Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 21 (15.12.1920)
- Date
- 1920-12-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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C. »1 Die Wahrheit festangestellten, das heißt besoldeten Vorbeter in späterer Heit stellten die Gemeindevorsteher hohe Anforderungen. Der berühmte Rabbi Moses Minz zum Beispiel verlangte von ihm, daß er der erste und letzte im Gotteshause sein solle. Kr müsse sich während des Gebetes der größten Andacht befleißigen, seine Kleider sollen sauber und das Obergewand lang sein. Er dürfe weder seine Augen neugierig umherschweifen lassen, noch seine Hände geschäftig bewegen, sondern wie ein Diener voll Furcht und Angst vor seinem Herrn stehen. Der Vortrag müsse ruhig, deutlich und sinngemäß, sein und die Betonung den Regeln der Grammatik entsprechend. Auch in seinem Verhalten außerhalb des Gottesdienstes solle der Vorbeter darauf achten, daß er sich nicht in Streitigkeiten von Gemeindemitgliedern menge, und dadurch vermeiden, daß irgend jemand Groll gegen ihn im Herzen hege. Er mußte auf die Melodie achten, um jedes Gebet in der angemessenen Weise vorzutragen. Es wurde durchaus nicht gebilligt, wenn man eine Melodie, an die eine Gemeinde bereits gewöhnt war, leichtherzig änderte, weil Melodie und Gebetstück im Laufe der Zeit so eng miteinander verwachsen, daß sie nur zum Schaden der allgemeinen Andacht getrennt werden könnten. Ebenso wurde die Aufnahme anderer Singweisen für den Gottesdienst mißbilligt und das laute Mitsingen der Gemeinde mit dem Vorbeter getadelt. Auf den Gesang der Psalmen im Morgengebet wurde besonders viel Zeit verwendet. Die Lebensweise der meisten Kantoren und Rabbiner jener Zeit, die überdies nicht allein mit den Vorurteilen her Andersgläubigen in den höheren und niederen Kreisen gegen die Juden kämpfen mußten, sondern die auch in den meisten Fällen, kümmerlich ihr Leben fristend, nur auf eine kärgliche Besoldung angewiesen waren, war im allgemeinen eine asketische. Aber sie entsagten willig allen überflüssigen, irdischen Freuden und Genüssen, da sie im Studium der Thora und in der Erforschung der Wissenschaften Ersatz Sette 5 suchten und fanden für alle Annehmlichkeitm des Dasein-, die sie entbehren mußten. In der Regel waren die Vorbeter auch Komponisten und diesen haben wir zahlreiche mehr oder weniger poetische Gebete zu verdanken. Hervorragende Rabbiner de- Mittelalter-, zum Beispiel Rabbi Josef Aldo, forderten mit großem Nachdruck einen weihevollen, harmonischen und erhebenden Gottesdienst. So sagt zum Beispiel der Letztgenannte: Die Gebete müssen auch dem Ohre angenehm sein und wohl klingen. Ueber den ungebührlichen Lärm, welcher hie und da in manchem Gotteshause des Mittelalters zu Tage trat, ereiferten sich viele Rabbiner jener Zeit. So heißt es zum Beispiel in den Responsen des Rabbi. David Abi Simren: „Wenn Israel in seinen Gotteshäusern lärmt und poltert, entfernt sich sogleich die Schechinar (die göttliche Weihe). Diejenigen Vorbeier und Kantoren, welche es verstanden haben, durch ihre Stimmittel und ihren seelenvollen Vortrag diese Melodien so recht zu Gehör zu bringen und da- Gemüt ihrer Zuhörer zu bewegen, waren auch die gefeierten Lieblinge des Publikums und sie stritten sich manchmal in Bezug auf Volkstümlichkeit mit den Rabbinern, namentlich denjenigen, welche über die hinreißende Begabung de- Predigers nur in bescheidenem Maße verfügten. Ueber einen solchen Chasan in Oesterreich sprach sich einmal ein berühmter Prediger in folgender neidloser Weise aus: „Diese Stimme, wer vermag sie zu schildern- Ihre Stärke und ihre Zartheit, ihre Höhe und ihre Tiefe, ihre Fülle und ihre Feinheit, ihre Weihe und ihre Wirkung, ihren Wohlklang und ihren erschütternden Gesang- Diese Stimme entzückte, überwältigte, begeisterte, öffnete die Pforten des Himmels, drang ein in die Tiefen der Seele, entlockte den Augen Tränen der Freude, der Treue und der Reue. Vor chren mächtigen Pofaunenfchall erbebte der Sünder, wenn sie da- Gottesgericht schilderte, aus chren süßen und sanften Klängen quoll Erbarmen und himmlische „Ich kam mit meiner Schwester," antwortete sie, und um weitere Erkundigungen nach dieser zu verhindern, brach sie hastw das Gespräch ab und gab demselben mit her Frage, ob jetzt der Walzer ..Donauwellen" gespielt würde, eine andere Wendung. Er hatte wohl chre Aeußerung überhört, denn er sah sie ganz überrascht an. „Sie kamen mit Ihrer Schwester? Oh, es wäre mir sehr angenehm, Ihre Schwester kennen zu lernen. Stellen Sie mich doch, bitte, ihr vor." Arme Klara! Was muß sie dabei empfunden haben! Aber ihr blieb kein andrer Ausweg, sie mußte ihn zu SMhie führen und ihn vorstellen. „Warum tat sie das?" fragte ich mich verwundert, und unwiRürkich ballte ich die Faust. DaS Orchester intonierte einen neuen Walzer. De- Doftor- Anttitz strahlte, er engagierte Sophie zum Tanze. Oh. diese Tänzer — welche gefährliche Konkurrenten sind sie den Heiratsvermittlern! Klara zog sich indeffen ganz verstört'in eine Ecke zurück, wo sie sich niederließ. Fünf qualvolle Minuten vergingen. Klara schien einer Ohnmacht nahe, mü^ rich eilte' sofort zu ihr. ^MMeypa», smdSwkrank?" fragte ich sie sanft. Me erhob ih«n Kaps und starrste mich cm, als wenn sie mich wiMich bei lebendigen Leibe verschlingen wollte. „Wie kommen Sie dazu, mir einen solchen Don Juan zuzuführen?" fragte sie heftig erregt. Ich schwieg; daschien mir in diesem Falle das Ratsamste zu sein. Ich mußte den Doktor auf jeden Fall sprechen. Ein schwacher Hoffnungsstrahl war noch in meinem Heiyen. In dem fürchterlichen Menschengewühl« warm mir meine beiden Schützlinge verloren gegangen. Endlich fand ich sie. Er war wirklich nicht dumm, er schien sich bis über die Ohren in sie verliebt zu habm. Aber welchen Vorteil hatte es für mich? Sophie war arm, das war der Bräutigam auch. Der Doktor sprach mit Enthusiasmus von den gutm Eigenschaften deS Weibes, worauf Sophie bemerkte: „Oh neben den guten Eigenschaften kommt doch hauptsächlich etwas anderes bei der Heirat eines Mädchenin Betracht." „Natürlich, ein gewisser Grad von Klugheit und — Schönheit, Eigenschaften, auf die Sie sehr stolz fei» können," sagte der Doktor entzückt. „Nein daS meinte ich nicht; es ist etwaandere-, aber ich fürchte Sie zu verletzen —.” Sie brach plötzlich ab, da ich mich in diesem Augen» blick ihnm näherte. (Schluß folgt.)