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Die Wahrheit · 1920-12-15 · Heft 21 (15.12.1920) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 21 (15.12.1920)
Date
1920-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Die Wahr heit M. 21 Ueber das religiöse Leben der deutschen ^Zuden des Mittelalters mit besonderer Berücksichtigung der synagogalen Tätigkeit der damaligen Aantoren. Während einer Krankheit, die mich längere Zeit ans Bett feffelte, hatte ich zur Genüge Zeit und Gelegenheit, mich mit anregender Lektüre zu befassen. Unter anderem tt»m mir das von Dr. Adolf Kohut im Jahre 1698 verfaßte und herausgegebene Handbuch für die jüdische Familie in die Hand, welches eine' übersichtliche Darstellung . sowohl des äußeren, wie des inneren Lebens der deutschen Juden von den frühesten Zeiten bis auf die Gegenwart entwirft; ein Buch, welches allgemein interessierende und die Kulturströmungen von mehr als ein Jahrtausend berücksichtigende Bilder in fesselnder Weise auf Grundlage der zuverlässigsten Quellen entrollt. Im zehnten Kapitel dieses lesenswerten Buches schildert der Autor das religiöse Leben der deutschen Juden des Mittelalters, welche in den trübsten Zeiten und inmitten der grauenerregendsten Verfolgungen eine Zufluchtsstätte in ihren Familienhäufern fanden, wo der Haß und das Geschrei der Verfolger von draußen nicht hineindrang, wo für sie eine Welt sich auftat, voll Freude und Jubel, voll Hoffnungen und Idealen. Me der Me jüdische Tempel den Mitttelpunkt des ganzen geistigen und religiösen Lebens bildete, so gestaltete sich auch im Mittelalter die Synagoge zur allgemeinen Zentrale im Leben des jüdischen Stammes. Nicht allein die Wohnstätten gruppierten sich ringsumher, nicht allein die Gasse, das sogenannte „Ghetto", umgab die heilige Stätte, sondern sie büdete auch für die gesamten Angelegenheiten der Gemeinde einen gemeinsamen Sammel- und Brennpunkt. WW Irmllrlm WW Der Schadchen. Aus dem Englischen übersetzt von Hermann B e r n st e i n. (Fortsetzung.) Auf dem Ruffenball sollten der Arzt und Mr. Goldstein den Schwestern vorgestellt werden Eine unerklärliche Unruhe quälte mich den ganzen Tag. Niemals war es mir bisher eingefallen, meine Privatsache dem Gebet einzufügen, aber heute bat ich den lieben Gott um seinen Beistand. Es war nach 8 Uhr abends geworden, als ich meine Wohnung verließ. Malke trat zu mir und sagte in einem halb ernsthaften, halb ironischen Tone zu mir: „Wenn eS nicht ganz nach Wunsch geht, brauchst Du Dich nicht zu grämen, Baruch! Gott wird helfen, er ist barmherzig!" Als ich den Ballsaal bettat, wiegten sich die maskierten Paare gerade nach den Klängen eines russischen Walzers. Mein Doktor warschon zur Stelle, und diese günstige Gelegenheit benutzte ich, um ihm noch einmal zu erklären, daß die Shermans sehr fein wären, und daß sie gewöhnlich Die Synagoge war also das Zentrum des ganzen Denkens und Empfindens, aller Bestrebungen und Wünsche der deutschen Juden. Sie war nicht nur der Ort, wo man betete, sondern wo sie auch lebten, daher spiegelte sich alle- Ernste und Heitere im Dasein der Synagoge wieder. Die ganze Gemeinde war wie eine größere vereinigte Familie und jedes Gemeindemitglied nahm lebhaften Anteil an den Freuden und Leiden des Nächsten. Sogar halachische Vorträge hielten die Men Rabbiner in den Synagogen, wo die Schriftgelehrten die Fülle ihrer Kenntnisse und ihre scharfe Dialektik zu zeigen reiche Gelegenheit hatten. Die Debatten, an denen sich alle Talmudisten beteiligten, dauerten oft stundenlang, ohne daß immer entschieden werden konnte, welcher Seite der Sieg zugeschrieben werden dürfte. Das Gotteshaus diente gar oft auch als ein Ort der Bekanntmachung für alle die Ereignisse, welche in das Leben der Gemeinde eingriffen. Auf die äußere Ausgestaltung legten sie selten so hohes Gewicht, wie dies zum Beispiel die alten Synagogen in Worms, Mainz, Fürt, Prag, Erfurt und andere Städte beweisen, wie auf das Innere, das oft mit den herrlichsten Verzierungen, Prachtgeschmeiden und Prachtgewändern ausgestattet war. Für den Vortrag des Kantors. „Chasan" genannt, bestanden schon im -frühen Mittelalter alte, bekannte und feststehende Melodien für die verschiedenen Andachten und Gebetsstücke. Berufsmäßige Kantoren in unserem modernen Sinne haben wohl damals nicht existiert, sie sind erst später entstanden. Der Vorbeter wurde jeweilig vom „Rosch- Haknesses" bestimmt; er hatte die Abschnitte aus der Thora vorzutragen und vor die Lade zu treten, das heißt, die Gebete zu verrichten. Es waren zumeist Laien, welche dieses Amt versahen; doch verlangte man von dem Betreffenden, daß er ein „Hogon", das heißt ein Mann von tadellosem Lebenswandel, demütigen Sinnes und beliebt beim Volke sei und auch eine liebliche, angenehme Stimme habe. An die erst sehr spät erschienen. Es war aber bald 10 Uhr, und ich begann nun doch etwas unruhig zu werden. Der Gedanke, daß Mr. Goldstein mich und Sophie Shermann im Stiche lasten könnte, war mir fürchterlich. Was sollte ich nur sagen? Irgend etwas Ernstes mußte ihm zugestoßen sein. Die Schwestern kamen meiner Instruktion gemäß ziemlich spät. Ich empfing sie an der Tür, und führte sie in die Garderobe. Dann erzählte ich ihnen so schonend als möglich, daß Herr Goldstein nicht anwesend sei. „Aber der Doktor ist doch hier?" fragte Klara erregt. „Gewiß!" erwiderte ich. Klaras Augen begannen zu leuchten. Der Doktor war also da, um sie kennen zu lernen. Ich war Sophiens wegen sehr traurig und fühlte mich verpflichtet, ihr Gesellschaft zu leisten. Aber als ich wahrnahm, daß sie doch eine Menge Bekannte dort hatte, fühlte ich eine große Erleichterung. Ich setzte mich in eine Loge des Saales, und zwar so, daß ich die Fortschritte meiner Schützlinge genau beobachten konnte. Ich richtete meine Augen starr auf Klara und den Doktor. Alleandere im Saale erschien mir unwichtig und nebensächlich. Sie tanzten zwei Walzer. Dann stockte plötzlich ihre gute Unterhaltung. Nun schien dem Doktor ein äußerst kluger Gedanke gekommen zu sein. Er fragte sie, weshalb sie so spät und auch ohne jede Begleitung hier erschienen wäre.

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