Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 21 (15.12.1920)
- Date
- 1920-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit ^tt 921 Gnade. Wenn er am Eingänge des Sabbats der Braut ein Lied anstimmte, so sah er sie vor sich, geschmückt mit dem güldnen Geschmeide des himmlischen Segens, begleitet von Engelscharen, Boten des Friedens, und begrüßte sie mit sansten Klängen: „Komm herbei, o liebliche Braut, komm herbei!" Wenn er am Versöhnungstage den heiligen Dienst des hohen Priesters rezitierte, so trug ihn seine Phantasie aus die Höhen Zions, er verwandelte sich in den hohen Priester voll Weihe und Erhabenheit, trat ein in *Has Allerhelligste, opferte, räucherte, und seine Stimme klang wie die Glöcklein am Mantel des hohen Priesters. Wenn er am Trauertage des Monats Ab mit den Klageliedern Jeremias jammerte und wehklagte, blickte er hin aus die Ruinen Zions, auf die Trümmer des Heiligtums, auf die zarten und schmachtenden Kindlein, die ihre Händchen ausstreckten, um Brot von ihren Müttern zu verlangen. Diesen Darlegungen des gelehrten Autors ist zu entnehmen, daß echte Frömmigkeit und der religiöse Eifer, welche das mittelalterliche Judentum beseelten, besonders in den Synagogen, bei allen Gebeten, Zeremonien und Gebräuchen, voll und ganz zur Geltnng kamen. A. Stößler, Olmütz. Juden und Judentum in Paul EberhardtsA>erk„Religionskunde". Der Bücher und Schriften über die Religion im allgemeinen ist Legion, aber die tiefsten Wurzeln dieses himmelanstrebenden, unvergänglichen Raumes wurden gleich, wohl uoch nicht ausgedeckt. Auch Paul Eberhardt will in seinem kürzlich beiF.A. Perthes, Gotha, erschienenen höchst beachtenswerten Buch „Religionskunde"*) die letzten Ursachen nicht erforschen, ja er bekennt im ersten Punkte seines großangelegten Werkes die Unerklärbarkeit des Begriffes Religion, weist aber ihre Zusammenhänge methodisch nach. Unlösbar wie Schuß und Kette in einem Gewebe verknüpft er das historische mit dem philosophischen Element. Mit bewundernswertem Bienensieiße trägt er das unübersehbare Material aus den ältesten Zeiten bis auf die jüngste Gegenwart zusammen und hätte er „die Liebe nicht",^ schwerlich könnte er in allen Religionssystemen die Lieb? ihrer Gründer und Verkünder als das bewegende Element betonen. Ob er von Konfutse, Buddha oder Moses spricht, stets tritt es wie Emanation der eigenen Liebe zur wahrhaften Religion hervor, wenn er dem Urquell alles Seins und Fortschrittes Liebe und Erbarmen für die Menschheit zu Grunde legt. Dadurch erhebt sich das vorliegende Werk über das rein Wissenschaftliche "zu einer Ethik, die man nur selten in ähnlichen Büchern findet, die nur zu oft aus dem Gesichtspunkte der Tendenz oder Voreingenommenheit geschrieben wurden. Um so bedeutsamer und wertvoller erscheint es, einen solchen Autor in seinen Anschauungen über Judentum und jüdische Religion zu vernehmen. Er sagt hierüber im Punkt 187 und 168: Gott und „fein" Volk. Neben dem Glauben Israels an Gott als den einen Gott tritt gleich mächtig ein zweiter: der Glaube, daß die Geschichte des Volkes ein Wandel vor Gottes Antlitz sei. Und dies wiederum ist nicht so sehr als eine sittliche Aufforderung zu verstehen, wenngleich auch dies mitspricht, sondern rm Wandel vor Gottes Augen leuchten diese gnädig auf oder verhüllen sich in Kummer und Zorn; die Geschichte seines Volkes ist die Erkenntnis Gottes von Seiten dieses Volkes. Und das ist das Hinreißende an dieser Geschichte, daß sie immer von den Besten des Volkes unter jenem Gesichtspunkte erfaßt wurde wie als dem einzig und allein Möglichen. Es ist darum, daß das politische Geschehen immer mit dem religiösen in eins gesetzt wurde und daß es als Abkehr von Gott empfunden wurde, wenn dies nicht geschah. Priester und Laien fühlen sich darin verbunden und so ist eS niemals zu einer so schroffen Trennung beider Stände gekommen, wie bei manchen anderen Völkern. Aber wenn Gott sich auch in der Geschichte seines Volkes offenbarte, er ging nie ganz in diese Geschichte ein, sondern stand darüber. „Hört dieses Wort, das Jahwe wider euch, ihr Israeliten, geredet hat, wider das ganze Volk, das ich aus Aegypten hergeführt habe; und es lautet also: Von allen Völkern der Erde habe ich nun euch erwählt; aber darum werde ich alle eure Verschuldungen an euch heimsuchen!" (Amos 3, 1, 2.) Gott wird sich im selben Augenblick von seinem Volke wenden, wo dieses Volk durch Unsittlichkeit seiner unwürdig wird. Das ist der hohe Berus der Propheten, vor allem eines Jesaia und Jeremia, dies immer wieder den Ihren in leidenschasterfüllter Sprache ins Herz zu rufen. Das von seinem Gott erwählte Volk wird ohne Zögern Gott zum Opfer gebracht, so tief auch die eigene Seele darüber blute, wenn dieses Volk sich nicht als wirkliches Gottesvolk erweist. Der Hochmut, der in jener Anschauung von dem „auserwählten Volk" für jeden Nichtjuden sich auszusprechen scheint, taucht in das Licht einer heroischen Religiösität, die jenes menschlich Dunkle wieder göttlich hell macht. In dieser Anschauung von Gott ist im Grunde die Schranke eines nur nationalen Gottes durchbrochen, und Gott wirdzum Gotte der Welt. - ' Die Vorstellungen von Gott: Mannigfach wie die Geschicke und Leidenschaften der Menschen sind nun, wie es nicht anders zu erwarten, die Vorstellungen von Gott, die man sich machte. Erhabenes und Kleinliches, Grausames und Gütiges mischt sich in einer tausendjährigen Geschichte im bunten Wechsel. Gott der Natur und Gott der kleinlichen Vergeltung (Nah. 1, 2.), Gott des Krieges und dennoch ein Gott von nimmer endender Barmherzigkeit; ein Gott, der den tötet, der ihn gesehen hat, und dann wieder der, nach dessen Bilde der Mensch geschaffen ist; ein Gott, der in Riesenschritten über die Lande geht,, „da werden dann die Berge unter ihm schmelzen und die Ebenen sich spalten, wie Wachs von dem Feuer, wie Wasser, das über einen Abhang stürzt" (Micha. 1,4); ein Gott wiederum, der naht, wie ein sanfter Hauch in Blättern. Dies und viel mehr wird alles von ihm ausgesagt in verwirrender ) Siehe Nummer 18 der „Wahrheit-