste der jüdischen Religion oder geschehe gar aus deren direkten Befehl, ich als genügend gründlicher Kenner der Religion des Alten Testamentes, des Gesetzes und der Propheten die wissenschaftliche Pfiicht hatte, der Irrlehre der Unwiffenschast entgegenzutreten. Als vom Glanze des Evangeliums erleuchteter ungarischer Kalviner wandte ich mich im allgemeinem mit Entsetzen von jedem solchen Bestreben ab oder widersetzte mich in hartem Kampf jeder solchen Tendenz, die aus dem Glauben eine Versolgungswäffe macht, die in der Gesellschaft, in der Politik nach dem Glauben differenziert und die Heiligkeit, die Friedfertigkeit und die L i e b e des Glaubens auf die schiefe Ebene des Hass es hinüb erführt und die göttliche Fügung des Glaubens zweifelhaft erscheinen läßt Ich kenne die Geschichte und weiß, welch fürchterliche Leiden der religiöse Fanatismus und der Wahnwitz der Kirchenmacht meinen protestantischen Vorfahren, welch schrecklichen Schaden sie dem Lande bereitet Haben: Deshalb konnte ich kein Antisemit sein und deshalb werde ich niemals geneigt sein, mtt jenen zusammen zu arbeiten, die mit dem Liebesgeiste der christlichen Religion entgegengesetzter Gewalt die Judenfrage lösen wollen. Meine Prinzipien find viel zu geläutert, meine Moralauffaffung viel zu erhaben, als daß ich die Verbrechen billigen oder entschuldigen könnte, die von Juden begangen werden. Ich verurteile sie und wünsche ihre Bestrafung. Ich kann die Schwere dieser Verbrechen viel besser ermessen, als meine Pogrom-Nebenmenschen, denn ich weiß wahrhaftig, wie sehr diese Verbrechen dem Geiste der jüdischen religionsmoralischen Auffassung widersprechen. Nur betrachte ich sie nicht als jüdische, sondern als menschliche Verbrechen und ich verurteile die daran teilnehmenden Personen anderer Glauben ebenso wie die Juden .... Mein Rechtsgefühl und meine allgemeine-Nächstenliebe protestiert heftig gegen jede Ungerechtigkeit. Der Gedanke der Sühne Unschuldiger schneidet tief in das Rechtsgefühl meiner Seele und in die Liebe meines Herzens ein. Neben der Gruppe der Sünder stand vor meinen Augen die Gruppe des redlichen patriotischen Judentums, dessen Verletzung nicht nur den LiebeSinhalt der christlichen Weltanschauung verletzt, sondern auch geeignet ist, dus Kulturniveau meines Vaterlandes vor dem Auslande, auf dessen Sympathien wir tausendmal mehr als je angewiesen sind, tief herabzusetzen." Hier ist ein Dokument der Menschheit, das nicht nur von überströmender Nächstenliebe, sondern von unbeugsamer Wahrheitsliebe zeugt; das ferner auch jene Wahrheit kündet, die Petöfis Genius erkannt hat. Steht irgendwo ein überzeugter, selbstloser, unerschrockener Christ als Anwalt der Juden auf, so werden ihm unlautere Beweggründe zugemutet, weil die fanatischen Horderfführer es nicht fassen können, daß noch Menschen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses sich den obersten Grundsatz jeder Religion zu eigen gemacht haben: Liebe deinen Nächsten wie dich selb st! Rumänische Unmeuschlichkcit. Wie die Warschauer Hnczagfira meldet, spielen sich jetzt an der ukrainischrumänischen Grenze längs des Dnjeftr ununterbrochen die furchtbarsten Szenen ab. Tausende jüdischer Familien sind an den ukrainischen Häfen des Dnjestr angesammelt und bemüht, Ausreisemöglichkeiten nach Palästina zu erlangen. Viele dieser unglücklichen Wanderer werden von den auf der rumänischen Seite postierten Grenzsoldaten niedergeschoffen oder in den Fluß geworfen. Die rumänische Regierung verweigert diesen Palästina-Wanderern das Betreten rumänischen Gebietes. Daß Rumänien seinem alten Laster der Judenverfolgung nach wie vor sröhnt, kann bei dem tiefen Kulturstand, der dort besteht, nicht überraschen, wohl aber, daß es den traurigen Mut aufbringt, die Forderungen der Ententemächte zu verhöhnen, die Schutz alllr nationalen und konfessionellen Minderheiten gebieten. Wo bleibt die starke Hand Englands, die nach der Balfourschen Erklärung den Juden in Palästina eine Heimstätte schaffen will und es duldet, daß die Juden auf dem Wege dahin wie Freiwild abgeschoffen werden! Soll das schöne Wort vom Schutz der Schwachen zu einer leeren Redensart oder zur Wahrheit werden? Der Antisemitismus in Ungar». In Entgegnung auf einen tendenziös gehaltenen. Tatsachen entstellenden Artckel der „Neuen Züricher Zeitung" schreibt der Präsident der Pester ifrael. Religionsgemeinde Hofrat Franz Szekely: „Der ungarländische Antisemitismus ist ein Krankheitssymptom, welches die über unser Land gekommene fürchterliche politische und wirtschaftliche Katastrophe heraufbeschworen hat. In solchen Fällen finden sich stets gewiffenlose Menschen, die einen Sündenbock suchen, und dumme Leute, die sie aus den Leim locken können. Die Wahrheit ist, daß die ungarischen Juden treue Bürger ihres Vaterlandes fdtd, die im Frieden und im Kriege, auf dem Schlachtfelde und an den Steuerkaffen, auf der Universität und in Geschäften, mit einem Worte in allen Zweigen des bürgerlichen Lebens pünktlich und begeistert ihre Pflicht erfüllen. Sicherlich gibt es auch unter den Juden wie unter den Gläubigen anderer Konfessionen verkommene, sogar auch verbrecherische Menschen. Der Unterschied ist nur der, daß in der Regel jedermann nur für seine eigenen Vergehen zu büßen hat — ausgenommen, wenn der Betreffende ein Jude ist. In diesem Falle werden für seine Vergehen die Juden des gesamten Erdenrundes verantwortlich gemacht". Diese Worte, die ein innerhalb des ungarischen Judentumso bedeutender Mann gesprochen hat, wie es Hofrat Franz Szekely ist, beweisen wieder einmal die alte traurige Erfahrung, die Leffing im „Nathan der Weise" den Patriarchen aussprechen läßt, der trotz der hervorgehobenen Verdienste Nathans immer mit der stereotypen Antwort kommt: „Tut nichts, der Jude mied verbrannt." Dieser Geist unduldsamen Verfolgungswahns wütet leider auch in kultivierteren Ländern, als es Ungarn ist. Jedenfalls werden die obigen Aeußerungen einer Persönlichkeit, wie es Hosrat Franz Sgekely ist, wesentlich beitragen, die unbegründeten Anwürse und bewußten Verleumdungen gegen den Patriotismus der ungarischen Juden zerstreuen. Es wäre auch wünschenswert, daß die zitierten Worte in aller Welt bekannt und nach ihrem wirklichen Werte eiugefchätzt werden. Es müßte einmal gründlich mit dem veralteten Vorurteil aufgeräumt werden, daß die Fehler und Vergehungen einzelner, wo immer auch, auf das Schuldkonto der Gesamtheit gesetzt werden.