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Die Wahrheit · 1920-12-01 · Heft 20 (1.12.1920) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 20 (1.12.1920)
Date
1920-12-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 12 Die Wahrheit Nr. sö Oberkautor Jakobowitsch. Die Judenschaft der Brigittenau, die mit großer Liebe an ihrem Tempel in der Kluckygaffe hängt, hatte am letztvergangenen Sabbath ein synagogal-künstlerisches Erlebnis, das nicht so rasch aus ihrem Herzen schwinden wird. Die kantorale Funktion übte nämlich als Gast der junge Oberkantor Jakobowitsch aus Budapest aus, dem ein großer Ruf vorausgegangen war. In konzentrierter Sammlung und atemloser Höchstspannung lauschte die Gemeinde den Tönen des herrlichen Brautliedes, welches der Gast dem einziehenden Sabbath zum Gruße entbot. Kaum waren die ersten Absätze und Lecho-Daudi aus seinem Munde errungen, fühlten die Betenden, daß vor ihnen ein gottbegnadeter Künstler stand, der alle Vorzüge des alten traditionellen ChazonuS mit den Qualitäten moderner, musikalischer Schulung und Durchbildung in sich vereinigt. Mit einer wundervollen, durch alle Register einer üppigen voluminösen Mittellage hindurch bis zum hohen C mit spielerischer Leichtigkeit sich erhebende Tenorstimme ausgestaltet, in blendender Koloratur vibrierend, unterstützt von einer seltenen, nur durch gutes „Lernentönnen" zu erwerbenden Fähigkeit des Sagens und Rezttierens, hat der junge Künstler nicht nur alle Herzen im Stmm erobert, sondern auch die zahlreich anwesenden Kollegen und Zachgenosien zu faszinieren vermocht. Aber auch beim Maariw-Gebet vermochte er die andächtige Gemeinde mit seinem seelenvollen Vor-rag zu jenen Regionen emporzutragen, wo der jüdische Mensch in seliger Wunschlosigkeit sich den Freuden des Sabbates hingibt. Stürmische, bisher noch nie vernommene „Jasche Kauach" ertönte von allen Seiten. Israelitischer FraueuWohltätigkeitsBerein für de» 2. und 3. Bezirk. Die erste Generalversammlung dieses Vereines fand am 21. v. M. im Sitzu»gssaale der Kiütusgemeinde unter sehr großer Beteiligung statt. Der Verlauf dieser Versammlung widerlegte das alte Vorurteil, daß Frauen nicht imstande wären, den parlamentarischen Geist in sich auszunehmen und eine Debatte geschäftsordnungsgemäß und sachlich zu führen. Sowohl die Präsidentin Frau Doktor Grunwald, als auch jede einzelne der Rednerinnen erbrachte den vollgültigen Beweis, daß sie auch in dieser Beziehung der Situation vollkommen gewachsen sind. Nach einer Begrüßungsansprache der Vorsitzenden an die Erschienenen, besonders den Präsidenten der Kultusgemeinde Herrn Profeffor Dr. Pick, den Delegierten des Kultusvorstandes Herrn I. Schwarz, das Ehrenmitglied Herrn Direktor Fr. Ullmann, sowie an die Delegierten aller erschienenen Korporationen, führte Frau Dr. Grunwald aus, daß der Verein nicht den Vorteil eines für einen bestimmten spezifischen Zweck arbeitenden Komitees für sich habe, das für seine Schützlinge leichter Mitleid erregen kann. Denn es handelt sich hier um einen Bezirksverein, der nicht so in der großen Oeffentlichkeit hervortritt, sondern im engeren Kreise wirke. Es wird deshalb auch vom Menschen zu Mmscheu gearbeitet und geholfen, umsomehr aber kann jeder einzelne Fall gründlich untersucht und erledigt werden. Nach den Ausführungen der Rednerin nahm Professor Dr. Pick daS Wort, um feine herzliche Begrüßung der Versammlung als Hausherr zu erstatten und dem Vereine auch das beste Gedechen zu wünschen. Es folgte sodann der Tätigkeitsbericht, erstattet von Frau Dr. Mandel, die sich nicht nur durch die Aufzählung der vollbrachten Leistungen, sondern auch durch die glänzende Wiedergabe hervorragend auszeichnete. Auch der sich daranschließende Rechenschaftsbericht der Frau Beran war ein Meisterstück der Berichterstattung, das jeder männlichen Rhetorik zur Ehre gereicht hätte. Nachdem Herr Isidor Schwarz sowohl in der Eigenschaft als Knltusvorsteher, wie auch im eigenen Namen, seiner Anerkennung für das Wirken des Vereines und aufrichtigen Glückwünschen für dessen weiteres Gedeihen Ausdruck gegeben und Gustav Planer in ähnlicher Weise gesprochen hatte, nahm Frau Direktor Ullmann das Wort, die mit einer formvollendeten Rede alle Anwesenden zur Begeisterung hinriß. Desgleichen fand die folgende Rede der Frau Professor Roth den lebhaftesten Beifall. Herr Dr. Löwy von der Zentralstelle für Armensürsorge dankte dem Verein für seine hervorragenden Leistungen und lenkte die Aufmerksamkeit darauf, daß der Bekleidung armer jüdischer Schulkinder, die sehr viel zu wünschen übrig läßt, geeignete Hilse zuteil werde. Herr. Rabbiner Dr. Grunwald, mit stürmischem Beifall begrüßt, betonte eingangs seiner Rede, daß er gewissermaßen als Vater des Vereines an diesem die herzlichste Freude erlebe. Des weiteren bemerkte er in einer humorvollen Wendung, daß die Frauentätigkeit von den Männern manchmal mißliebig betrachtet werde, weil dadurch das Regiment in Haus und Küche notwendig Schaden erleidet, aber gleichwohl werde die Freude und Genugtuung eine allgemeine, wenn es zu Tage tritt, welche großen idealen Erfolge im Interesse der Nächstenliebe die Tätigkeit dieser Frauen zeitige. Er ermahnte sie deshalb, aus dem betretenen Wege unermüdlich sortzuschreiten und ihre Wirksamkeit in der gleichen Weise im Interesse des allgemeinen Wohles fortzusetzen. Unter dem Eindruck dieser Rede und des großartigen Verlaufes der abgehaltenen Tagung widmeten sehr viele der Anwesenden dem Vereinszwecke größere Spenden. H. Eine Affäre im Elisabethheim. Disziplinwidrigkeiten, wie sie hie und da in allen von Zöglingen bevölkerten Anstalten Vorkommen und sich auch im Elisabethheim ereigneten, gaben der „Morgen-Zeitung" Stoff, daraus eine Affäre zu machen, die von der Leitung des Elisabethheim auf dem Wege der Berichtigung über den wahren Sachverhalt aufgeklärt wurde. Für jeden Unbefangenen war es klar, daß es sich in-diesem Falle um die Handhabung der Hausordnung handelte, ohne welche in einem der Oeffentlichkeit verantwortlichen Institute Zucht und Ordnung nicht aufrecht erhalten werden können. Statt diese Tatsache anzuerkennen, begnügt sich die „Morgen-Zeitung", an den Bericht aus dem Elisabethheim die lakonische Bemerkung zu knüpfen, daß sie mit der Wiedergabe der Zuschrift den verschiedenartigen Gerüchten ein Ende gemacht, sieht. In der Tat ein sehr bequemes Verfahren, an das jedoch einige Reflexionen zu knüpfen sind. Wenn die „Morgen-Zeitung" diese Gerüchte nicht selbst erzeugt hat und sie ihr blos zugetragen wurden, so wäre es ihre publizistische Pflicht gewesen, sich von der Wahrheit zu überzeugen^ bevor das Getratsche zu einer Affäre ausgebauscht wurde, und wir müssen dem Bedauern Ausdruck geben, daß die Unterlassung geeignet wäre, die vielen Gönner und Freunde des so humanitären Elisabethheims in ihren Gesinnungen für diese Anstalt wankend zu machen, was durch vorliegende Notiz voraussichtlich verhindert wird. Gegen de« Antisemitismus in Amerika. Eine von Vertretern der Verbandes der Rabbiner (reformierter Richtung), des Frauenbundes, der Bene-Brith-Logen und deS Abwehrvereins gebildete große Versammlung in Chicago beschloß eine energische Aktion zur Bekämpfung'der auch in Amerika anwachsenden antisemitischen Verleumdungen. Anlaß bot namentlich die Verbreitung des bekannten Machwerkes „Die Protokolle der Aeltesten Zions". Chiefrabbi Dr. Hertz. Vor kurzem fand in London unter Vorsitz von Lionel Rothschild das Abschiedsbankett für den Chiefrabbi Dr. Hertz statt, der sich aus eine Reise, die länger als ein Jahr dauern soll, nach den verschiedenen englischen Kolonien begibt, um einen engeren Kontakt zwischen der dortigen und der englischen Judenheil herzustellen. Reden wurden unter anderem gehalten vom Kolonialminister Lord Millner, Lord Reading, Dr. Gaster und Profeffor Weizmann.

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