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Die Wahrheit · 1920-12-15 · Heft 21 (15.12.1920) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 21 (15.12.1920)
Date
1920-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MaWMLeHelWKW MMeÄntereskn Fernrufs KkV-X^7!Q« uADMiNlSTRATlON 42 2-16 Wien, 2. Kaiser Josesstratze 13 XXXVI. Jahrgang Wien, LS. Dezember ISS« Rnmmer SL Znm hundertjährigen Jubiläum der jüdischen Geschichtsschreibung. „Gedenke der Tage der Urzeit, merket auf die Jahre der Geschlechter." (5. B. M. 32., 7.) Die jüdische Geschichtsschreibung feiert in diesem Jahre ihr hundertjähriges Jubiläum, denn im Jahre 1820 begann Isaak Markus Jost seine neunbändige „Geschichte der Jskaeliten" zu veröffentlichen. Das großangelegte Werk fand keinen Anklang. Es befriedigte weder die jüdischen, noch die christlichen Leser. Der bescheidene Verfaffer bezeichnte selbst die große Arbeit als einen „Rohbau, nur zu dem Zwecke aüfgerichtet, das vorhandene.Material unter Dach zu bringen". Mit einem solchen Rohbau konnte aber der Verfaffer nicht das erzielen, was der deutsche Dichterfürst als „das Beste, was wir von der Geschichte haben", bezeichnet; konnte keinen Enthusiasmus erregen, keine Begeisterung in den Herzen der Leser wecken. Er hat auch den Wert und die hohe Bedeutung der nachbiblischen Schöpfungen unterschätzt, die das jüdische Volk ins Leben gerufen. Christliche Theologen und Historiker hatten es ihren dankbaren Lesern glauben gemacht, daß die Geschichte des jüdischen Volkes eigentlich mit dem Abschluffe der Bibel und mit der Zerstörung Jerusalems ihr Ende erreicht habe. Dem gegenüber konnte nicht scharf genug betont werden, daß das vermeintliche Ende einen neuen Anfang, „der Untergang des jüdischen Staates die Auferstehung des jüdischen Geistes bedeute". Es mußte gezeigt werden, daß der Zusammenhang zwischen der Gegenwart und der biblischen Zeit durch den Fall Zions nicht unterbrochen wurde. Das tat nicht Jost, ihm fehlte dazu der Zeiten und Geschehniffe durchdringende Tiefblick. — Das tat fein großer Nachfolger, Heinrich Grätz. Grätz erkannte mit sicherem Blick, daß das jüdische Volk als ein Volk der Idee sich stets nur um geistige Zentren gruppiert hat. Daß auch Jerusalem in den letzten Jahrhunderten nicht wegen der zahlreichen Bevölkerung die Hauptstadt der Juden aller Länder und Weltteile war und auch nicht wegen des Tempels, sondern weil es den Sitz der religiösen Behörden, des Synhedrion bildete, weil von Zion die Lehre ausging und das Wort Gottes aus Jerusalem. An Stelle Jerusalems trat dann Jabneh, Uschah und andere Städte, in welchen die Geistesheroen zusammentraten, Gesetze schufen. Feste und Reumonde bestimmten; die Heimat wurde durch eine neue, durch eine geistige Heimat ersetzt. „Dieselbe Bestimmung," schrieb Grätz sieben Jahre vor dem Erscheinen seines Geschichtswerkes, „dieselbe Bestimmung, welche die Raturgrenze Palästinas für das Judentum hatten, der hohe Libanon im Norden, die Sandwüste der Ostnnd Südgrenze, das halbtrennende Meer im We-. sten, das heilige Land von einer allzu innigen Berührung mit der polytheistischen Welt abzuschneiden, ganz dieselben Bestimmungen haben die Umzäunungen des Talmudismus für die Exilszeit. . . Ihm allein hat das Judentum seine Fortdauer und seinen Bestand zu verdanken." (Zeitschrift für die religiösen Jntereffen des Judentums 1846, 366). Diese Worte erklären die große Bedeutung die Grätz der nachbiblischen Zeit zuerkannt und welche auch in der Tatsache ihren Ausdruck fand, daß er die lange Bändereihe seines großen Geschichtswerkes nicht mit dem ersten, sondern mit dem vierten Bande zu veröffentlichen begann. In diesem Bande der die Geschichte der Juden vom Untergange des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud behandelt, zeigte er nämlich der erstaunten Welt, daß die Geschichte des jüdischen Volkes keineswegs mit dem Untergange des jüdischen Staates ihren Abschluß gefunden. Er zeigte das jüdische Volk in einem herrlichen Mppelbilde. „Von der einen Seite das geknechtete Juda mit dem Wanderstabe in der Hand, dem Pilgerbündel aup jfcem Rücken, mit verdüsterten, zum Himmel gerichteten HLgen, umgeben von Kerkerwänden, Marterwerkzeugen unR dem glühenden Eisen der Brandmarkung; auf der anderen Seite dieselbe Figur mit dem Ernste des Denkers auf der lichten Stirn, mit der Forschermiene in den verklärten Gesichtszügen, in einem Lehrsaale, gefüllt mit einer Riesenbibliothek in allen Sprachen der Menschen, über alle Zweige des göttlichen und menschlichen Wiffens, Knechtsgestalt mit Denkerstolz." Es kann nicht geleugnet werden, daß Grätz in seinem Urteile über Personen und Ereignisse oft, allzuoft fehlgegriffen, Geschichtsquellen mißverstanden und oberflächlich behandelt hat. Aber das Ziel, das dem Historcker bei seiner Arbeit vorschweben muß, hat er erreicht. Das glänzend geschriebene Werk hat bei seinem Erscheinen eine tiefe Wirkung auf seine Leser geübt; es hat mehrere Auflagen erlebt, wurde in alle Weltsprachen übersetzt und wird noch immer von ungezählten Tausenden, von Juden und Nichtjuden gelesen und bewundert. Dr. F.

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